Opels Zukunftsplan "Die Situation ist dramatisch"

Drei Jahre Zeit gibt der PSA-Konzern der neuen Tochter Opel, dann müssen die Rüsselsheimer schwarze Zahlen schreiben. Für die Belegschaft heißt das: Sie wird schrumpfen - auch ohne Kündigungen.

PSA-Chef Carlos Tavares Opel-Chef Michael Lohscheller
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PSA-Chef Carlos Tavares Opel-Chef Michael Lohscheller

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Spannung in den Opel-Werken war groß in den vergangenen Tagen. Es war die Zeit der Unkenrufer und Apokalyptiker. Denn auch wenn viele von Sanierung, Turnaround oder Sparkurs sprachen - die Mitarbeiter interessierte nur eins: Wie brutal wird der Stellenkahlschlag ausfallen, der normalerweise mit einem solchen Umbau verbunden ist?

Tatsächlich steht Opel vor einem Neuanfang - wieder einmal. Und vieles spricht dafür, dass es diesmal nicht einfacher wird als die Male zuvor. Allerdings dürften die Chancen größer sein als in der Vergangenheit. Denn Carlos Tavares, Chef des französischen Opel-Eigners PSA Peugeot-Citroën, hat bewiesen, dass er sein Geschäft als Sanierer versteht.

Der Blick auf das Beispiel PSA ist es aber, der auf den Fluren und in den Werkhallen für solchen Alarm sorgte: Schließlich verloren im Zug der Sanierung des Konzerns Tausende ihren Job.

Wenigstens in dieser Hinsicht konnte Opel-Chef Michael Lohscheller am Donnerstag Entwarnung geben, als er der Öffentlichkeit seinen Zukunftsplan präsentierte. Denn dessen Kernbotschaft für die Belegschaft lautete: Seid beruhigt, ihr behaltet eure Arbeit. "Wir wollen unsere Ziele ohne Werksschließung und ohne betriebsbedingte Kündigungen erreichen."

Trotzdem soll mittelfristig die Zahl der Mitarbeiter sinken. Abfindungen und Altersteilzeitprogramme sollen den Abschied im Einzelfall erleichtern. Nach Schätzung von Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach dürften auf diese Weise bis zu 3000 Jobs wegfallen.

PSA-Sanierungsplan als Vorbild

Aber auch diejenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten, werden einiges hinnehmen müssen. So soll zum Beispiel ein Großteil der 40-Stunden-Verträge auf die tariflich vorgesehenen 35 Stunden zurückgestutzt werden, um zusätzlich Lohnkosten zu sparen.

In den anderen Kapiteln liest sich das an diesem Donnerstag von Lohscheller vorgestellte Papier jedoch wie eine Blaupause des Sanierungsplans, den Tavares vor einigen Jahren für PSA ausgeklügelt hat. So sollen die Arbeitsabläufe in den Werkshallen und in der Verwaltung optimiert werden; Modelle, die wenig Erfolg haben oder nur eine schwache Marge bringen, sollen konsequent aus dem Programm fliegen. Unter dem Blech sollen dagegen viel mehr gleiche Teile zum Einsatz kommen, um die Kosten für den Einkauf zu senken.

In diesem Punkt werden sich die Opel-Ingenieure mit ihren französischen Kollegen zusammenraufen müssen, denn das Konzept entfaltet natürlich erst dann seine volle Wirksamkeit, wenn es markenübergreifend eingesetzt wird. Schlucken dürften in erster Linie die Motorenbauer, denn sie werden schon bald auf ihre eigenen Konstruktionen verzichten müssen. Die Getriebe- und Motorenpalette von Opel gilt als veraltet und kaum geeignet, um weitere Verschärfungen der CO2-Grenzwerte zu schaffen.

Auf z u neuen Ufern

Das klingt zunächst wie ein Aufruf zur Unterwerfung unter das Diktat aus Paris. Tatsächlich aber soll der Spielraum der Techniker in Zukunft eher größer werden. Denn Tavares verspricht dem Entwicklungszentrum in Rüsselsheim für die Zukunft große Autonomie bei der Gestaltung der Opel- und Vauxhall-Modelle. "Wir haben kein Mikro-Management mit Opel-Vauxhall vor. Opel bleibt in der Hand des Opel-Chefs und des Vorstands."

Bis 2020 sind neun neue Modelle geplant: so etwa der Opel Combo 2018 und der neue Corsa 2019. Der Kleinwagen soll auch als reines Elektroauto gebaut werden. Auch Zukunftsthemen wie die Brennstoffzelle für den gesamten Konzern sollen in Rüsselsheim angesiedelt sein.

Darüber hinaus soll auch der Spielraum für die Expansion in neue Märkte deutlich wachsen. Die Beschränkung auf Europa, die die frühere Opel-Mutter General Motors einst verfügt hatte, entfällt. Einzige Bedingung: Die Eroberung des neuen Marktes muss im Einzelfall Erfolg und vor allem Gewinne versprechen.

Drei Jahre Zeit

Ohnehin kommt alles, was kostet, auf den Prüfstein. Grob überschlagen sollen die beschriebenen Maßnahmen zu Einsparungen von durchschnittlich 700 Euro pro Auto führen. Bereits ab 800.000 Autos wird den Kalkulationen zufolge dann die Gewinnzone erreicht. Wenn es dann noch klappt, die Kunden auch noch ohne große Rabatte vom Kauf zu überzeugen, könnte es gelingen, so hofft Lohscheller, die von Tavares vorgegebenen Renditeziele zu erreichen.

Drei Jahre hat Opel nun Zeit, um schwarze Zahlen zu schreiben, ab 2020 soll die Marge bereits zwei Prozent betragen. Bis 2026 sollen es sechs Prozent sein. Lohscheller rechnet durch den gemeinsamen Konzern mit jährlichen Kostenvorteilen von 1,1 Milliarden Euro bis 2020 und 1,7 Milliarden bis 2026.

Viel Spielraum lässt Tavares den Opelanern jedoch nicht. "Es muss ganz klar sein, dass wir nur 5 Prozent geleistet haben und jetzt 95 Prozent der Umsetzung vor uns haben", sagte der Manager. "Die Situation ist dramatisch, das sollten wir ohne Umschweife auch sagen." Man dürfe keine Zeit verlieren.

Zusammengefasst: Unter der Ägide des neuen Eigentümers PSA Peugeot Citroën bekommt Opel noch einmal eine Chance. Drei Jahre hat der Konzern nun Zeit, um schwarze Zahlen zu schreiben, ab 2020 soll die Marge bereits zwei Prozent betragen. Doch auch, wenn es keine Entlassungen geben soll - um einen Stellenabbau kommt Opel nicht herum.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Nordstadtbewohner 09.11.2017
1. Es wird spannend!
Ich frage mich, wer nach all den Stellenabbauen der vergangenen und kommenden Jahre bei Opel noch Autos bauen soll, wenn für die Verbliebenen die Arbeitswoche von 40 auf 35 Stunden gesenkt werden soll. Ich würde eher wieder die 40-Stundenwoche einführen, jedoch ohne Lohnausgleich. So könnten die Lohnstückkosten gesenkt werden und die Werke besser ausgelastet werden. Die Opelleute müssen von ihren zu hohen Löhnen runter und die Angebotspalette entschlacken. Wenn es Tavares nicht schafft, kann Opel dichtmachen.
capote 09.11.2017
2. Umetikettiert
Ob sich französische Autos von PSA in Deutschland besser verkaufen unter dem Namen OPEL halte ich für fraglich.
MiniDragon 09.11.2017
3. OPEL, PSA ,Dongfeng
War da nicht mal was ? Googel weiß alles: https://www.welt.de/wirtschaft/article162218558/Der-wahre-Sieger-des-Opel-Deals-heisst-Dongfeng.html Und für alle die nicht wissen was die Dongfeng Grooup ist: https://www.produktion.de/chinas-industrieriesen-archiv/das-ist-dongfeng-der-weltgroesste-nutzfahrzeug-hersteller-305.html (Aktien von Dongfeng werden auch in HK und in Deutschland gehandelt , und ihre Dividendenrendite ist besser als die von GM :-) )
max-mustermann 09.11.2017
4.
Zitat von NordstadtbewohnerIch frage mich, wer nach all den Stellenabbauen der vergangenen und kommenden Jahre bei Opel noch Autos bauen soll, wenn für die Verbliebenen die Arbeitswoche von 40 auf 35 Stunden gesenkt werden soll. Ich würde eher wieder die 40-Stundenwoche einführen, jedoch ohne Lohnausgleich. So könnten die Lohnstückkosten gesenkt werden und die Werke besser ausgelastet werden. Die Opelleute müssen von ihren zu hohen Löhnen runter und die Angebotspalette entschlacken. Wenn es Tavares nicht schafft, kann Opel dichtmachen.
Natürlich oder die Arbeiter arbeiten einfach kostenlos aus reiner Dankbarkeit überhaupt arbeiten zu dürfen. Wie wäre es wenn stattdessen mal das komplette Management deutliche Lohnkürzungen (10 Euro die Stunde dürften völlig ausreichen) und die Streichung sämtlicher Boni verordnet bekommt. Aber das geht bei den selbsternannten Leistungsträgern natürlich nicht da soll dann doch lieber der "faule" Pöbel in der Produktion den Gürtel enger schnallen.
anselmwuestegern 09.11.2017
5.
Waren die 40 Stunden nicht ein Entgegenkommen der Belegschaft und ohne Lohnausgleich zu den 35 Stunden vonstatten gegangen? Jetzt sollen sie davon dann wieder abgeben? Wenn es dafür keine Kündigung, sondern nur Vorruhestand gibt,... Lieber eine Arbeit für 35 Stunden, als keine Arbeit.
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