Opioidkrise in den USA Das große Feilschen kommt erst noch

Der Vergleich in Ohio ist nur der Auftakt: Amerikas Pharmaindustrie wird für ihre Mitverantwortung an der Opioidkrise Milliarden zahlen müssen. Doch Bundesstaaten und Gemeinden streiten schon jetzt um das Geld.
Verfahrensbeteiligte nach dem Vergleich in Ohio: Lukratives Geschäft für Anwälte

Verfahrensbeteiligte nach dem Vergleich in Ohio: Lukratives Geschäft für Anwälte

Foto: David Dermer/ AP

Der Prozess fiel aus, aber einen klaren Gewinner gibt es trotzdem: die Anwälte. Bis ein Uhr morgens feilschten rund 60 Juristen der Pharmaindustrie und der Kläger miteinander. Dann stand der Deal: Die Pillenvermarkter erklärten sich bereit, für ihre Mitverantwortung an der verheerenden Opioidkrise in Amerika 260 Millionen Dollar an zwei Bezirke in Ohio zu zahlen - selbstredend ohne explizites Schuldeingeständnis. Richter Dan Polster blies daraufhin die für Montag an seinem Gericht in Cleveland anberaumte Verhandlung ab.

Die Prozessvertreter dürften in dieser Nacht die ein oder andere Million verdient haben. Wie lukrativ der Beruf sein kann, lässt sich an ähnlichen Fällen der Vergangenheit studieren: Der Bundesstaat West Virginia hatte sich als erster in vier Vergleichen mit Herstellern und Großhändlern der suchtgefährdenden Schmerzmittel geeinigt: Von den insgesamt 94 Millionen Dollar Entschädigung gingen nach Berechnung der "Washington Post" 24 Millionen Dollar für die vom Staat angeheuerten Anwälte drauf - ein Viertel der Gesamtsumme.

Der ganz große Deal steht noch aus

Was nach viel Geld klingt, sind Peanuts verglichen mit dem, was noch kommen dürfte. Der in Cleveland ausgehandelte Vergleich betrifft lediglich zwei von rund 2500 Klagen gegen die Pharmaindustrie. Die Gemeinden warfen den drei führenden Großhändlern McKesson, Cardinal Health und AmerisourceBergen sowie der Apothekenkette Walgreens und dem israelischen Arzneimittelhersteller Teva eine Mitschuld an der Suchtepidemie vor, die mit der massenweisen Verschreibung des Schmerzmittels Oxycontin in den Neunzigerjahren begann.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind 400.000 Amerikaner an einer Überdosis legaler und illegaler Opioide - vor allem Heroin und Fentanyl - gestorben. Walgreens schloss sich dem Vergleich nicht an.

Für beide Seiten hat der Deal Vorteile: Den Pharmafirmen bleibt erspart, dass Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen, die mutmaßlich kein gutes Licht auf ihre Geschäftspraktiken werfen. Die Kläger werfen der Branche vor, ihre gefährlichen Pillen aggressiv vermarktet und die Suchtgefahr wider besseres Wissen heruntergespielt zu haben. Hinweise auf zunehmenden Missbrauch wurden ignoriert, Hauptsache das Geschäft lief.

Doch auch die Kläger haben ein Interesse an einer Einigung. Während sich Gerichtsprozesse oft jahrelang hinziehen, bekommen sie schnell Geld, das sie dringend für die Suchtbekämpfung brauchen.

Pharmafirmen haben 48 Milliarden Dollar geboten

Nun wird über den ganz großen Deal verhandelt, der sämtliche Klagen der Bundesstaaten, Bezirke, Städte und Indianerstämme auf Bundesebene in einem Aufwasch beilegen soll. Die Pharmabranche hat 48 Milliarden Dollar angeboten: 22 Milliarden Dollar Cash, weitere 26 Milliarden Dollar sollen in Form von Medikamenten und Hilfen gegen die Abhängigkeit fließen.

Die Fäden laufen bei Richter Dan Polster in Cleveland zusammen, der angesichts der immensen Komplexität der Fälle einen Vergleich für die beste Lösung hält. "Falls jemand fragt, wieso die Rechtsprechung eine 20 Jahre dauernde gesellschaftliche Epidemie lösen soll - ich frage mich das auch", hat Polster erklärt.

Am vergangenen Freitag zitierte der Richter die Chefs von fünf Konzernen und die Vertreter der Gegenseite in seine Stadt am Ufer des Eriesees. Er platzierte die Manager und ihre Anwälte in einen Raum des Gerichtsgebäudes, die Vertreter der Bundesstaaten in einen zweiten und die klagenden Gemeinden in einen dritten. Dann setzte er eine zehnstündige rege Pendeldiplomatie unterstützt von Kaffee und Diät-Cola in Gang. Am Ende aber scheiterte der Befriedungsversuch.

Wo wird das Geld am Ende landen?

Die Fronten verlaufen nicht nur zwischen Klägern und Beklagten. Auch zwischen den Staaten ist umstritten, wie man am besten vorgeht und mit welcher Summe man sich zufriedengeben soll. So kritisiert der Generalstaatsanwalt von Ohio, Dave Yost, dass vier seiner Länderkollegen, die die Verhandlungen maßgeblich führen, sich nicht ausreichend rückkoppelten. "Der Mangel an Rücksprachen mit anderen Generalstaatsanwälten" könnte dazu führen, dass diese eine Vereinbarung am Ende ablehnten, warnte Yost. Das habe man bei dem vom Oxycontin-Hersteller Purdue Pharma mit seinen Klägern im Alleingang abgeschlossenen Vergleich erlebt.

Medikament Oxycontin des Herstellers Purdue Pharma

Medikament Oxycontin des Herstellers Purdue Pharma

Foto: George Frey/ REUTERS

Vor allem aber mauern die Kommunen. Man sei "tief enttäuscht, dass die Städte und Bezirke sich weigern, den Deal anzunehmen", schimpfte North Carolinas Chefjurist Josh Stein nach dem Scheitern der großen Verhandlungsrunde in Cleveland. Doch die Gemeinden haben Angst, dass das Geld am Ende nicht bei ihnen ankommt, sondern in den Haushalten der Finanzminister der Bundesstaaten versickert.

Es ist eine Art Déjà-vu: Als die Zigarettenindustrie in den Neunzigerjahren nach langen Kämpfen 206 Milliarden Dollar lockermachte, kam am Ende nur ein Bruchteil in der Suchtbekämpfung an. Stattdessen stopften die Staaten Haushaltslöcher.

"Der Zauberer von Oz" als Beweismittel vor Gericht

Das wollen die Gemeinden diesmal unbedingt verhindern. "Wir sind diejenigen, die die Notrufe annehmen, die mit den Überdosen in den Toiletten unserer Büchereien umgehen, die die Auswirkungen auf die Familien zu spüren bekommen", sagte die Anwältin der Stadt Denver, Kristin Bronson. Viele Kommunen kämpfen damit, genügend Pflegeeltern für vernachlässigte Kinder von Drogenabhängigen zu finden.

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Womöglich schon am heutigen Dienstag soll nun weiterverhandelt werden. Egal, was dabei herauskommt - die Anwälte werden an der Entschädigung mitverdienen.

Einer allerdings ist trotzdem enttäuscht. Er habe sich auf den Montag perfekt vorbereitet gehabt, sagte der texanische Klägeranwalt Mark Lanier nach der Absage des Termins. Als Erstes wollte Lanier den Geschworenen die Geschichte der Opioid-Abhängigkeit seit dem 19. Jahrhundert nahebringen. Er habe sich dazu eine Erstausgabe von "Der Zauberer von Oz" besorgt. Darin sinkt das Mädchen Dorothy betäubt vom Duft eines roten Mohnfeldes in den Schlaf. Für Lanier der Beweis, dass die Gefahren von Opioiden schon lange bekannt waren.

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