Prozesse wegen Schmerzmittelkrise Die große Abrechnung

Aggressive Werbung für hochgefährliche Produkte: Amerikas Pharmaindustrie flutete den Markt mit Schmerzmitteln - und trägt eine Mitschuld an der Opioid-Krise mit mehr als 400.000 Toten. Jetzt wird die Branche endlich härter rangenommen.
Oxycodon vom Pharmariesen Johnson & Johnson: Von den Anklägern wurde das Unternehmen als "Drogenboss" bezeichnet

Oxycodon vom Pharmariesen Johnson & Johnson: Von den Anklägern wurde das Unternehmen als "Drogenboss" bezeichnet

Foto: JOHN MOORE/ AFP

Der Mann in dem Video sitzt vor einer halbleeren Bücherwand, er trägt einen perfekt geschnittenen Anzug, die Lesebrille hält er zwischen den Händen. Er wirkt beherrscht, aber auch leicht genervt. "Wie viel hat die Sackler-Familie am Verkauf von Oxycontin verdient?", fragt eine Stimme aus dem Off. "Weiß ich nicht", antwortet der Mann. Es ist die Antwort, die Richard Sackler an diesem Tag mehr als hundert Mal geben wird.

Vielen Amerikanern war der Name Sackler seit Langem ein Begriff: eine Familie wohlhabender Philanthropen, die großzügig an Kunstmuseen wie das Guggenheim spendeten.

Doch nun ist Richard Sackler zum Gesicht einer Branche geworden, die nach Meinung ihrer Kritiker im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Die Pharmaindustrie ist angeklagt, mit einer aggressiven und wahrheitsverdrehenden Vermarktung ihrer Schmerzmittel die Opioid-Krise in den USA ausgelöst zu haben, die bis heute rund 400.000 Tote zählt.

Im Visier der Ankläger steht das Sackler-Unternehmen Purdue Pharma, aber auch der Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson, Generika-Hersteller wie Teva und führende Großhändler in den USA. Experten zufolge wird es dabei nicht bleiben: Die Apothekenkette Walgreens und sogar der Supermarktgigant Walmart, der ebenfalls Pillen verkauft, sind auf der möglichen Schussliste der Strafverfolger.

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Das Video stammt vom August 2015. Die eidesstattliche Befragung von Richard Sackler in einem Büro in Louisville, Kentucky, wurde damals von der Staatsanwaltschaft aufgezeichnet. Vier Monate später erklärte sich Purdue bereit, dem Bundesstaat eine Entschädigung von 24 Millionen Dollar zu zahlen. Ohne Schuldbekenntnis. Vier weitere Jahre kämpfte das Unternehmen vor Gericht darum, dass die Aufzeichnung geheim bleibt. Vor wenigen Wochen aber hat die Nachrichtenseite STAT  die Veröffentlichung durchgesetzt.

Milliardendeal mit Bundesstaaten, Städten und Gemeinden

Purdue Pharma steht vor dem Aus. Mit einem Insolvenzverfahren will das Unternehmen die mehr als 2000 anhängigen Klagen wegen Oxycontin beilegen, wie der Konzern am Sonntagabend mitteilte.

Schmerzmittel Oxycontin: Rund 400.000 Todesfälle

Schmerzmittel Oxycontin: Rund 400.000 Todesfälle

Foto: George Frey/ REUTERS

Hintergrund ist ein Vergleich, den Purdue mit 23 Bundesstaaten und mehr als 2000 Städten und Gemeinden ausgehandelt hat: Er sieht vor, dass das Unternehmen in die Insolvenz geht - und kurz danach als Stiftung wiederaufersteht, deren Gewinne künftig an die Kläger verteilt werden. Diese Stiftung wird weiter das umstrittene Schmerzmittel Oxycontin vertreiben - aber auch Gegenmittel gegen eine Überdosis und Medikamente zur Suchtbehandlung entwickeln. Der Umfang des Deals liegt bei zehn bis zwölf Milliarden Dollar, je nachdem wie gut das Geschäft läuft. Die Sacklers steuern der Vereinbarung gemäß dabei drei Milliarden Dollar aus ihrem Privatvermögen bei.


Videoreportage: Wie Heroin eine amerikanische Familie zerstört hat

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Nicht allen Klägern reicht das. Sie werfen der Familie vor, in den vergangenen Jahren gezielt Mittel aus dem Unternehmen abgezogen zu haben. Die New Yorker Staatsanwaltschaft erklärte am Freitag, man habe Transaktionen von einer Milliarde Dollar unter anderem auf Konten in die Schweiz nachvollzogen. So seien Gelder von einer Muttergesellschaft Purdues über den Ex-Manager Mortimer D.A. Sackler hin zu einer Strohfirma geflossen, der Häuser der Familie in Manhattan und den Hamptons gehören.

Das US-Magazin "Forbes" hat das Vermögen der Sacklers auf rund 13 Milliarden Dollar veranschlagt. Der nun ausgehandelte Vergleich könne "nicht mehr als eine Anzahlung sein", erklärte der Generalstaatsanwalt von Connecticut, William Tong, der sich wie mehrere seiner Kollegen dem Deal nicht anschließen will. Verschiedene Bundesstaaten haben inzwischen auch gegen die Mitglieder der Sackler-Familie persönlich Klage eingereicht.

Familienmitglieder und Freunde von verstorbenen Opioid-Opfern protestieren vor der Unternehmenszentrale von Purdue Pharma in Stamford, Connecticut

Familienmitglieder und Freunde von verstorbenen Opioid-Opfern protestieren vor der Unternehmenszentrale von Purdue Pharma in Stamford, Connecticut

Foto: Jessica Hill/ AP

Mitte Oktober startet ein Prozess

Und längst ist der Opioid-Hersteller aus Stamford in Connecticut nicht mehr das einzige Ziel der Rächer. Mitte Oktober soll in Cleveland ein Prozess mit 22 Beschuldigten starten. Vor Gericht stehen nicht nur Hersteller wie Purdue Pharma und Johnson & Johnson, sondern auch Großhändler und Apothekenketten. Zu den Beschuldigten gehören Namen wie Actavis, Allergan, Cephalon, Endo, Janssen, Teva und Watson. Dabei sind auch die "Großen Drei" der Distributoren - AmerisourceBergen, McKesson und Cardinal.

Zusätzlich laufen in verschiedenen US-Bundesstaaten weitere 40 Prozesse.

Erste Millionenurteile

In Oklahoma endete ein erstes Verfahren damit, dass Johnson & Johnson - von den Anklägern als "Drogenboss" bezeichnet - zu einer Zahlung von 572 Millionen Dollar verurteilt wurde. Beobachter glauben, dass sich das Unternehmen verkalkuliert hatte und dachte, es könnte den Streit gewinnen. Doch das Gericht griff zu einem ungewöhnlichen Kniff, um den Konzern in die Verantwortung für die 6000 Drogentoten in dem Staat seit 2000 zu nehmen. Es verurteilte ihn wegen "Störung der öffentlichen Ordnung" - ein Vorwurf, der sonst eher Bordellen oder Umweltverschmutzern vorbehalten ist. Das Signal wirkte: Johnson & Johnson hat Berufung eingelegt, signalisiert aber zugleich Bereitschaft zu einem Vergleich.

Andere haben schon vorher kapituliert.

  • Teva Pharmaceuticals hat Oklahoma 85 Millionen Dollar zugesagt.
  • Der führende Pharma-Großhändler McKesson zahlt West Virginia 37 Millionen Dollar.
  • Auch die Unternehmen Endo und Allergan haben sich dem Sender NPR zufolge auf Vergleiche eingelassen.
  • Mallinckrodt Pharmaceuticals, einer der größten Hersteller generischer Opioide in den USA, hat sich mit den Gemeinden aus dem Hauptverfahren in Ohio schon mal auf die Zahlung von 24 Millionen Dollar verständigt.

All das dürfte allerdings nur das Vorspiel des Dramas sein. Patrick Trucchio von Berenberg Capital Markets beziffert das Prozessrisiko für die gesamte Pharma-Lieferkette auf 150 Milliarden Dollar.

Der Prozess in Oklahoma zeige, dass der "Zorn" angesichts der Drogenkrise so groß sei, dass es zu "wilden" Urteilen kommen könne, sagte Trucchio der "FT".

Industrie als Sündenbock eines gesellschaftlichen Problems?

Wird die Industrie zum Sündenbock eines gesellschaftlichen Problems gemacht? Eine Mitverantwortung tragen nach Meinung vieler auch andere: die Politik, die Aufsichtsbehörden, die verschreibenden Ärzte und teils auch die Betroffenen selbst.

Unbestritten aber ist, dass die Unternehmen alles unternommen haben, um ihre Umsätze zu steigern. So flutete nach Ermittlungen der Behörde Drug Enforcement Administration (DEA) die Kette Walgreens Florida geradezu mit Schmerzmitteln. Innerhalb von zwei Jahren wurden sechs Apotheken mit 13,7 Millionen Dosen des Wirkstoffs Oxycodone bestückt. Die "Washington Post" hat jetzt in einer aufwendigen Recherche  nachgezeichnet, wie es den Lobbyisten gelang, während der Präsidentschaft von Barack Obama der DEA ihre Zähne zu ziehen - mit der Hilfe williger oder überforderter Kongressabgeordneter in Washington.

Nun schlägt das Pendel zurück. So wie einst bei der mächtigen Tabakindustrie, die Ende der Neunzigerjahre über 200 Milliarden Dollar an Entschädigungen zusagte. 2018 stellte eine Studie allerdings fest, dass die Regierungen weniger als drei Prozent dieser Gelder tatsächlich für Prävention und Programme zum Zigarettenentzug ausgeben.

Der Ruf der Pharmaindustrie jedenfalls ist ruiniert: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup zur Reputation von 25 Organisationen landete die Branche dieses Jahr auf dem letzten Platz.

Sie hat damit die Regierung in Washington als Schlusslicht abgelöst.

Zusammengefasst: Amerikas große Pharmaunternehmen haben jahrelang mit Schmerzmitteln den Markt geflutet, aggressiv und wahrheitswidrig dafür geworben - und sich, so ihre Kritiker, mitschuldig an der großen Opioid-Krise gemacht. Endlich wird die Branche von den Strafverfolgungsbehörden zur Rechenschaft gezogen, das Unternehmen Purdue Pharma steht wegen 2000 anhängiger Klagen bereits vor dem Aus. Eine Mitverantwortung tragen aber auch andere: die Politik, die Aufsichtsbehörden, die verschreibenden Ärzte und teils auch die Betroffenen selbst.

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