Opioidkrise in den USA Pharmakonzern Purdue verhandelt über Milliardenvergleich

Die US-Firma Purdue gilt als einer der Hauptprofiteure von Amerikas Suchtepidemie. Nun könnte ein milliardenschwerer Vergleich mit den Behörden bevorstehen - und das Unternehmen vom Markt verschwinden.

Oxycontin-Tabletten der Firma Purdue: Profiteur einer Drogenepidemie
Toby Talbot/AP

Oxycontin-Tabletten der Firma Purdue: Profiteur einer Drogenepidemie


Der US-Pharmakonzern Purdue und seine Eignerfamilie Sackler verhandeln Insidern zufolge über einen milliardenschweren Vergleich zur Beilegung von mehr als 2000 Klagen wegen umstrittener Opioid-Schmerzmittel. Es gehe um eine Gesamtsumme von zehn bis zwölf Milliarden Dollar, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Es gebe bislang keine Vereinbarung, die Gespräche könnten noch scheitern.

Es wäre die bisher höchste Vergleichssumme im Zusammenhang mit der in den USA grassierenden Welle der Opioid-Abhängigkeit. Opioide sind zum Teil synthetisch hergestellte Arzneimittel (wie etwa Oxycontin) mit unter anderem schmerzlindernden Eigenschaften.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, die Eigentümerfamilie Sackler habe sich mit den Behörden auf ein Paket im Volumen von mehr als elf Milliarden Dollar geeinigt. Die Firma werde dabei in die Insolvenz geschickt und in eine Stiftung der öffentlichen Hand überführt. Zudem soll die außerhalb der Vereinigten Staaten aktive Tochter Mundipharma verkauft werden.

Purdue würde einem Großteil der Klagen entgehen

Die Familie Sackler, die den Hersteller seit Anfang der 1950er-Jahre besitzt, soll drei Milliarden Dollar zahlen. Damit sollen so rund 11,5 Milliarden Dollar für die Entschädigung von Opfern der Schmerzmittelwelle zusammenkommen. Im Gegenzug sollen rund 2000 Klagen von Städten, Bezirken und Bundesstaaten fallen gelassen werden. Das wäre ein Großteil der derzeit gegen Purdue laufenden Verfahren.

Dem Oxycontin-Hersteller und anderen Firmen wird vorgeworfen, in aggressiven Marketingkampagnen die Risiken süchtigmachender Schmerzmittel bei längerem Gebrauch verharmlost zu haben. Das Unternehmen und die Sackler-Familie weisen dies zurück. In den USA sind nach Behördenangaben zwischen 1999 und 2017 fast 400.000 Menschen an den Folgen von Opioidmissbrauch gestorben.

Am Montag hatte ein Gericht den Pharmakonzern Johnson & Johnson (J&J) wegen unrechtmäßiger Vermarktung von suchtgefährdenden Schmerzmitteln zu einer Zahlung von 572 Millionen Dollar verurteilt. Der Konzern habe zur Welle dieser Medikamentenabhängigkeit im Bundesstaat Oklahoma beigetragen, hieß es in der Begründung.

Johnson & Johnson kündigte umgehend an, Berufung gegen die Entscheidung einzulegen. Der Generalstaatsanwalt von Oklahoma, Mike Hunter, hatte dem Konzern vorgeworfen, mit suchtgefährdenden Schmerzmitteln ein Wegbereiter der Opioid-Welle und Drogenkrise gewesen zu sein.

Johnson & Johnson wurde in der Klage beschuldigt, aus Profitgier Suchtrisiken bei der Vermarktung der Medikamente durch irreführende Angaben verschleiert zu haben. Oklahomas Staatsanwalt Hunter hatte eine noch deutlich höhere Strafe von über 17 Milliarden Dollar gefordert.

mmq/Reuters/dpa

insgesamt 21 Beiträge
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helge_d 28.08.2019
1. Lächerliche Strafe
VW durfte 25Mrd. zahlen für (nachgewiesene) "Null" Todesopfer durch Stickoxid. Hier reden wir über 100.000e, wenn nicht Millionen Opfer (Tote, Abhängige und deren Familien) und schlappe 12Mrd. Das ist absolut lächerlich für die Opfer, das ist finanziell nicht mal ein Trostpflaster. Zeigt ganz klar, wie die USA mit zweierlei Maß messen wenn es um Bestrafung von in- und ausländischen Firmen geht.
so-long 28.08.2019
2. Henne und Ei
Zitat von helge_dVW durfte 25Mrd. zahlen für (nachgewiesene) "Null" Todesopfer durch Stickoxid. Hier reden wir über 100.000e, wenn nicht Millionen Opfer (Tote, Abhängige und deren Familien) und schlappe 12Mrd. Das ist absolut lächerlich für die Opfer, das ist finanziell nicht mal ein Trostpflaster. Zeigt ganz klar, wie die USA mit zweierlei Maß messen wenn es um Bestrafung von in- und ausländischen Firmen geht.
Hersteller, Ärzte und Junkies bilden/ten eine unheilvolle Allianz. Jeder hat irgendwie daran partizipiert. Auch der Arzt, der die Präparate verordnete. Gleiche Suchtproblematik wie Zigaretten, Alk, Drugs.
spmc-125536125024537 28.08.2019
3. Bitte etwas präziser
"aggressiven Marketingkampagnen", "unrechtmäßiger Vermarktung von suchtgefährdenden Schmerzmitteln" was ist damit genau gemeint? In D. ist Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel beim Endverbraucher anders als in den USA verboten. Mit guten Grund, denn es soll kein Werbedruck über die Patienten auf die Ärzteschaft aufgebaut werden. Was genau ist da in den USA passiert? Wurden die Opiate also beim Endverbraucher oder bei den verschreibenden Ärzten beworben? Letzteres wäre ein Armutszeugnis, denn die Ärzte sollten ihr Wissen in den Universitäten und Lehrbüchern erwerben. Dort ist das Suchtpotential lange bekannt und wird auch so gelehrt. Schließlich kann Purdue nicht an den Endverbraucher verkaufen, der Patient braucht immer ein Rezept.
dalethewhale 28.08.2019
4. helge_d
Die Personen haben freiwillig und bewusst dieses Medikament eingenommen. sie sind damit auch selbst für sich verantwortlich. vw hat eine Betrugs Software eingebaut. das ist etwas ganz anderes.
Beat Adler 28.08.2019
5. Ueber 65'000 Drogenopfer pro Jahr in den USA sollten eigentlich Warnun
Ueber 65'000 Drogenopfer pro Jahr in den USA, Heroin, Crack, Opioide, etc. sollten eigentlich Warnung genug sein, endlich etwas dagegen zu tun. Nur Alkoholopfer sind mit 90'000 pro Jahr noch mehr in den USA. Solange aber die Suechtigen nicht wie Kranke behandelt werden, keinen Zugang zur GRATIS medizinischen Behandlung haben, bleibt das Problem bestehen, auch wenn nun die Aerzte unter Druck sind, solche Drogen nicht mehr wie Rosapillchen oder die Hellblauen zu verschreiben, weil sie dafuer von der Pharmaindustrie bezahlt wurden. Wie gross ist die Motivation der US Gesellschaft, der Politiker etwas gegen das Drogenproblem zu tun? Ausserdem..... Es ist die reiche USA, wo das Kokain von den Schoenen und den Maechtigen, den Hollywoodsternchen und den Boersenmaklern, den Journalisten und den Sportlern in die Nasen gezogen wird. Dieser Riesenmarkt fuer Kokain in den USA ist zum grossen Teil Schuld an der Macht, dem Einfluss der Norcobanden und der damit zusammenhaengenden Korruption der Regierungen, der ausufernden Kriminalitaet, mit Waffen und Munition aus den USA, in den Staaten, wo die Migranten herkommen. Wenn die USA der Migration vorbeugen wollen, muessen sie erst einmal und vorallem vor der eigenen Haustuere kehren! mfG Beat
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