USA gegen Ostseepipeline "Es herrscht Krieg um fossile Energie"

Die USA wollen mit neuen Sanktionen russische Gas- und Ölprojekte treffen. Experten befürchten, in Wahrheit könnte es um höhere Marktanteile für US-Konzerne in Europa gehen.

Nord-Stream-Trasse in Lubmin bei Greifswald (Archivbild)
DPA

Nord-Stream-Trasse in Lubmin bei Greifswald (Archivbild)


Europäische Energiekonzerne wie die BASF-Tochter Wintershall oder OMV aus Österreich schlagen Alarm wegen möglicher Strafmaßnahmen, mit denen die USA auf Öl- und Gasprojekte mit russischer Beteiligung zielt. Das Betreiberkonsortium der deutsch-russischen Ostseepipeline Nord Stream"warnt vor "eklatanten Auswirkungen auf die gesamte Öl- und Gasversorgung".

Ähnlich sieht das auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Energiemarktexpertin Claudia Kemfert sieht hinter den geplanten US-Maßnahmen den gezielten Versuch, US-Produzenten Marktanteile auf den globalen Energiemärkten zu sichern. "Es herrscht ein Krieg um fossile Energie", sagte die DIW-Expertin der Zeitung "Passauer Neue Presse" . "Es geht um Wirtschaftsinteressen der USA zulasten von Europa und Russland."

Die USA haben den eigenen Gasexport zur Priorität erklärt, um die heimische Wirtschaft und die eigene Außenpolitik zu stärken. Dazu gehören die Ablehnung der Gasleitung Nord Stream 2, durch die russisches Gas nach Westeuropa fließen soll. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel hatte im Juni neue Sanktionspläne des US-Senats gegen Russland mit den Worten kommentiert: "Es kann nicht sein, dass die Sanktionen jetzt dazu missbraucht werden, russisches Gas zu verdrängen, um amerikanisches verkaufen zu können."

Neben den USA machen auch die EU-Kommission und mehrere osteuropäische EU-Staaten gegen Nord Stream 2 Front. Sie fürchten eine wachsende Abhängigkeit von Russland.

Mehr über die Hintergründe des Konflikts finden Sie hier:

Die USA bemühen sich seit Längerem, mehrere Ostsee-Anrainer zu bewegen, einen geplanten Ausbau von Nord Stream nicht zu genehmigen. Barack Obamas Vizepräsident Joe Biden flog im August 2016 nach Schweden, um vor dem "für Europa sehr schlechten Deal" zu warnen. Im Mai 2017 reiste die im State Department für Energiefragen zuständige Top-Diplomatin nach Dänemark. Im Interview mit der Kopenhagener Tageszeitung "Berlingske" führte Robin Dunnigan neben der Ukraine einen weiteren Grund an, der aus US-Sicht gegen das Projekt spricht: Die Amerikaner verwandelten sich gerade von einem "Nullspieler" zu einem Lieferanten von Flüssiggas, "der für bis zu 20 Prozent der Weltproduktion steht". Dieses mit gigantischen Schiffen nach Europa gebrachte Flüssiggas "wird billiger sein als das Gas, das durch Pipelines strömt", so Dunnigan.

Unmittelbare Folgen der Sanktionen für die deutsche Energieversorgung sieht die Professorin Kemfert nicht. Es gebe genügend Gas, ausreichende Leitungskapazitäten und Flüssiggasterminals. Die protektionistische US-Politik vermindere zwar die wirtschaftlichen Chancen Deutschlands. Mit konsequentem Verzicht auf fossile Energien könne Deutschland aber geopolitische Konflikte sowie Schäden für die Wirtschaft vermeiden. Dabei böten Energie- und Verkehrswende auch Chancen, zumal die USA sich aus dem Wettbewerb um nachhaltige Zukunftsmärkte verabschiedeten.

beb/Reuters/AFP

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rabbijakob 21.07.2017
1. Sind die Europäer wirklich...
...so blöd das Vorgehen der USA erst jetzt zu verstehen. Und Sigmar Gabriel hat es auch endlich geschnallt, dass die USA Wirtschaftspolitik gegen Russland betreiben. Unglaublich eigentlich. Die USA setzen seit Jahrzehnten ihre Wirtschaftsinteressen mit Krieg durch, und wir schauen zu, und nehmen Befehle entgegen.
norberto56 21.07.2017
2. Ostseepipeline
Die Gründe der USA sind doch ganz klar: Marktbeherrschend, Profit und Macht
berggala 21.07.2017
3. Na endlich spielt man mit offenen Karten
Aber irgendwie ist es schon komisch! Früher wurden viele Gründe vorgeschoben, Menschenrechte, mangelnde Demokratie, etc., um Sanktionen zu rechtfertigen. Heute gibt man sich nicht mal mehr die Mühe, den Schein zu wahren. Es geht um knallharte Wirtschaftsinteressen der Amerikaner! So ist es auch in der Ukraine, wo schon durch die Präsenz des Biden-Sohnes als Aufsichtsrat eines der grössten Energiekonzerne eine deutliche Sprache spricht. Oder um es mit Victoria Nulands Worten zu sagen: "Fuck the EU!", ein bisschen erweitert "Fuck the Rest of the World!" Wir sollten vorsichtig sein bei politischen Entscheidungen, Europas Energiemarkt ist der reichste der Welt, das wurde von langer Hand vorbereitet. Von schmutzigem Fracking-Gas sollten wir die Finger lassen! Eine Abhängigkeit von dem Übersee-Gas wäre verheerend, ebenso eine Abkehr Russlands von Europa. Lasst die Osteuropäer ruhig kläffen, das darf keinen Einfluss auf vernünftiges politisches und wirtschaftliches Handeln haben!
Kradfahrer 21.07.2017
4. Frechheit!
Das Verhalten der USA ist eine Frechheit, zumal es die USA sind, die immer von freier Entscheidung und freiem Handel faseln. Ich glaube, die würden am liebsten auch noch das Sch...en in Deutschland sanktionieren, damit wir aus Exkrementen kein Sumpfgas (Biogas, Biomethan) erzeugen können. Ich bin zwar Westdeutscher und als solcher froh, dass ich nicht in der DDR leben musste, aber eines habe ich schon als Teenie erkannt: Die Russen und die Amis, da ist einer 'nen Sechser wert und der andere 5 Pfennig. Allerdings waren die Russen immer ehrlich (Wenn ihr nicht ..., dann gibt es was auf die Mütze.), während die Amis verlogen agierten (Wenn ihr ..., dann kommen wir und befreien euch.) Ja sorry, wo ist denn da der Unterschied? Ist doch beides knallharte Breschnew-Doktrin. Und heute geht es eben ums Gas. Wobei diesbezüglich auf Russland Verlass ist, während USA im Zweifel (wenn es ihnen nützt) nicht einen Augenblick zögern würden, ihr Gas als politische Waffe einzusetzen. Ich will nicht wissen, was außer "altes Europa" bei der Weigerung der Teilnahme am völkerrechtswidrigen Irakkrieg noch gekommen wäre, hätten die USA damals nennenswerte Gasmengen nach Deutschland exportiert.
Worldwatch 21.07.2017
5. Befürchten?
Zitat: ?... Experten befürchten, in Wahrheit könnte es um höhere Marktanteile für US-Konzerne in Europa gehen. ...? Das ist das ureigenste, monetär-wirtschaftliche Interesse der US of A. Aber, was gibt es dazu zu ?fürchten?? Erpressungen, statt Markt & Angebot-Nachfrage? Das kann vielleicht Frau BKin Merkel als langjährige -denkbar- erpressbare US-Interessengespielin beantworten!??
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