Schwieriges Paketgeschäft Der Druck der letzten Meile

Arbeitsüberlastung, Preisdruck - und ein mieses Image: Trotz des nachhaltigen Booms wird der Paketversand ein immer schwierigeres Geschäft. Besonders groß sind die Probleme auf den letzten Metern vorm Ziel.
Paketzusteller

Paketzusteller

Foto: imago/ Sven Simon

Ein ganz normales Wohnhaus in Berlin. Im Erdgeschoss links und rechts der Eingangstür je ein Ladengeschäft, den Klingelschildern für die 23 Wohnungen sieht man an, dass die Bewohner häufiger wechseln. Über den Klingelknöpfen klebt ein Schild mit dem Hinweis: "Gegensprechanlage funktioniert nicht."

Der DHL-Bote ist oft im Foyer zu sehen und kennt seine Stammkunden. Und er weiß, dass er seine Ladung zur Not auch nebenan im Laden abliefern darf. Gern erlaubt die Ladenbesitzerin das nicht, sie hat nicht viel Platz. Aus Sicht des DHL-Boten ist diese Adresse trotzdem eine der unkomplizierten. "Geht recht schnell hier", sagte er noch kurz vor Weihnachten, als man ihm beinahe täglich begegnen konnte.

Die "komplizierten" Adressen sind es, die den Paketdiensten immer mehr zu schaffen machen. Denn sie kosten die Fahrer Zeit und Nerven. Zumal ihre Kunden immer anspruchsvoller werden. Das Internet ist voll von Lästereien über unzulänglichen Service. Auf dem Nachrichtendienst Twitter sind Fotos zu sehen von absurden Benachrichtigungskarten an Empfänger, die beim Zustellversuch nicht zu Hause waren. Eine zum Beispiel ist irrtümlich gerichtet an einen "Herrn Amazon". Ein anderes Bild zeigt den Hinweis, das Paket liege beim Nachbarn mit dem Namen "Keine Werbung".

Anspruchsvolle Kunden

Auch bei der Bundesnetzagentur mehren sich die Beschwerden über verspätete oder fehlgeleitete Zustellungen - von rund 2000 im Jahr 2017 auf 4300 im vergangenen Jahr. Die Zahl derjenigen, die Irrläufer eher schicksalsergeben zur Kenntnis nehmen, dürfte aber weit höher sein.

Es sieht allerdings nur so aus, als ob die Paketdienste sich für ihr schlechtes Image nicht interessieren. Die sogenannte "letzte Meile" - also der Transport der Päckchen per Fahrer zum Briefkasten - ist der komplizierteste Teil der Logistik-Kette, mit der sich DHL und Co. herumschlagen müssen. Und gleichzeitig der Schlüssel zum Erfolg, denn das Echo der Kunden entscheidet auch über die Zahl der Aufträge.

Auf der letzten Meile entscheidet sich auch, ob die Fuhre ein Geschäft wird. Denn sie ist mit Abstand der teuerste Teil der Zustellkette. "Hier entstehen 50 Prozent der Kosten", erklärt Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt University of Applied Sciences. "Da kann ein Paketdienstleister viel falsch machen und am Ende viel Geld verlieren."

Gewinnmargen gering

Das sehen die Paketdienste ähnlich: Von "massiven Herausforderungen", spricht Hermes-Sprecherin Marei Martens. Die letzte Meile sei "der mit Abstand aufwendigste Schritt im gesamten Transportprozess", heißt es bei DPD. Die Zustellung an private Empfänger sei enorm aufwendig.

Die Probleme, mit denen die Paketdienstleister zu kämpfen haben, unterscheiden sich im Kern kaum voneinander. Angesichts des massiv steigenden Paketaufkommens fehlen Mitarbeiter. Seit Jahren nimmt die Sendungsmenge zu. Waren es 2009 laut Branchenverband BIEK noch 1755 Millionen Pakete, so waren es 2017 bereits 2804 Millionen - ein Plus von rund 60 Prozent.

Die Gewinnmargen bleiben trotzdem gering, besonders wenn es um die Lieferung an Privatkunden geht. "Hier diktieren die großen Internethändler die Preise", erklärt Schocke. Und dank ihrer Marktmacht hätten sie keine Schwierigkeiten, die Margen zu drücken.

Die Deutsche Post-Tochter DHL musste im vergangenen Sommer wegen der Probleme im Brief- und Paketgeschäft eine Gewinnwarnung herausgeben.

Einige Konkurrenten denken bereits laut darüber nach, für die Zustellung an die Haustür eine Zusatzgebühr zu berechnen. Beim privaten Paketversand sind Preisunterschiede bei Hermes und DPD schon jetzt üblich. Wenn man also eine Sendung von Paketshop zu Paketshop verschickt und nicht an eine Privatadresse, ist das billiger.

Fahrer zahlen einen hohen Preis

Der Preisdruck hat aber auch zu einem Missstand geführt, den Ver.di-Chef Frank Bsirske im Februar laut beklagte: Weil Subunternehmer günstigere Preise versprechen, wird die Mühsal der letzten Meile weitergereicht. Und am Ende müssen es die Fahrer ausbaden. Mit langen Arbeitszeiten und Stundenlöhnen weit unter dem gesetzlichen Minimum. Bsirske sprach von teils "mafiösen Strukturen": "Unternehmen wie Hermes engagieren Firmen, die wiederum andere Firmen beauftragen, die dann Menschen aus der Ukraine, aus Moldawien oder aus Weißrussland in die Lieferfahrzeuge setzen", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Stundenlöhne von 4,50 Euro oder sechs Euro bei Arbeitszeiten von zwölf oder sogar 16 Stunden pro Tag seien keine Ausnahme.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will in Kürze einen Gesetzentwurf vorlegen, nach dem Dienstleister auch dann für die Einhaltung der Arbeitsbedingungen und die Zahlung von Sozialabgaben verantwortlich sein sollen, wenn sie für die Zustellung Subunternehmen einsetzen.

Die Branche sucht ihr Heil in Innovationen. Paketdepots sollen Kunden auch außerhalb der Öffnungszeiten von normalen Läden den Zugang zu ihren Sendungen ermöglichen. Im Trend sind zudem Mikro-Depots, kleine Sammelstellen in der Stadt, von wo aus Elektro-Lastenräder die Ladung weitertransportieren. Und der Logistik-Professor Schocke testet bald in Frankfurt am Main mit Hermes eine Straßenbahn, die Pakete in die City fährt, wo die Sendungen auf Lastenräder umgeladen werden.

Für Entlastung auf der letzten Meile soll auch die Digitalisierung sorgen. Hier geht es um Echtzeit-Navis für optimierte Routen und die Möglichkeit für Empfänger, die Tage und Zeitfenster für die Lieferung zu bestimmen - dann stünde der Paketbote seltener vor verschlossener Tür. Auch Projekte mit Lieferdrohnen gibt es bereits.

Mit Material von dpa
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