Outdoor-Branche Die Saubermänner

Mit atmungsaktiven und schicken Klamotten macht die globale Outdoor-Industrie ein Riesengeschäft. Doch seitdem die Branche für ihren Einsatz von umweltschädlichen Mitteln bekannt ist, kämpft sie um ihr Image.

Foto mit Rok Rozman in der Patagonia-Zentrale in Amsterdam
Claus Hecking

Foto mit Rok Rozman in der Patagonia-Zentrale in Amsterdam

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Tirana, Albanien: Der junge Mann mit dem Vollbart hat das Kanu über seinen Kopf gestemmt. Wie eine Freiheitsfackel streckt er es auf einer Protestkundgebung den Uniformierten entgegen, die ihm den Weg versperren; hinter dem Aktivisten verfolgen Dutzende Mitdemonstranten die Szene. Und mitten auf dem T-Shirt ihres Vorkämpfers prangt ein fliegender Fisch: das Symbol der Surfkollektion von Patagonia.

Dieses Foto bedeckt eine ganze Wand im Amsterdamer Europa-Hauptquartier des Outdoor-Bekleidungsherstellers. Umweltschutz, Sport, ein junger Rebell - und mittendrin die eigene Marke: So sieht wohl der fleischgewordene Traum von Marketingstrategen der Outdoor-Industrie aus. Ganz besonders bei Patagonia: dem US-Konzern, der sich so gern als Vorkämpfer für eine bessere Welt präsentiert. Obwohl viele seiner Produkte voller toxischer Chemie stecken.

Entstanden ist das Foto auf einer Kundgebung gegen einen Staudamm. Der Rebell wollte das Boot dem albanischen Präsidenten übergeben, durfte aber nicht. Er heißt Rok Rozman, ist Slowene, war mal als Kanu-Rennfahrer Olympiavierter - und bekommt als Naturschutzaktivist mit seiner Organisation Balkan Rivers Tour seit einiger Zeit Geld von Patagonia. Ist es bloß Zufall, dass er just in diesem symbolträchtigen Moment das Patagonia-Shirt trägt? Oder ist Rozman Teil einer ausgeklügelten Verkaufsstrategie?

Claus Hecking

Sicher ist eines: Die Outdoor-Industrie muss ihren Ruf dringend aufbessern. Bewirbt sie ihre Produkte doch seit Jahren als Freifahrtschein für Abenteuer in unberührter Wildnis. Das weckt Kaufgelüste: 11,5 Milliarden Euro pro Jahr setzt die Branche laut ihrem Verband European Outdoor Group allein in Europa um, obwohl - oder eben weil die Realität mit der Reklame wenig zu tun hat. Gerade in Deutschland streifen viele Konsumenten ihre schicke Jacke eher für den Weg zum Büro über als für die Hochgebirgstour.

Doch seit einiger Zeit wird immer deutlicher: In der Allwetterausrüstung stecken viele giftige Substanzen, die Mensch und Umwelt gefährden.

PFC, per- und polyfluorierte Carbone, heißen die Chemikalien, mit denen Hersteller seit Jahrzehnten ihre Produkte beschichten. Sie sorgen dafür, dass Wasser und Schmutz abperlen von Allwetterjacken und Funktionshosen. Werden sie aber freigesetzt, etwa durch Auswaschen, so werden sie nur sehr langsam abgebaut. Rund 10.000 Tonnen PFC werden jährlich eingesetzt. Einige dieser Stoffe - etwa über die Aufnahme im Trinkwasser - beeinflussen das Hormonsystem, sie können der Fortpflanzung von Mensch oder Tier schaden - und sogar das Wachstum von Tumoren fördern.

PFC-Spuren lassen sich heute an allen möglichen Orten nachweisen: in der Leber von Eisbären in Grönland, im Nabelschnurblut von Babys - oder in zivilisationsfernen Naturschutzgebieten Patagoniens. Das passt nicht zu Produkten, die Patagonia & Co. so gern als Teil einer heilen Welt verkaufen.

Claus Hecking

Erst vor wenigen Monaten stellte Greenpeace die Branche an den Pranger. In 36 von 40 untersuchten Outdoor-Produkten fanden die Umweltschützer PFC-Verbindungen; in elf Artikeln davon sogar die besonders gefährliche Perfluoroktansäure (PFOA), die Norwegen wegen Gesundheitsgefährdung verboten hat. "Die Outdoor-Branche hat lange versucht, das Thema auszusitzen", sagt Kirsten Brodde, Textilexpertin bei Greenpeace. "Aber jetzt merken viele Unternehmen, dass ihr Geschäftsmodell bedroht ist, wenn sie sich nicht in Richtung Nachhaltigkeit bewegen. Nicht nur wir stellen ihnen kritische Fragen, sondern auch immer mehr Konsumenten."

Und so beginnen einige Firmen nun ernsthaft umzusteuern: Vaude aus Deutschland etwa will bis 2020 seine komplette Kollektion PFC-frei machen. Und Anfang dieses Jahres hat Branchenprimus Gore ebenfalls seinen Ausstieg angekündigt. Der US-Konzern hat einst die Outdoor-Industrie revolutioniert: mit seinem wasserdichten, atmungsaktiven Laminat Gore-Tex, das er weltweit an Hersteller von Handschuhen, Jacken, Schuhen und Hosen liefert. Angesichts des wachsenden öffentlichen Drucks will Gore nun bis Ende 2023 auf PFC verzichten. "Das könnte ein Eisbrecher werden", hofft Greenpeace-Aktivistin Brodde.

Aber genügt das?

"Das alles ist ein Dilemma", sagt Yvon Chouinard, der Gründer von Patagonia. Sein Unternehmen hat sich seit dem Start im Jahr 1973 als besonders umweltfreundlich präsentiert, jährlich spendet Patagonia Millionen an Naturschutzorganisationen. Und auch die Kalifornier haben sich zum Ziel gesetzt, alle Petroleum-basierten Synthetikfasern so schnell wie möglich durch Naturfasern zu ersetzen. "Aber dies könnte dann auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben", sagt der 79-jährige Chouinard. "Wenn etwa künftig das Ackerland immer knapper wird, sollten wir dann anstelle von Nahrungsmitteln noch Rohstoffe für Textilien anbauen? Oder wenn wir den Beschichtungsstoff Polyurethan künftig aus Algen gewinnen könnten, wären die Algen dann genmanipuliert?" (Ein ausführliches Interview mit Chouinard lesen Sie hier - Artikel für 0,39 Euro).

Patagonia-Gründer Yvon Chouinard
Claus Hecking

Patagonia-Gründer Yvon Chouinard

"Don't buy this Jacket!", hieß die Werbekampagne, mit der Patagonia vor einigen Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Sie traf einen wunden Punkt: Laut Greenpeace werden etwa 40 Prozent der in Industrieländern gekauften Kleidungsstücke nie oder kaum getragen; viele sind vornherein als billige Wegwerfware konzipiert. Doch die Kunden kauften daraufhin erst recht bei Patagonia ein. Nach dem Aufruf schnellten die Umsätze um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr hoch.

Chouinard sagt, er habe die Kampagne todernst gemeint. Denn jedes neue Produkt, sei es noch so nachhaltig hergestellt, fresse enorme Mengen von Ressourcen und belaste die Umwelt. Tatsächlich hat es der ehemalige Kletterer und Abenteurer nicht bei wohlklingenden Worten belassen. So hat Patagonia nach "Don't buy this Jacket" das laut Chouinard größte Textilreparaturzentrum der USA aufgezogen. Jeder kann sein kaputtes Patagonia-Kleidungsstück einreichen und flicken lassen, sogar eine mobile Reparaturstation tourt durch die USA. Dazu betreibt Patagonia im Internet eine "Worn Wear"-Handelsplattform für Secondhandkleidung. Und schließlich versucht der Konzern nach eigenen Angaben, seine Produkte besonders haltbar zu machen.

So viel Einsatz lobt sogar Greenpeace. "Das ist nicht einfach nur PR", sagt Aktivistin Brodde. "Patagonia hat sein gesamtes Geschäftsmodell in Richtung Reparaturfähigkeit/Langlebigkeit ausgerichtet. Yvon Chouinard ist ein Treiber des Wandels."

Auch andere Anbieter haben Reparaturzentren und/oder Secondhand-Börsen eingerichtet: Vaude zum Beispiel oder die Jeansproduzenten Nudie und Levi's.

Ist weniger das neue Mehr? Oder geht es nur darum, den Verbrauchern ein gutes Gewissen zu machen, damit sie mehr kaufen? Patagonia jedenfalls macht Jahr für Jahr Rekordumsätze mit seinen teuren, vergleichsweise langlebigen Produkten. "Jedes Mal, wenn wir das Richtige tun, machen wir am Ende damit selbst ein gutes Geschäft", sagt Chouinard. Weil es Patagonia glaubwürdig macht - und der Firma loyale Kunden bringt. Dass damit auch die Zahl der produzierten Jacken, Taucheranzüge und T-Shirts steigt, rechtfertigt Chouinard damit, dass die Kundschaft dafür bei anderen, nicht so umweltbewegten Herstellern weniger einkauft.

Patagonia Europa-Hauptquartier Amsterdam
Claus Hecking

Patagonia Europa-Hauptquartier Amsterdam



Und das Foto mit dem Kanu-Demonstranten? Sei so nicht geplant gewesen, behaupten die Patagonia-Manager - und auch Rok Rozman selbst. "In meiner Zeit als Sportler haben meine Sponsoren verlangt, dass ich ihr Logo öffentlich zeigen musste", sagt der Slowene. "Aber Patagonia gibt unserer Organisation Geld, ohne dafür Gegenleistungen zu verlangen. Niemand hat mir befohlen, dass ich dieses T-Shirt tragen soll."

Ob Zufall oder nicht: Patagonia ist dieses Bild höchst nützlich, im Kampf für eine bessere Welt und ein saubereres Firmenimage.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
charles.f 29.07.2017
1. Total verlogen
Der Bericht ist leider schlecht recherchiert. Es gibt chemiefreie Fasern mit gleichen Funktionen. Sympatex bietet diese an. Gore denkt nicht etwa um sondern sieht sich Klagen und einstweiligen Verfügungen ausgesetzt. Und der angekündigt Ausstieg ist eine Mogelpackung. Ähnlich wie die Dieselautos.
MattKirby 29.07.2017
2. Oh Mann,
Wenn ihr PFC schon ins deutsche übersetzt bitte als Perfluorierte Chemikalien oder Kohlenwasserstoffe. Und nebenbei, GoreTex besteht aus PTFE also Polytetrafluorethylen auch als Teflon bekannt. Der Stoff ist ein polymer, da wird nix ausgewaschen, der ist nur persistent also unkaputtbar und hormonartig wirkt er auch nicht. Das Problem ist, dass bei der Fluorierung, giftige und extrem klimaschädliche Nebenprodukte entstehen können. Die perfluorierten Stoffe, die man mittlerweile im Grundwasser findet, stammen größtenteils aus der Verwendung perfluorierter Verbindungen in Feuerlöschmitteln und in Beschichtungen von Verpackungen. Klar kann man aus Polyamid oder PU ebenfalls wasserdichte Stoffe machen, aber GoreTex ist halt wirklich gut und eine Jacke hält locker 15 Jahre. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. Patagonia mit seinem Ökogetue nervt.
MattKirby 29.07.2017
3. @charles.f
Bitte erhellen Sie uns. Was für chemiefreie Fasern bietet denn Sympatex an? Etwa PU, Polyamid oder Polyester ganz ohne Chemie. Der gute alte Lodenjancker wirds ja wohl nicht sein.
deepfritz 29.07.2017
4.
Diese Outdoorbekleidung sieht meist einfach nur oberpeinlich aus.
1cke 29.07.2017
5. Nachhaltigkeit und Versprechen
Mal abseits der Werkstoffdiskussion, ich habe mir vor ein paar Jahren eine richtig teure Jacke von NorthFace gekauft. Da hing neben vielen anderen Infos ein Zettel drin: livetime warranty. Nach vier Wintern fingen die Klettbänder und die Reisverschlüsse an zu bröseln. Antwort von Globetrottel: Das gilt nur für die USA, hier nicht. Danke. Von der Marke kaufe ich niemals was mehr und bei dem Händler auch nicht. Da finde ich den Reparaturansatz von Patagonia wenigstens ein bisschen besser. Gilt das auch in D? Von NorthFace kaufe ich jedenfalls nicht mal ein Shirt oder Mützchen mehr. Zufriedene Kunden erzählen es 3-5 Freunden, unzufriedene 10-15 Leuten. Well done, NorthFace.
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