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Apple vs. Samsung Smartphone-Nutzer sind die Verlierer im Patentkrieg

Erst ein Triumph vor Gericht, jetzt die Forderung nach einem Verkaufsverbot: Im Patentkrieg mit Samsung zieht Apple alle Register. Experten warnen, dass die Konsumenten die Zeche zahlen. Denn der Streit schmälert die Innovationsfähigkeit der Firmen - und könnte die Preise in die Höhe treiben.
Von Astrid Langer

Apple lässt nicht locker. Nach dem Sieg im kalifornischen Patentprozess gegen Samsung hat der Konzern nun ein Verkaufsverbot für acht Smartphone-Modelle des südkoreanischen Rivalen beantragt. Darunter sind vier Varianten des Telefons Galaxy S2, wie aus am Montag veröffentlichten Gerichtsunterlagen hervorgeht.

Für Samsung wäre das im Patentkrieg ein weiterer schwerer Schlag. Bereits Ende vergangener Woche hatte ein US-Gericht die Verletzung von Apple-Patenten durch mehr als 20 Samsung-Smartphones festgestellt. Apple hatte sich in dem Prozess nahezu auf voller Linie gegen den Wettbewerber durchgesetzt und rund 1,05 Milliarden Dollar Schadenersatz zugesprochen bekommen. Die Südkoreaner wollen weiter gegen die Geschworenen-Entscheidung ankämpfen.

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Die Entscheidung sorgt in der Branche nun für Furore. "Eines der größten Patent-Urteile aller Zeiten", "historisch", "ein Meilenstein" - das sind nur einige Reaktionen amerikanischer Technologie-Experten. Die beiden Smartphone-Hersteller haben den Rechtsstreit ohnehin schon auf einer höheren Ebene eingeordnet: Apple sagte in einem Statement, das Verfahren hätte sich nicht um Patente oder Geld gedreht, sondern um Wertvorstellungen. Apple danke dem Gericht, "dass es Samsungs Verhalten als vorsätzlich befunden und eine klare Botschaft ausgesendet hat, dass Diebstahl falsch ist".

Samsung verkündete hingegen, das Urteil sei "kein Gewinn für Apple, sondern eine Niederlage für die amerikanischen Konsumenten". Es werde zu weniger Auswahl, weniger Innovationen und möglicherweise zu höheren Konsumentenpreisen führen.

Zwar bezieht sich das Urteil des Geschworenengerichts nur auf den amerikanischen Markt. Auch ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, da Samsung Berufung einlegen wird. Dennoch haben seit Bekanntwerden des Urteils zahlreiche Experten Bedenken geäußert, dass sich die Entscheidung massiv auf die Technologie-Industrie und auf Innovationen auf dem Smartphone- und Tablet-Markt auswirken werde. Apples Forderung nach einem Verkaufsverbot für acht Samsung-Geräte hat diese Sorge noch einmal deutlich verschärft.

Experten skizzieren folgende Auswirkungen des Urteils:

1. Weniger Innovationen

Der Patentstreit könnte letztlich zu einem industriellen Waffenstillstand führen, in dem niemand mehr Weiterentwicklungen wagt - aus Angst, bestehende Patente zu verletzen. Bill Flora, ehemals Designer bei Microsoft, glaubt, dass das Urteil ein "Minenfeld" für Produktdesigner schaffen könnte: Immer müsste man besorgt sein, bei der Entwicklung versehentlich die Patentrechte anderer Hersteller zu verletzen.

So habe Apple beispielsweise ein Patent auf die Zoomfunktion, auch "pinch to zoom" genannt, bei der man mit zwei Fingern vergrößern und verkleinern kann. Dies sei aber mittlerweile so gebräuchlich, dass Touchscreen-Produkte ohne diese Funktion vergleichbar seien mit Autos mit drei- oder viereckigen Lenkrädern. "Die Funktion ist so entscheidend wie ein rundes Lenkrad", sagte Flora der "New York Times".

Neben dem "pinch to zoom" hat das Gericht auch Apples Patent auf das "Wischen" des Bildschirms bestätigt, eine ebenfalls weit etablierte Funktion. Google äußerte seinerseits Bedenken, inwiefern sich das Urteil auf die Innovationsfreude im Sektor auswirken könnte. "Die Mobilindustrie bewegt sich schnell, alle Beteiligten bauen dabei auf Ideen auf, die es schon seit Jahrzehnten gibt", sagte der Suchmaschinenbetreiber in einer Reaktion auf das Urteil.

2. Höhere Preise für Verbraucher

Das Geschworenengericht hat Apples bestehende Patente bestätigt - künftig könnte das Unternehmen aus Cupertino also höhere Lizenzgebühren verlangen, wenn es andere Hersteller seine Erfindungen nutzen lässt. Solch höhere Kosten könnten letztlich die Preise für die Verbraucher erhöhen, glaubt Al Hilwa, Technologie-Analyst beim Marktforschungsunternehmen IDC International Data. Jemand muss die Gebühren schließlich bezahlen.

"Apple ist finanziell gesehen ganz klar der Gewinner dank langfristiger Lizenzeinnahmen", sagt Hilwa. Seiner Einschätzung nach könnte Apples Sieg auch dazu führen, dass die Patente anderer Hersteller wie Microsoft und Research in Motion künftig im Wert steigen.

3. Höhere Komplexität

Apples Sieg im Patentstreit könnte langfristig bewirken, dass der Smartphone- und Tablet-Markt noch undurchsichtiger für Entwickler und Konsumenten wird, als er es heute bereits ist.

Schon jetzt unterscheiden sich die Betriebssysteme von iPhone, Blackberry-Geräten und Handys auf der Basis von Googles Android-System grundlegend: Jedes verlangt eine eigene Programmiersprache, die voneinander so verschieden sind wie Russisch und Chinesisch, jedes verlangt eigens programmierte Anwendungen. Ähnlich sieht es bei den Tablet-Computern aus.

Durch das Urteil gegen Samsung könnte der Druck auf die Hersteller, die Geräte unterschiedlich zu designen, das Ganze noch schwieriger machen, glaubt Charlie Kindel, ebenfalls ehemaliger Manager bei Microsoft und Experte für Mobiltelefonie. "Letztlich wird die Knappheit an guten Entwicklern und die Komplexität, der sie sich ausgesetzt sehen, noch schlimmer werden."

Mit Material von dpa
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