Personalmangel nach der Pandemie Bundesregierung will ausländische Hilfskräfte an Flughäfen holen

Gestrichene Flüge, lange Schlangen, verlorene Koffer: Gegen das Chaos an deutschen Flughäfen will die Bundesregierung befristet Helfer aus dem Ausland anlocken. Sozialdumping und Ausbeutung sollen ausgeschlossen werden.
Warteschlangen am Flughafen Köln-Bonn: In NRW beginnen dieses Wochenende die Sommerferien

Warteschlangen am Flughafen Köln-Bonn: In NRW beginnen dieses Wochenende die Sommerferien

Foto: Christoph Hardt / Panama Pictures / IMAGO

Die Luftverkehrsbranche verlangt, die angespannte Lage an Flughäfen mit Personal aus der Türkei zu entspannen. Ausnahmegenehmigungen deutscher Behörden für den Einsatz von etwa 2000 Arbeitskräften seien nötig, teilte diese Woche der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft mit.

Im Kampf gegen die Personalengpässe wollen Innen-, Arbeits- und Verkehrsministerium diesen Wünschen laut einem Bericht nun nachkommen. Sie haben demnach eine gemeinsame Aktion zur befristeten Anstellung von ausländischen Hilfskräften an deutschen Flughäfen angekündigt.

»Die Bundesregierung plant, die Einreise von dringend benötigtem Personal aus dem Ausland für eine vorübergehende Tätigkeit in Deutschland zu ermöglichen«, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil der »Bild am Sonntag«. Dabei solle jede Form von Sozialdumping und Ausbeutung ausgeschlossen werden, sagte der SPD-Politiker.

»Die Arbeitgeber müssen Tariflohn zahlen und für die befristete Zeit anständige Unterkünfte bereitstellen.« Innenministerin Nancy Faeser (SPD) ergänzte: »Wir werden ermöglichen, dass Hilfskräfte aus dem Ausland zum Beispiel bei der Gepäckabfertigung eingesetzt werden«. Laut »Bild am Sonntag« solle eine vierstellige Zahl an Fachkräften aus der Türkei nach Deutschland geholt werden, die bestenfalls schon von Juli an für einige Monate eingesetzt werden könnten.

Lufthansa rechnet erst 2023 mit Normalisierung

Die Luftfahrt steckt im Dilemma. Mit Abebben der Coronapandemie, die den Wirtschaftszweig lange lahmgelegt hat, beabsichtigt die Branche, endlich durchzustarten. Doch stattdessen kommt es zu Flugstreichungen, Verspätungen und Warteschlangen. Als Knackpunkt gelten Personalmangel und Engpässe bei Sicherheitskontrollen, Check-in und Flugzeugabfertigung. Nach Angaben des Flughafenverbands ADV ist dort etwa jede fünfte Stelle unbesetzt.

Die Lufthansa hatte zuletzt angekündigt, mehr als 2000 weitere Flüge an ihren Drehkreuzen Frankfurt und München zu streichen – unter anderem auch, weil sich vermehrt Besatzungen wegen Coronafällen krankmelden. Schon vor gut zwei Wochen hatte sie angekündigt, 900 Verbindungen an Freitagen und Wochenenden im Juli zu canceln. Auch die Billigtochter Eurowings rechnet mit weiteren Streichungen.

Bei der Lufthansa erwartet man angesichts dieser Lage indes erst für nächstes Jahr eine Normalisierung des Flugbetriebs. Aktuell helfe nur, die Zahl der Flüge zu reduzieren. Das sei nicht nur ein deutsches Problem, sondern gelte für die ganze Welt. Bis neue Arbeitskräfte eingesetzt werden können, kann es tatsächlich dauern – auch wegen der branchenspezifischen Sicherheitsüberprüfungen.

Verkehrsminister Volker Wissing wies derweil die Verantwortung für die chaotischen Zustände an den Flughäfen zurück – und sieht die Unternehmen in der Pflicht. »Für die Personalpolitik der Flughafengesellschaften und Airlines ist die Bundesregierung nicht zuständig und nicht verantwortlich«, sagte der FDP-Politiker der »BamS«. In der Verantwortung des Bundesverkehrsministeriums lägen die Flugsicherung und die Koordination des Flugbetriebs. »Und da läuft alles reibungslos.« Branchenexperten halten jedoch die Auslagerung vieler Aufgaben an externe Dienstleister durch die Politik im Laufe der Nullerjahre für eines der größten Probleme für den Betrieb der Flughäfen .

Die Gewerkschaft Ver.di verweist entsprechend auf die niedrige Bezahlung vieler Flughafenbeschäftigten hin – und fordert deutlich mehr Gehalt. Dies könne auch die Suche nach dringend notwendigem Personal erleichtern. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat diese Woche für die Luftfahrt in Deutschland insgesamt eine Lücke von rund 7200 Fachkräften ermittelt. Zugleich gebe es »keine Reserven mehr am Arbeitsmarkt«, um diese freien Stellen beim Luft- und Bodenpersonal zu füllen – besonders am Boden fehle es an Personal.

apr/Reuters
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