Staatshilfe für Peugeot Hollande stemmt sich gegen die Globalisierung

Präsident Hollande will den Standort Frankreich retten: Der Sozialist hat sich die Industriellenfamilie Peugeot vorgeknöpft und will den Jobabbau beim angeschlagenen Autokonzern PSA mit Staatshilfe mindern. Doch die Traditionsfirma ist nicht der einzige gallische Patient.

AFP

Von , Paris


Seinen Start hatte sich François Hollande anders gewünscht. Zwei Monate nach dem Amtsantritt des sozialistischen Präsidenten sammeln sich die schlechten Nachrichten aus der französischen Wirtschaft: der Geflügelfleischproduzent Doux ist pleite, Telekom-Anbieter wie Bouygues und SFR und der Autokonzern PSA Peugeot Citroën streichen Tausende Stellen. Radio France rief die sonst so gemächliche Urlaubszeit in diesem Jahr bereits zum "Sommer der Sozialpläne" aus.

Vor allem zwischen dem Autobauer und der linken Regierung hängt der Haussegen schief, seit PSA die Entlassung von 8000 Arbeitern und das Ende der Produktion im Werk von Aulnay angekündigt hat. Hollande reagierte sauer auf die Pläne. Er warf der PSA-Führung gar "Lüge" vor, weil der Jobabbau schon 2011 klar gewesen, aber erst nach der Präsidentenwahl verkündet worden sei. Die schlechten Nachrichten belasten das soziale Klima erheblich, kaum dass der Staatschef seine ehrgeizigen Reformprojekte angeschoben hat. Der Plan "in der gegenwärtigen Form ist nicht hinnehmbar", schimpfte der Präsident im traditionellen TV-Interview zum Nationalfeiertag am 14. Juli. "Er muss neu verhandelt werden."

Also wurde PSA-Chef Philippe Varin von Premier Jean-Marc Ayrault in dessen Amtssitz ins Hôtel Matignon zitiert. Begleitet von Streiks der betroffenen Arbeiter debattierten Konzernchef und Ministerpräsident über die beabsichtigte Streichung von Stellen und über die Rettungspläne der Regierung für Frankreichs marode Automobilindustrie. Bereits im Wahlkampf hatte sich Hollande für die Arbeiter und Angestellten der angezählten Produktionsstätten eingesetzt. Der kriselnde Autohersteller Opel kann in Deutschland nicht auf die Unterstützung der Regierung hoffen - der linke Staatschef Hollande aber scheut nicht vor direkter, staatlicher Intervention zurück.

Ökonomen warnen vor dem Niedergang des Standorts Frankreich

Denn der Fall des Autokonzerns PSA ist ein Symbol für die strukturellen Probleme der französischen Wirtschaft. "Hinter dem sozialen Drama der Firmenschließung in Aulnay lauert der Zusammenbruch der nationalen Industrie und der Niedergang des Standorts Frankreich", warnte der Ökonom Nicolas Baverez im Polit-Magazin "Le Point".

Das pessimistische Szenario stützt sich auf ernüchternde Fakten: Laut dem französischen Statistikamt Insee hat sich das Land noch immer nicht von den Folgen der 2008 einsetzenden Wirtschafts- und Finanzkrise erholt. Demnach hat die Wirtschaft gerade einmal das Niveau von 2008 erreicht. Die Industrieproduktion liegt sogar fünf Prozent unter dem Niveau der Vorkrisenzeit. Seit 2007 gingen mehrere hunderttausend Jobs verloren. Das Handelsbilanzdefizit kletterte 2011 auf die Rekordmarke von 70 Milliarden Euro.

Das Credo der Regierung: Der Automobilbranche muss trotz Sparzwang und Schuldenberg geholfen werden. Arnaud Montebourg soll als "Minister für die Wiederherstellung der Produktion" ein Konzept für die notleidende Branche vorlegen. Der Industrieminister setzt dabei auf "massive Hilfestellung" für Hybrid- und Elektroautos. Eine Abwrackprämie, mit der Ex-Präsident Nicolas Sarkozy die Inlandsnachfrage vorübergehend anschob, schließt Montebourg aus.

Der Industrieminister zitiert den Peugeot-Erben zu sich

Der Minister will in den kommenden Tagen auch PSA-Aufsichtsratschef Thierry Peugeot einbestellen. Die Industriellenfamilie, die mit 25,4 Prozent der Aktien noch immer den größten Teil an PSA hält, ist mit dem Stellenabbau ins Visier der Regierung geraten. "Wir haben kein außerordentlich großes Vertrauen in das, was uns die Firmenleitung von Peugeot gesagt hat", wetterte Montebourg. Die Regierung habe mit der Konzernstrategie, dem Bündnis mit General Motors und dem Verhalten der Familie Peugeot als Hauptaktionär ein "echtes Problem", ließ der Minister wissen.

Montebourg zielte damit offenbar auf die von den Gewerkschaften vorgebrachte Kritik an den Ausschüttungen für die privaten Anteilseigener, die während der vergangenen acht Jahre "im Vergleich größer waren als die Dividenden bei Renault oder Volkswagen".

Peugeot wies die harschen Angriffe umgehend zurück: "Wir sind bereit, Kritik zu akzeptieren, aber es gibt Grenzen", erklärte Aufsichtsratschef Thierry Peugeot. Die Kritik der Regierung habe das Unternehmen geschwächt, es könnte damit auch Ziel einer feindlichen Übernahme werden, warnte er in der Zeitung "Le Figaro". Auch die ehemalige Justizministerin Rachida Dati warnte, durch die Kritik würden "Investoren entmutigt".

Die Machtübernahme eines ausländischen Investors bei PSA wäre kaum im Sinne der Regierung. Industrieminister Montebourg gilt als Vertreter der Entglobalisierung. Im Gegenzug für Staatshilfe und ökologische Anreize zur Förderung des Absatzes - etwa über ein System von Bonus und Malus für "innovative und saubere" Fahrzeuge - fordert er "konkrete Gegenleistungen". "Wir wollen diese Vorteile unterstützen, um damit diejenigen Konstrukteure zu fördern, die auf französischem Territorium produzieren", verkündete er.

Die Produktion in Frankreich wird für PSA zum Problem

Angesichts seiner Modellpolitik müsse PSA aber ins Ausland ausweichen, sagen Experten. Der Konzern fokussierte sich lange auf die Ober- oder Mittelklasse - Segmente die nun besonders von der Wirtschaftskrise betroffen sind. "Das untere Segment hält sich gar nicht mal so schlecht, aber es bringt nicht viel ein und bedarf daher geringer Produktionskosten", beschreibt das Blog "Wirtschaft und Soziales" das Dilemma. "Damit sind die Kleinwagen und die unteren Modelle zur Auslandsproduktion verurteilt - und bei diesem Spiel hat Renault PSA abgehängt: Die Firma stellt nur 23 Prozent ihrer Autos in Frankreich her, PSA aber 44 Prozent."

Auch in Sachen Auslandsgeschäft müsse PSA aufholen, fordern Analysten. So startete der Konzern zwar 1985 etwa zeitgleich mit Volkswagen in China, doch während die Franzosen dort im vergangenen Jahr nur 380.000 Fahrzeuge verkauften, setzten die Wolfsburger 1,7 Millionen Autos ab.

Die Regierung gibt sich dennoch optimistisch, dass PSA seinen Fokus auf Frankreich legt. Sie teilte mit, bei der Aussprache mit Premier Ayrault habe PSA-Chef Varin versprochen, den Anforderungen der Regierung "Rechnung zu tragen". Der Manager zeigte sich verhaltener: "Wir haben unsere Verbundenheit zum sozialen Dialog bekräftigt", sagte er. Man wolle für jeden Beschäftigten eine Lösung finden.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
bauagent 24.07.2012
1. Das Problem ist der Euro
Wenn man sich darauf einigen kann, dass nicht jedes Produkt eine vergleichbare High-End Klasse hat, dann ist die gesamte Analyse an den Tatsachen vorbei geschrieben. Die Entlassungen repräsentieren ja nicht eine schlechte Produktivität, sondern begründen sich in der Tatsache, dass die PSA Produkte einfach schlechter sind, als ihre Pendants aus Wolfsburg oder Ingolstadt und infolge dessen Absatzwschwierigkeiten da sind. Frühjer konnte man dieses Problem über die Währung ausgleichen. Heute zwingt der Euro die Unternehmen mit den schwächeren Produkten zur Reduktion oder Aufgabe. Mit floatenden Wechselkursen hätte PSA, im Gegensatz zu FIAT, dieses Problem gar nicht, weil alle Fahrzeuge mit dem entsprechenden Preis ausgestattet konkurrenzfähig sind. Ein 307 darf aber nicht den Preis eines VW Golfs haben. Hat er derzeit aber, weil nicht abgewertet werden kann.
Mimahal 24.07.2012
2. Planwirtschaft ist keine Lösung
Auch die Franzosen müssen lernen, dass Planwirtschaft keine Lösung ist. Die Unternehmen müssen es selber schaffen, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Dabei sind natürlich Mindestlöhne, 35-h-Woche und Rente mit 60 nicht sonderlich förderlich. Die Franzosen werden es auf Dauer nicht schaffen, die Realität in der Welt auszublenden. Die Globalisierung kann man nicht mit einem Dekret stoppen.
Privatier 24.07.2012
3. Wo bleibt der Jubel unser Alterna(t)iven über weniger produzierte Autos?
Zitat von sysopAFPPräsident Hollande will den Standort Frankreich retten: Der Sozialist hat sich die Industriellenfamilie Peugeot vorgeknöpft und will den Jobabbau beim angeschlagenen Autokonzern PSA mit Staatshilfe mindern. Doch die Traditionsfirma ist nicht der einzige gallische Patient. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,846042,00.html
Aber auch der Beifall seitens SPON, nachdem gestern noch "Landeiern" auf Grund ihres Motorisierungsgrades Rückständigkeit attestierte wurde: Liste der Städte mit der größten Autodichte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/liste-der-staedte-mit-der-groessten-autodichte-a-845878.html) Wer weniger Fahrzeuge wünscht, sollte konsequenterweise laut und ausgelassen jubeln, sobald weniger Fahrzeuge hergestellt werden. Daß sämtliche Folgen des ursprünglichen Wunsches sorgfältig bedacht und berücksichtigt wurden, darf man bei einer Fachredaktion doch ganz gewiß vorraussetzen. MfG
sanchopansa 24.07.2012
4.
Zitat von sysopAFPPräsident Hollande will den Standort Frankreich retten: Der Sozialist hat sich die Industriellenfamilie Peugeot vorgeknöpft und will den Jobabbau beim angeschlagenen Autokonzern PSA mit Staatshilfe mindern. Doch die Traditionsfirma ist nicht der einzige gallische Patient. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,846042,00.html
Mit Verlaub, aber weniger Autos zu bauen, ist vielleicht ein großer Fortschritt für die Ökopartei, aber für das Land Frankreich kann es nur wieder eine neue Baustelle bedeuten, die volkswirtschaftlich nicht mehr zu vertreten ist. Was Hollande macht, ist hirnrissig. Reduzierung der Lebensarbeitszeit, verbesserte Alimentierung von Arbeitslosigkeit und Besteuerung von 75% auf hohe Einkommen (immobile Güter werden in die Berechnung einbezogen). Der Exodus der Eliten hat schon begonnen, der letzte darf das Licht ausmachen. PSA ist nicht in der Lage, marktkonform zu produzieren. So what? Hollande steht doch nur im Wald und pfeift sich eins. Alles Augenwischerei, die starken Reden nützen nichts mehr, Frankreich hat sich durch fehlende Industriepolitik selbst ins Abseits manövriert. Da kann zwar Hollande nicht wirklich was dafür, aber statt das Ruder rumzureißen, polemisiert der Gute was das Zeug hält. Wird nur nix nützen.
satissa 24.07.2012
5.
Zitat von bauagentWenn man sich darauf einigen kann, dass nicht jedes Produkt eine vergleichbare High-End Klasse hat, dann ist die gesamte Analyse an den Tatsachen vorbei geschrieben. Die Entlassungen repräsentieren ja nicht eine schlechte Produktivität, sondern begründen sich in der Tatsache, dass die PSA Produkte einfach schlechter sind, als ihre Pendants aus Wolfsburg oder Ingolstadt und infolge dessen Absatzwschwierigkeiten da sind. Frühjer konnte man dieses Problem über die Währung ausgleichen. Heute zwingt der Euro die Unternehmen mit den schwächeren Produkten zur Reduktion oder Aufgabe. Mit floatenden Wechselkursen hätte PSA, im Gegensatz zu FIAT, dieses Problem gar nicht, weil alle Fahrzeuge mit dem entsprechenden Preis ausgestattet konkurrenzfähig sind. Ein 307 darf aber nicht den Preis eines VW Golfs haben. Hat er derzeit aber, weil nicht abgewertet werden kann.
Ihre Analyse geht mindestens genauso an den Tatsachen vorbei wie der SPON. PSA baut Autos wie VW aber nicht wie Audi. die Ansicht, das die Autos schlechter sind mag subjektiv auf Sie zutreffen, hält aber keiner objektiven Betrachtung stand. Kommen Sie mir nicht mit ADAC Reports, in F gibt es Tests, die beweisen, dass die Autos aus F besser sind. Tatsache ist, dass F ein Strukturproblem hat, von einer Elite regiert wird, die die Bodenhaftung völlig verloren hat. Rente mit 60, 35h Woche passen nicht in die Zeit. Dazu kommen radikale, politische Gewerkschaften, die Reformen unmöglich machen. In F brauchen nur 10 Leute in einem Instandsetzungsdepot der Pariser Verkehrsbetriebe zu streiken und schon ist das Land lahmgelegt. Das Verhältnis Arbeitnehmer / Arbeitgeber ist auf dem Stand der 70er geblieben. Unternehmertum wird in F nicht gefördert, es gibt kein Netz mittelständischer Unternehmen wie in D oder Norditalien. Entweder ist man in einem Weltunternehmen oder man versucht sich als Selbständiger oder Kleinunternehmer durchzuschlagen. Über 5 Mitarbeitern trifft einen die volle Wucht des Sozialstaats. Die Politiker und die Unternehmensführung kommen aus den gleichen Eliteschulen. Man kennt sich, man versteht sich. Das hilft französischen Unternehmen zwar auf den Weltmarkt und was bei uns als Protektionismus angesehen wird, ist dort eine natürliche Symbiose, es hilft aber nicht, Unternehmen von 50 bis 300 Mitarbeiter zu gründen. Auch der Sozialist Hollande ist nicht anders. Man nennt dort die Sozis auch die "Kaviarlinken" (la Gauche caviar). Sarkozy mag zwar einiges nicht so glücklich angefasst haben, er hat allerdings Klartext gesprochen und versucht, die Franzosen aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Die wollten das aber nicht, mit bekanntem Ausgang. Ein ordentlicher Präsident in der Masse der Franzosen ist auf den wichtigen Schauplätzen der Welt zugegen, klopft auf der Landwirtschaftsmesse Kühe auf den Hintern, verleiht Orden und schmeißt den Premierminister raus, wenn der nicht macht, was das Volk will.
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