Pharma-Elefantenhochzeit "Pfizer ist das falsche Rezept für Großbritannien"

Es wäre die größte Übernahme der britischen Geschichte: Für 63 Milliarden Pfund will US-Pharmariese Pfizer den Rivalen AstraZeneca übernehmen. Britische Politiker wollen den Ausverkauf verhindern - was der Pfizer-Chef jetzt zu spüren bekam.

Pfizer-Chef Ian Read in London: "Nie da gewesene Zugeständnisse"
AP/House of Commons

Pfizer-Chef Ian Read in London: "Nie da gewesene Zugeständnisse"


Ian Read ist gebürtiger Brite, doch auf einen Heimvorteil konnte er am Dienstag im britischen Parlament nicht hoffen. "Jetzt sagen Sie mal die Wahrheit", blaffte ihn der konservative Abgeordnete Brian Binley an. Er solle sein "Verkäufergeschwätz" sein lassen und endlich Zahlen auf den Tisch legen.

Read, Chef des US-Pharmariesen Pfizer, war aus New York nach London eingeflogen, um für die umstrittene Übernahme des britisch-schwedischen Konkurrenten AstraZeneca zu werben. Zwei Tage lang lässt er sich vor den Unterhausausschüssen für Wirtschaft und Wissenschaft befragen und trifft Vertreter von Regierung und Opposition.

Der anvisierte 63-Milliarden-Pfund-Deal hat in Großbritannien einen politischen Sturm entfacht. Es wäre die größte Übernahme durch eine ausländische Firma in der britischen Geschichte. Politiker, Wissenschaftler und Medien warnen vor dem Ausverkauf der eigenen Pharmabranche, Gewerkschaften schalten große Zeitungsanzeigen: "Pfizer ist das falsche Rezept für Großbritannien". Selbst die wirtschaftsliberale "Financial Times" konstatiert, dem Deal mangele es an "kommerzieller Logik".

Read bekam den Zorn im Unterhaus zu spüren. Die Pfizer-Manager seien bekannt als "skrupellose Kostendrücker", sagte der liberaldemokratische Abgeordnete Mike Crockart. "Wieso sollte die britische Regierung dieser Übernahme zustimmen?"

"Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht"

Der Pfizer-Chef sagte, der Zusammenschluss würde eine der weltweit führenden Pharmafirmen nach Großbritannien bringen und den Forschungsstandort stärken. Man habe der britischen Regierung "nie dagewesene Zugeständnisse" gemacht. Seine Firma habe sich schriftlich verpflichtet, mindestens fünf Jahre lang ein Fünftel aller Pfizer-Forscherstellen auf britischem Boden zu halten. "Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht", beteuerte er.

Die Parlamentarier waren nicht überzeugt, die Stimmung blieb aggressiv. Denn Read weigerte sich, einen Stellenabbau auszuschließen und absolute Beschäftigungszahlen zu nennen. "Warum um alles in der Welt sollten wir Ihnen glauben?", fragte der Labour-Abgeordnete William Bain.

Pfizer hat in Großbritannien einen denkbar schlechten Ruf: Erst vor drei Jahren hatte der Konzern sein Forschungslabor im englischen Sandwich aufgegeben, 2400 Arbeitsplätze fielen weg. Und das, obwohl hier einst ein Pfizer-Bestseller erfunden worden war, das Potenzmittel Viagra.

Auch Pfizers bisheriger Umgang mit Übernahmen ist nicht sonderlich beruhigend. Seit 2000 hat der US-Konzern drei große Pharmafirmen (Warner-Lambert, Pharmacia, Wyeth) geschluckt. Jedes Mal sank die Zahl der Angestellten - im Fall der schwedischen Firma Pharmacia wurde ein Arbeitsplatzversprechen gebrochen.

Steuerersparnis von einer Milliarde Dollar

Dazu kommt der Verdacht, dass es Pfizer hauptsächlich darum geht, Steuern zu sparen. Nach dem Zusammenschluss soll der Firmensitz nämlich in New York bleiben, aber der Steuersitz des Unternehmens nach London verlegt werden. In den USA muss der Konzern derzeit rund 27 Prozent seines Gewinns an Steuern abführen, AstraZeneca in Großbritannien hingegen nur 21 Prozent. Die Ersparnis betrüge über eine Milliarde Dollar pro Jahr, haben Analysten errechnet.

Immer lauter werden daher die Stimmen in London, die sich gegen die Übernahme aussprechen. Der Vorstand von AstraZeneca dürfe nicht auf den kurzfristigen Shareholder-Gewinn schielen, sondern müsse im langfristigen Interesse der Firma handeln, forderte die "FT".

Bislang hat AstraZeneca drei Angebote von Pfizer abgelehnt. "Wir sind groß genug, um alleine erfolgreich zu sein", bekräftigte AstraZeneca-Chef Pascal Soriot vor dem Wirtschaftsausschuss des Unterhauses. Er nahm seinen Auftritt zum Anlass, sämtliche Nachteile einer Fusion aufzuzählen. Beide Firmen wären dann mit sich selbst beschäftigt, es wäre eine "riesige Ablenkung" von der Produktentwicklung.

Der scheinbar kompromisslose Widerstand des AstraZeneca-Managements könnte jedoch nur eine Taktik sein, um den Preis hochzutreiben. In der Londoner City wird spekuliert, dass der Vorstand einknicken könnte, wenn Pfizer diese Woche ein höheres Angebot vorlegt. Sollte der Vorstand auch dann noch Verhandlungen verweigern, könnten die Amerikaner eine feindliche Übernahme versuchen, indem sie die Aktionäre auf ihre Seite bringen.

Eine Intervention der britischen Regierung wäre in jedem Fall unwahrscheinlich. Der Staat kann sich laut Gesetz einmischen, wenn ein "öffentliches Interesse" daran besteht, dass AstraZeneca britisch bleibt. Dieses öffentliche Interesse sei jedoch sehr eng definiert, gab Wirtschaftsminister Vince Cable zu bedenken. Auch wegen des EU-Rechts sei eine Einmischung "schwierig".

Schweigen geht im Wahlkampf jedoch auch nicht. Der konservative Premier David Cameron hat daher von Pfizer zusätzliche Arbeitsplatzgarantien gefordert. Nachdem man lange stolz darauf war, sich nicht in den Markt einzumischen, scheint nun ein Umdenken stattzufinden. "Großbritannien", schrieb der "Guardian" trocken, "wird französischer".



insgesamt 5 Beiträge
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och.jooh 13.05.2014
1. Supergau
und "zwanghaftes Wachstum" und kein pharmazeutischer Nutzen. Natürlich dient dieser Deal nur einem Zweck: Kostenstrukturen zu optimieren und die Konkurrenz hinter sich zu lassen. Doch funktioniert dieser Deal nicht, verliert Pfizer an Geschwindigkeit und fällt im Ranking zurück. Es wäre für die Menschen wünschenswert und schafft neue perspektiven.
och.jooh 13.05.2014
2. Supergau
und "zwanghaftes Wachstum" und kein pharmazeutischer Nutzen. Natürlich dient dieser Deal nur einem Zweck: Kostenstrukturen zu optimieren und die Konkurrenz hinter sich zu lassen. Doch funktioniert dieser Deal nicht, verliert Pfizer an Geschwindigkeit und fällt im Ranking zurück. Es wäre für die Menschen wünschenswert und schafft neue perspektiven.
raber 13.05.2014
3. Übernahme-Spezialist Pfizer auf Europa-Shopping
Den Druck der Abgeordneten finde ich hervorragend. Natürlich kann Pfizer viele Versprechen abgeben; aber keine konkreten Zahlen nennen ist das übliche Spiel dieser Vereine. Nachher geht der jetzige Pfizer-CEO und sein Nachfolger kommt mit allerlei Argumenten, und ändert die vagen Versprechen seines Vorgängers. Tatsächlich ist Pfizer in der Verganegenheit hauptsächlich durch Firmenübernahmen gewachsn und diese Übernahmen hatten meitens brutale Folgen für die Belegschaft. Erhält das oberste AstraZeneca Management Super-Prämien dafür, dass sie es verkaufen? Eine Übernahme ist noch lange keine "Hochzeit".
at.engel 13.05.2014
4. Einfach nur peinlich...
Da folgt so ein amerikanisches Unternehmen brav den zehn Geboten des Neoliberalismus, kurz dem, was Großbrittannien seit zig Jahren - von Thatcher über Blair bis zu Cameron - dem Rest der Welt vorbeten, und dan pöbeln die plötzlich herum, nur weil da andere genauso gut sind. Weiß jedenfalls nicht, was an "kurzfristigen Gewinnen" plötzlich so schlecht sein soll; vor allem, wenn man gleichzeitig die heimische Steuer umgehen kann. Das ist doch in London bzw. auch den normannischen Inseln Geschäftsmodell.
Märchenonkel 14.05.2014
5. Und wieder stellt sich die Frage
Gibt es eigentlich noch Kartellbehörden oder sind die im Zuge des Globalisierungswahns eingestampft worden. Wann kapieren unsere Regierungen endlich, das nur ein funktionierendes Kartellrecht diesen Fusionswahn stoppt und damit den Wettbewerb erhält.
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