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Schräge Becher: Die schlimmsten Bürotassen

Phänomen Bürotasse Kampf um die Kaffeebecher

Das Design ist oft grauenhaft, die aufgedruckten Sprüche sind meist unterirdisch peinlich. Und doch ist der deutsche Angestellte sehr eigen mit seiner Lieblingstasse im Büro. SPIEGEL ONLINE ist dem Phänomen auf den Grund gegangen.

Für Kundenbesuche scheint der Kaffeebecher tatsächlich eher ungeeignet. Homer Simpson ist darauf zu sehen, wie er in Moe's Kneipe mit dem Kopf unterm Zapfhahn hängt. "2 Beer or not 2 Beer" steht einfallsreich darüber.

Nissan-Sprecherin Kirsten Schmitz versichert zwar, dass bislang keine peinlichen Begebenheiten rund um diesen oder andere Kaffeepötte überliefert seien. Trotzdem hat der Autobauer dem bunten Treiben in den Regalen der Kaffeeküchen vorsorglich ein Ende bereitet. Vor kurzem ging eine Rundmail an die Mitarbeiter der Deutschlandzentrale in Brühl: 300 neue, rote Nissan-Becher stünden fortan zur Verfügung. Die alten Kaffeetassen seien bitte in den kommenden Wochen wegzuräumen.

Wer seinen Lieblingsbecher nicht rettet, muss mit dessen Vernichtung rechnen.

Um der Zwangsentsorgung vorzubeugen, machte sich die Belegschaft also daran, den Simpson-Becher auszumustern und mit ihm die gesamte Sammlung an Porzellanpreziosen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Man habe so manches "grausige Exemplar" gefunden, erzählt ein Mitarbeiter. Und: Von so manchem liebgewordenen Stück wollten sich die Kollegen dann doch nicht trennen. Eine kleine Sammlung besonders scheußlicher Stücke wurde also beiseitegeschafft. Darunter: eine Pferdemotiv-Tasse sowie Beine und Hüfte eines Weihnachtsmanns (siehe Fotostrecke oben).

Schamfreie Zone

Allerdings herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, was mit den Andenken nun passieren soll. Womit man beim Kern des Bürotassenphänomens angekommen ist: Die Becher sind vielen Angestellten heilig, die Lieblingstasse wird mit Zähnen und Klauen verteidigt. Zu Hause dulden würde das oft grauenhafte Geschirr allerdings kaum einer.

Dabei ist es eigentlich absurd, sich ausgerechnet an dem Ort, an dem man die meiste Zeit des Tages verbringt, mit Scheußlichkeiten zu umgeben. Doch der Arbeitsplatz scheint mit Blick auf den persönlichen Tassengeschmack schamfreie Zone zu sein. Hemmungslos trinken hier Erwachsene aus Bechern mit Aufschriften wie "Lieber 40 und würzig als 20 und ranzig". Oder: "Ich habe den Größten ... Becher".

Schon früh morgens startet in vielen Büros der Run auf die begehrtesten Becher in der Küche. Die Vorlieben sind verschieden: Größe mag bei der Auswahl des persönlichen Tagesbechers eine Rolle spielen; Form und Farbe; und sicher auch der schlichte Wunsch nach Sauberkeit. Denn wohl nirgends brennen sich Lippenstiftspuren, Teeränder und Kaffeereste so tief in die Tassenglasur wie im Büro. Die Spülmaschinen sind oft machtlos.

Ausdruck von Individualität

Die "Frau im Spiegel" wusste 2001 sogar zu berichten, dass einer Umfrage zufolge rund 40 Prozent der Deutschen ihre persönliche Lieblingsbürotasse haben, aus der sie ausschließlich trinken. Jüngere Erhebungen sind nicht bekannt.

Dass das Phänomen Bürotasse auch heute noch aktuell ist, lässt jedoch die blühende Industrie vermuten, die rund um das seltsame Objekt entstanden ist. Hunderte Versionen sind auf dem Markt, mit sinnfälligen Sprüchen wie: "Ich Chef, ihr nix", oder: "Wie schön wäre dieser Job ohne Arbeit". Tassen mit Schlagringgriff an der Stelle des Henkels werden angeboten. Thermobecher mit Wortspielereien à la "Morgen Latte" sind erhältlich.

Nur wenn der eigene Becher mal wieder verschwunden ist, kann die Luft dick werden. Der Missbrauch eines großen HSV-Bechers als Blumenvase sorgte auch in den Redaktionsräumen von SPIEGEL ONLINE schon für einen Eklat. Und in einem unbekannten Großraumbüro sorgte der Streit um eine Bürotasse einst sogar für den Amoklauf eines Angestellten, der brüllend einen Kopierer umwarf und die Gummibäume trat. Das zumindest berichtete die "Süddeutsche Zeitung" 2005. Offenbar wollte der verzweifelte Mann seinen letzten persönlichen Besitz in dem komplett anonymisierten Raum für sich retten.

Am Arbeitsplatz müsse eben auch "Platz für individuelle Gestaltung" sein, warnt Ernst Hoff, Arbeitspsychologe an der FU Berlin. Der persönliche Becher sei, ebenso wie die Familienfotos auf dem Schreibtisch oder die Mini-Kakteensammlung, Ausdruck von "Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit". "Das Verhältnis zwischen Corporate Identity und persönlicher Identität muss stimmen", sagt Hoff. "Verordnete Anpassungsstrategien sind nicht unbedingt hilfreich."

Bei Nissan nehmen die Angestellten die neue Tassenregel jedoch mit Humor. Beim nächsten "Off-Site-Day", bei dem Arbeitsgruppen über neuen Strategien brüten, soll nun über die Zukunft der verbliebenen Andenken an die alten Zeiten entschieden werden.

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