Planinsolvenz Schlecker könnte aus Tarifverträgen aussteigen

Auf die Beschäftigten von Schlecker kommen mit der Planinsolvenz harte Zeiten zu. Nach SPIEGEL-Informationen kann die Drogeriekette auf eine rasche Kündigung der Tarifverträge setzen. Die Geschäftsführung hatte in dramatischen Telefonaten noch versucht, die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.

Schlecker-Mitarbeiterin an der Kasse: Hoffnung auf Sanierung
dpa

Schlecker-Mitarbeiterin an der Kasse: Hoffnung auf Sanierung


Hamburg - Mit einer Planinsolvenz will sich Schlecker vor dem endgültigen Aus retten. Nach SPIEGEL-Informationen kann das Unternehmen dabei auf Sonderregelungen setzen. Rechtsexperten glauben, dass die Insolvenz auch dazu dienen kann, die teuren Tarifverträge mit der Gewerkschaft Ver.di kündigen zu können. "Der größte Vorteil ist, dass Schlecker nicht zerschlagen wird. Das Unternehmen bleibt als Rechtsträger erhalten und kann sich von allen nicht lukrativen Geschäften trennen, die lukrativen aber kann es behalten", sagte der Bremer Insolvenz-Anwalt Klaus Klöker dem SPIEGEL.

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Heft 4/2012
Protokoll eines tödlichen Versagens

Der Insolvenzverwalter kann helfen, im Planverfahren das Unternehmen von allen langfristigen Verträgen durch Sonderkündigungsrechte zu entlasten. Dazu gehören neben Miet-, Pacht-, Leasing- und Lieferverträgen insbesondere auch die Arbeits- und Tarifverträge. "Gerade hier liegen die Vorteile gegenüber einer außergerichtlichen Unternehmenssanierung", sagte Klöker. Schlecker wäre sonst bis Juni an einen Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag gebunden gewesen, der Entlassungen unmöglich macht.

Bereits in den vergangenen Wochen machte Schlecker klar, dass die Firma den Beschäftigten Opfer abverlangen will. Das Unternehmen wollte mit Ver.di über einen Sanierungstarifvertrag verhandeln, dafür gewährte es Wirtschaftsprüfern der Gewerkschaft Einblick in die Bücher.

Dramatische Telefonate mit der Bitte um Zahlungsaufschub

Bis zuletzt hatte Schlecker nach Investoren und frischem Kapital gesucht. In den vergangenen anderthalb Jahren hatte das Unternehmen einen harten Sparkurs gefahren und Hunderte Filialen geschlossen. Der Zeitpunkt der Insolvenz des Drogerie-Imperiums hat nach SPIEGEL-Informationen wohl auch mit ungedeckten Rechnungen zu tun: Wie andere Handelsunternehmen wickelt Schlecker seine Zahlungen über das Verrechnungskontor Markant ab, das als eine Art Zwischenhändler zwischen Hersteller und Handel fungiert. Von Schlecker sollen dort zu viele unbezahlte Rechnungen aufgelaufen sein, am Freitag soll eine letzte Zahlungsfrist abgelaufen sein. Es habe dramatische Telefonate mit der Bitte um Zahlungsaufschub gegeben, erfuhr der SPIEGEL. Anscheinend hatten die Finanzleute bei Schlecker mit mehr Kulanz gerechnet.

Wettbewerber dagegen zeigten sich wenig überrascht von der Insolvenz. Andere Drogerieketten hätten sich frühzeitig modernisiert, sagte Dirk Roßmann, Gründer der gleichnamigen Kette. "Alle hatten einfach immer die besseren Konzepte, waren schöner, größer, haben die Mitarbeiter hinter sich gehabt."

Laut einer Untersuchung des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI dominierte Schlecker noch 2006 den Drogeriemarkt mit weitem Abstand. Dann aber holten die Konkurrenten dm und Rossmann auf. Das zeigt sich laut EHI am deutlichsten beim Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche, der sogenannten Flächenproduktivität. Diese betrug demnach 2010 bei dm 6500 Euro, bei Rossmann 5000 Euro, bei Schlecker dagegen nur 2200 Euro.

Imagewerte sind verheerend

Schlecker hatte am Freitag mitgeteilt, dass die Drogeriekette zahlungsunfähig ist. Die Geschäftsführung will am kommenden Montag oder Dienstag zum Insolvenzrichter gehen. Bundesweit bangen etwa 30.000 Mitarbeiter um ihre Jobs. Die Gewerkschaft Ver.di forderte Firmenpatriarch Anton Schlecker auf, sein Privatvermögen zur Sanierung der Firma einzusetzen. Noch im vergangenen Jahr wurde der Besitz der Familie vom manager magazin auf 1,95 Milliarden Euro taxiert. Andere Schätzungen gehen sogar von rund drei Milliarden Euro aus.

Schlecker schreibt bereits seit Jahren Verluste. Einem Vertrauten zufolge schoss die Familie im vergangenen Jahr 50 Millionen Euro aus ihrem Privatvermögen zu. Die Firma war immer wieder mit Berichten über Mitarbeiterschikane und Billiglöhne in die Schlagzeilen geraten. Schlecker kämpft mit einem extrem schlechten Ruf. Laut einer Markenstudie des Meinungsforschungsinstituts YouGov liegen die Imagewerte der Firma weit unter denen der äußerst beliebten Marken Rossmann und dm.

Die Kinder von Firmengründer Anton Schlecker waren seit 2010 für die Neuausrichtung des Unternehmens zuständig. Sie versprachen mehr Offenheit und hatten mit der Modernisierung von Filialen begonnen. Bisher wurden aber erst rund 400 Märkte umgestaltet.

mmq/dpa

insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
rodelaax 22.01.2012
1. Tarifverträge kündigen
Aha, man will also den Grund für das schlechte Image und damit der Pleite noch verschärfen. Damit auch die letzten 2 Kunden ausbleiben. Super Idee!
syracusa 22.01.2012
2. Lohnverzicht -> Miteigentümer
Zitat von sysopAuf die Beschäftigten von Schlecker*kommen*mit der Planinsolvenz harte Zeiten zu. Nach SPIEGEL-Informationen kann die Drogeriekette auf eine rasche Kündigung der Tarifverträge setzen. Die Geschäftsführung hatte in dramatischen Telefonaten noch versucht, die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810621,00.html
Falls die Beschäftigten durch Lohnkürzungen nun die Zeche für das katastrophale Missmanagement bezahlen sollen, dann müssen sie als Wertausgleich *Eigentumsanteile *an der kette erhalten.
Infared83 22.01.2012
3. ...
Die Mitarbeiter sollen also zu weiteren Einschneidungen gezwungen werden? Traurig, dass wieder nur auf falscher Seite eingespart wird. Kurzfristig mag das Unternehmen dadurch vielleicht etwas aus dem Minus rauskommen, aber das eigentliche Problem, das unattraktive Angebot und die schlecht aufgebauten und zu kleinen Läden wird dadurch in keinster Weise angegangen. Eine Verbesserung des Images ist damit auf jeden Fall nicht zu erreichen. Mittel- und Langfristig schießt sich das Unternehmen damit ins Knie und wird weiterhin nicht aus den roten Zahlen kommen. Momentan geht es doch nur darum, möglichst viel Geld zu retten. Und eine Bitte an Spon: Übernehmt doch nicht immer falsche Textstellen aus vorherigen Artikeln. Schlecker ist eine Personengesellschaft und somit haftet der Eigentümer selbsverständlich mt seinem Privatvermögen. Forderungen Seitens der Gewerkschaften, er solle sich doch bitte mit seinem Privatvermögen beteiligen, zeugen entweder von Dummheit eben dieser, oder aber Verdi möchte anschließend den "Erfolg" des von Herrn Schlecker privat eingesetzten Vermögens auf ihr Drängen zurück führen. Jedenfalls sollte dieser Part korrigiert werden.
peterregen 22.01.2012
4. ...
---Zitat--- Rechtsexperten glauben, dass die Insolvenz auch dazu dienen kann, die teuren Tarifverträge mit der Gewerkschaft Ver.di kündigen zu können. ---Zitatende--- Was hat es mit diesen "teuren Tarifverträgen" auf sich? Ich kenne Schlecker nur als Ausbeuterfirma. Ist da etwas an mir (und den anderen Kunden) vorbei gegangen? Ist Schlecker eigentlich ein vorbildlicher Arbeitgeber?
Levaldo 22.01.2012
5.
Zitat von sysopAuf die Beschäftigten von Schlecker*kommen*mit der Planinsolvenz harte Zeiten zu. Nach SPIEGEL-Informationen kann die Drogeriekette auf eine rasche Kündigung der Tarifverträge setzen. Die Geschäftsführung hatte in dramatischen Telefonaten noch versucht, die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810621,00.html
Könnten die Mitarbeiter auch ihre Arbeitsverträge aus außerordentlichem wichtigem Grund kündigen? Dann gibt's künftig weder Ware noch Menschen bei Schlecker... A.schlecker ist wirklich nicht zu retten, wenn er von der Möglichkeit Gebrauch macht... dann tut es mir auch nicht leid um das Unternehmen.
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