Neuer Chef von Pleite-Kryptobörse FTX »Nie in meiner Karriere habe ich solch komplettes Versagen erlebt«

Der Kurs am Boden, bangende Anleger – und Ermittlungen auf den Bahamas: Im Skandal um die Kryptobörse FTX hat sich der neue Chef Ray erschüttert über den Zustand der insolventen Handelsplattform geäußert.
Logo der Kryptobörse FTX: »Unerfahrene, naive und womöglich kompromittierte Personen«

Logo der Kryptobörse FTX: »Unerfahrene, naive und womöglich kompromittierte Personen«

Foto: DADO RUVIC / REUTERS

John Ray hat 40 Jahre Erfahrung mit der Sanierung von Firmen, er war unter anderem nach der historischen Pleite des US-Konzerns Enron mit dessen Abwicklung betraut. Nun hat er die Geschäfte bei der insolventen Kryptobörse FTX übernommen – und zeigt sich schockiert über den Zustand und das vorherige Management des Konzerns.

»Noch nie in meiner Karriere habe ich solch ein komplettes Versagen an Unternehmenskontrolle und so einen Mangel an vertrauenswürdigen Finanzinformationen erlebt«, sagte Ray, der die Leitung von FTX nach Beantragung des Konkursverfahrens übernahm. Was die Ex-Führungsriege um FTX-Gründer Sam Bankman-Fried veranstaltet habe, sei schlicht »inakzeptabel«.

»Erratische und irreführende« Statements

Bei FTX habe die »Kontrolle in den Händen einer sehr kleinen Gruppe von unerfahrenen, naiven und womöglich kompromittierten Personen« gelegen, führte Ray in seinem ersten ausführlicheren Lagebericht an das Insolvenzgericht aus. Die Situation sei beispiellos, so der Sanierungsexperte.

FTX – einer der größten Handelsplätze für Digitalwährungen wie Bitcoin – war nach enormem Mittelabfluss im Zuge von Liquiditätssorgen binnen weniger Tage kollabiert . Milliarden an Kundengeldern konnten nicht ausgezahlt werden. Am Freitag gab der erst 30-jährige FTX-Gründer Bankman-Fried seinen Rücktritt bekannt und beantragte im US-Bundesstaat Delaware Insolvenz für den Konzern. Unterdessen hat die Polizei der Bahamas Ermittlungen aufgenommen, nachdem die Wertpapieraufsicht angab, das Unternehmen werde unter anderem verdächtigt, Kundengelder veruntreut zu haben. Auf den Bahamas hatte FTX auch seinen Hauptsitz.

Wie und wo genau das Konkursverfahren ablaufen wird, ist noch unklar. Denn Bankman-Fried hat zwar für mehr als 130 Unternehmen seines Kryptoimperiums Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts beantragt. Doch auch die Behörden auf den Bahamas haben bereits Firmenvermögen eingefroren und einen Insolvenzverwalter bestellt.

Binance kündigt Bericht über Finanzlage an

Bankman-Fried bezeichnete den US-Insolvenzantrag unterdessen gegenüber einer Reporterin der News-Webseite Vox als seinen größten Fehler. Die nun zuständigen Leute würden versuchen, den Konzern niederzubrennen. Der neue FTX-Chef Ray beklagte derweil, dass Bankman-Fried weiterhin »erratische und irreführende« öffentliche Statements abgebe.

Unterdessen hat der Chef des Konkurrenzunternehmens Binance, Changpeng Zhao, einen Bericht über die Finanzlage seiner Plattform angekündigt. Binance werde »in zwei Wochen« publik machen, wie es um seine Finanzen stehe, sagte Zhao am Donnerstag bei einem Medienkongress in Saudi-Arabien. Die Insolvenz von FTX müsse untersucht werden, forderte er.

Krypto-Wunderkind Bankman-Fried: Bereut den Insolvenzantrag

Krypto-Wunderkind Bankman-Fried: Bereut den Insolvenzantrag

Foto: Tom Williams / AP

Die Krise bei FTX hatte den Kurs mehrerer Kryptowährungen wie dem Bitcoin einbrechen lassen. Binance, die weltgrößte Kryptowährungsplattform, habe »auf jeden Fall« die Mittel, auch einen massiven Abzug von Kundengeldern zu überleben, sagte der kanadisch-chinesische Milliardär Zhang weiter.

Den Kursabsturz von FTX, die zeitweilig 32 Milliarden Dollar verwaltet haben soll, nannte Zhang eine normale Marktreaktion. Der Milliardär hatte zur Krise von FTX beigetragen, indem er den zunächst angekündigten Kauf wieder abblies. Beim Kongress in Saudi-Arabien spielte Zhang seinen Einfluss herunter: »Wenn ich Bitcoin verkaufe, kümmert das niemanden«, sagte er. Grund für die Probleme von FTX seien die Investoren gewesen, die Verdacht geschöpft hätten.

FTX-Gründer Bankman-Fried war lange Zeit als Krypto-Wunderkind gefeiert worden. Zuletzt wurde aber publik, dass der ebenfalls von Bankman-Fried gegründete Investmentfonds Alameda Research im Zuge zweifelhafter Finanztransaktionen in von FTX.com ausgegebene Kryptowährungen investiert hatte.

apr/dpa/AFP
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