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13. Januar 2014, 15:09 Uhr

Möglicher Pofalla-Wechsel

"Politiker im Vorstand steigern den Unternehmenswert"

Ein Interview von und

Sollte die Bahn Ronald Pofalla in die Konzernspitze holen? Ja klar, sagt der Lobbyismus-Experte Jörg Rocholl - und vergleicht den Ex-Kanzleramtsminister mit einem Teebeutel, der frisch aufgegossen wird.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rocholl, wäre es für die Bahn eine gute Idee, Ronald Pofalla in den Vorstand zu berufen?

Rocholl: Eindeutig ja. Wir haben in den USA die Entwicklung von Unternehmen untersucht, die einen Ex-Politiker in den Vorstand geholt haben. Die Studien zeigen einen positiven Zusammenhang: Die Unternehmen bekommen mehr Regierungsaufträge, ihre Aktienkurse ziehen an. Es müssen allerdings Ex-Politiker sein, die Zugang zur richtigen Partei haben. Zu der, die regiert. Nur dann funktioniert das auch.

SPIEGEL ONLINE: Die Bahn ist ein Staatsbetrieb. Eigentlich braucht sie keinen privilegierten Zugang zur Politik, sie ist Teil von ihr.

Rocholl: Das stimmt. Aber auch die Deutsche Bahn unterliegt regulatorischen Anforderungen, auch ihr nützen Kontakte in die Politik. Wäre die Bahn börsennotiert, hätte sie mit einem Vorstandsmitglied Pofalla sicher Vorteile am Aktienmarkt. In den USA habe ich mir Unternehmen wie Boeing angeguckt, die sehr stark von staatlichen Aufträgen abhängen. Wer Politiker der Mehrheitspartei in Senat und Repräsentantenhaus im Vorstand hatte, bekam mehr öffentliche Aufträge.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein Indiz für Korruption im System? Bei öffentlichen Ausschreibungen sollte es doch keine Rolle spielen, ob ein Bewerber politisch gut vernetzt ist.

Rocholl: Der Verdacht auf Korruption ist in diesen Fällen immer gegeben. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass es klare Regeln gibt, wenn Politiker in Unternehmen wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Rocholl: Transparenz und Karenzzeiten. Eine Auszeit ist vor allem dann wichtig, wenn der neue Job eines Politikers mit seinem alten zu tun hat. Unnötig finde ich eine längere Karenzzeit, wenn beispielsweise ein ehemaliger Landwirtschaftsminister in die Autoindustrie wechselt.

SPIEGEL ONLINE: Und im Fall von Pofalla?

Rocholl: Bei ihm gibt es kaum eine Tätigkeit, die sich nicht mit seiner alten überschneidet. Es sei denn, er würde in den Hochschulbereich gehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Fazit lautet also: Lobbyismus lohnt sich. Gilt das auch für Parteispenden?

Rocholl: Das haben wir auch untersucht. Hier waren die Effekte aber nicht so deutlich. Spenden sind nichts Dauerhaftes. Wenn ich jedoch einen Politiker einstelle, ist das eine sehr deutliche Aussage, die nicht so leicht revidiert werden kann. Die Reaktion am Aktienmarkt ist übrigens besonders positiv, wenn ein Politiker zum ersten Mal in einen Vorstand berufen wird. Wechselt derselbe Mann später in ein anderes Unternehmen, fällt das Echo schon nicht mehr ganz so positiv aus. Das ist wie mit einem Teebeutel: Jedes Mal, wenn ich ihn in die Tasse hänge, wird die Wirkung schwächer.

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