Yasmin El-Sharif

Streik der Briefträger Endlich wieder Klassenkampf

Wut auf die Lokführer, Verständnis für die Erzieher - bei den Arbeitskämpfen der vergangenen Wochen kochten die Emotionen der Deutschen hoch. Jetzt streiken die Postboten, und niemanden interessiert es. Dabei betrifft dieser Konflikt alle Arbeitnehmer.
Streikende Mitarbeiter der Post in Berlin: "Gut für unsere Eigner"

Streikende Mitarbeiter der Post in Berlin: "Gut für unsere Eigner"

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Unsere freundliche Nachbarin, schon weit über 90, geht seit Jahren nicht mehr vor die Tür. Die Beine sind zu schwach. Was in der Straße, in der Stadt passiert, erfährt sie nur aus der Zeitung - und von ihrem Briefträger. An jedem seiner Arbeitstage wartet sie am Fenster auf ihn. Sieht sie ihn kommen, humpelt sie zur Tür, um ihn ja nicht zu verpassen. Zu kostbar sind die kurzen Gespräche, die er ihr jeden Morgen schenkt.

Bahn, Lufthansa, Kitas - bei den großen Streiks der vergangenen Wochen und Monate kochten deutschlandweit die Emotionen hoch und jeder hatte eine klare Meinung: Lokführer-Führer Claus Weselsky wurde als größenwahnsinnig beschimpft, die Piloten galten als raffgierig, für die Anliegen der Erzieher dagegen hatten die meisten Verständnis. Aber jetzt, wo die Briefträger einen unbefristeten Streik gestartet haben, scheinen sich viele Bürger zu fragen: Und was geht mich das an?

Um es vorweg zu nehmen: mehr als jeder andere Streik. Und das gilt längst nicht nur für die alte Dame, die "ihren" Postboten vermissen wird.

Das allgemeine Desinteresse liegt auch daran, dass die Post-Zentrale in Bonn alles tut, damit der Kunde vom Streik nicht allzu viel merkt. Sie setzt die rund 40.000 verbliebenen Beamten der ehemaligen Bundespost als Streikbrecher ein. Sie holt Leiharbeiter, sogar aus Polen, damit alles schön reibungslos funktioniert.

Genau hier liegt der Kern des Konflikts: Der Post ist jedes Mittel recht, um "im Wettbewerb zu bestehen", wie sie sagt. Anfang des Jahres hat der Konzern 49 Regionalgesellschaften unter dem Namen Delivery gegründet und lässt dort inzwischen 6000 Mitarbeiter für im Schnitt 20 Prozent weniger Lohn arbeiten als die anderen Kollegen. Die einen werden nämlich nach dem Haustarif der Post bezahlt, die anderen nach dem Tarif für die Speditions- und Logistikbranche. Das kann einen Unterschied von bis zu 1000 Euro im Monat ausmachen.

Gleiche Arbeit, ungleicher Lohn also. Manche der heutigen Delivery-Mitarbeiter waren zuvor als befristet Beschäftigte im Haustarif angestellt. Sie wurden vor die Wahl gestellt, entweder einen unbefristeten Vertrag mit weniger Gehalt zu akzeptieren - oder auf Dauer gar nicht mehr für die Post zu arbeiten.

Billigtöchter sind in Mode gekommen

Zwei Standards gelten nun in dem ehemaligen Staatsbetrieb, an dem der Bund noch heute indirekt Anteile hält. "Wir schaffen ein Tarifsystem, das gut für unsere Eigner" ist, bekannte der Briefsparten-Vorstand Jürgen Gerdes bei der Delivery-Gründung freimütig. Immerhin schob er noch ein "aber auch für unsere Mitarbeiter" hinterher. Übrigens: Die vom Tarifkonflikt betroffene Sparte peilt in diesem Jahr einen operativen Gewinn von 1,3 Milliarden Euro an.

Die Post ist nicht der erste Konzern, der neue Wege findet, beim Personal zu sparen, um höhere Gewinne einzufahren. Seit einigen Jahren scheint es regelrecht in Mode zu kommen, Billigtöchter zu gründen oder Subunternehmen zu beschäftigten, die die gleiche Arbeit für weniger Geld erledigen - sei es bei der Lufthansa   oder auch in der Medienbranche. Innerhalb von Unternehmen entsteht so eine neue Klassengesellschaft.

Die Gewerkschaft Ver.di hat der Post angeboten, auf eine lineare Einkommenserhöhung in diesem Jahr zu verzichten, wenn der Konzern die Beschäftigten der 49 Regionalgesellschaften nach Haustarif bezahlt. Die streikenden Postboten kämpfen also für ihre 6000 schlechter bezahlten Kollegen - und erstmal nicht für das eigene Portemonnaie.

Wenn die GDL die Lokführer streiken lässt und Ver.di die Erzieher, dann mag das gut und richtig für diese Berufsgruppen sein. Wenn aber jetzt die Briefträger in den Ausstand treten, dann hat das eine besondere Qualität: Sie kämpfen für die Solidarität.

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