Identifizierungsverfahren Mit welchen Mitteln die Post junge Konkurrenten bekämpft

Es geht um einen Millionenmarkt: Junge Start-ups jagen der Post bei der Identitätsfeststellung Kunden und Umsatz ab. Der Konzern wehrt sich - offenbar mit allen Mitteln.

Filiale der Deutschen Post (in München)
dpa/dpaweb

Filiale der Deutschen Post (in München)

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Wer ein Bankkonto eröffnen wollte, hatte lange keine Wahl: Entweder er ging persönlich zu einer Niederlassung - oder in eine Postfiliale, in der er mit dem sogenannten Postident-Verfahren seine Identität beweisen musste. Das Verfahren aber ist umständlich und wirkt in Zeiten von Onlinebanking und Finanz-Apps auf dem Smartphone aus der Zeit gefallen.

Junge Start-ups, die als "Fintechs" mit kreativen Ideen die Branche aufmischen, bieten eine Alternative: Video-Identifizierung über das Internet. Kunden wählen sich - beispielsweise per Skype - zu einer Videokonferenz mit einem Mitarbeiter ein, der anhand verschiedener Merkmale des Personalausweises die Identität feststellt. Der Vorteil: Kunden können sich fast jederzeit und an jedem Ort ausweisen, vorausgesetzt, sie haben Zugang zu einem internetfähigen Gerät mit Kamera.

Als erstes Unternehmen weltweit ging im Januar 2014 das Start-up WebID-Solutions an den Markt - und gewann aus dem Stand viele Kunden. Die Post dürfte das geschmerzt haben, denn sie verdient gut an Postident: Für jede Identifizierung zahlen die Banken der Post bis zu 8,50 Euro. Bei mehreren Millionen Vorgängen im Jahr kommt eine erkleckliche Summe zusammen.

Der Erfolg der ungewohnten Konkurrenz - mehr als 70 Banken, dazu Versicherungen und andere Firmen setzen auf WebID - zwang die Post zum Handeln. Wie Insider SPIEGEL ONLINE berichteten, setzt der frühere Staatsbetrieb beim Kampf um den Millionenmarkt alle Möglichkeiten ein, die er hat. Auch die eher unfeinen.

Nachdem die Start-up-Gründer eine Übernahme durch den früheren Staatskonzern ablehnten, ließ die Post selbst eine Software für die Videoidentifizierung programmieren, offenbar ohne Erfolg. Die Kunden nutzen weiterhin externe Anbieter wie IDnow, Cybits oder den Marktführer WebID-Solutions, der nach eigenen Angaben alleine rund 3000 Kunden täglich identifiziert.

Kampflos will die Post den Markt aber offensichtlich nicht aufgeben. Nach den Berichten der Insider schwärmen Postmitarbeiter aus, um die Verträge für das Postident-Verfahren neu zu verhandeln, das für alle Kunden, die keinen Internetzugang haben, unverzichtbar ist. Leider müssten die Preise für die Dienstleistung angehoben werden, erzählen die Postler demnach den Banken. Aber es gäbe noch einen anderen Weg.

Wer einen Nutzungsvertrag - der SPIEGEL ONLINE vorliegt - für das neue Postid-Portal abschließt, bekommt ordentliche Rabatte. Je mehr Aufträge über die Post abgewickelt werden, desto billiger wird es, bis zu 53 Prozent können die Banken sparen. Über die Nutzung von Identifizierungs-Verfahren konkurrierender Unternehmen steht zwar nichts im Vertrag - aber im Gespräch hätten die Postverhandler deutlich gemacht, dass diese ausgeschlossen seien. So berichteten es jedenfalls Beteiligte SPIEGEL ONLINE. Aber das soll noch nicht alles gewesen sein.

Sollten die Banken das Angebot ausschlagen, soll die Post ihnen gedroht haben auch die Preisgestaltung anderer Dienstleistungen zu überdenken - zum Beispiel für Briefsendungen.

Möglicherweise waren das nur Aussagen einiger übereifriger Vertriebsmitarbeiter der Post, trotzdem könnte diese Verknüpfung zu weit gehen. Mit dem Postident-Verfahren in der Filiale hat die Post quasi schon ein Monopol - ein ähnlich flächendeckendes System aufzubauen, wäre extrem teuer. Die Verknüpfung der Preise für Identifizierungen mit dem Briefversand könnte das Kartellamt auf den Plan rufen, das die Post schon wegen ähnlicher Vorwürfe im Visier hat.

Den Schaden haben zum einen die Banken, die Brancheninsidern zufolge das Videoverfahren des Ex-Staatskonzerns eher umständlich finden. Diejenigen Mitarbeiter, die damit täglich zu tun haben, loben die konkurrierenden Systeme als deutlich komfortabler und ärgern sich darüber, dass in ihren Instituten Vorstände den Wechsel beschlossen haben, die ausschließlich auf die Kosten und nicht auf den Nutzen schauen.

"Der Versuch eines Monopolisten, innovative Fintechs platt zu machen"

Auf offizielle Anfragen geben sich die Banken wortkarg: Sie bestätigen immerhin, dass sich das Verhältnis immer mehr von Offline- zu Online-Identifikationen verschiebe, viele berichten von vierstelligen Identifikationen pro Monat. Über Rabattangebote der Post schweigen sich die Banken aus. Die ING-Diba teilte Anfang Juli noch mit, dass sie mit WebID zusammenarbeite - Mitte September war sie zur Post gewechselt. Gründe nannte die Bank auf Anfrage nicht.

Unter Druck geraten vor allem die Start-ups, so wie die Firma WebID-Solutions. Co-Geschäftsführer Thomas Fürst sieht zwar bisher keinen Rückgang der Aufträge, auch Beschwerden vonseiten der Banken habe es nicht gegeben. Aber er bestätigt die Insiderinformationen: "Es ist im Markt bekannt, dass die Post seit Anfang 2015 mit aggressivsten Preisstellungen wirbt - die häufig an die Nutzung von Video Ident Services der Post gebunden sind."

Fürst sieht durch die "unlautere Vorgehensweise" nicht nur die Innovationskraft deutscher Fintechs bedroht, er hält den Preiskampf auch für riskant. Für weniger als sechs Euro ließe sich die vom Geldwäschegesetz geforderte Sicherheit nicht garantieren - oder der Anbieter mache absichtlich Verlust. "Wir sehen hier den Versuch eines Monopolisten, mit Erträgen aus den verbleibenden Monopolbereichen durch Bündelangebote junge, innovative Fintechs aus dem Markt zu drängen und 'platt zu machen'."

Die Post weist alle Vorwürfe zurück. Die Preise seien kostendeckend, heißt es auf Anfrage, es finde "keine preisliche Differenzierung zwischen den jeweiligen Verfahren statt". Auch eine Verknüpfung der Preise für das Postident-Verfahren mit anderen Dienstleistungen gebe es nicht.



insgesamt 1 Beitrag
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mickt 13.10.2016
1. Danke,
bitte am Ball bleiben und der Post auf die Finger schauen! Monopolisten und Ausnutzung von Monopolstellungen gehen immer zu Lasten der Verbraucher.
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