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04. Juli 2012, 20:17 Uhr

Dramatische Hauptversammlung

Praktiker droht Aktionären mit Pleite

Tumulte auf der Hauptversammlung von Praktiker: Der Vorstand der Baumarktkette drohte mit Insolvenz und forderte eine Kapitalerhöhung. Die Aktionäre witterten Erpressung und verlangten "zumindest" den Rücktritt aller Aufsichtsräte. Erst am Abend kam es zu einer Lösung.

Hamburg - Im Kampf um die Zukunft der schwer angeschlagenen Baumarktkette Praktiker ist es auf der Hauptversammlung am Mittwoch in Hamburg zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Konzernleitung und Aktionären gekommen. Der Vorstand drohte mit Insolvenz, falls ein geplantes Rettungspaket nicht von den Aktionären abgesegnet werde. Diese warfen der Unternehmensführung Erpressung vor.

Erst am Abend zeichnete sich eine Lösung ab: Isabella de Krassny kündigte als Vertreterin zweier Großaktionäre eine Unterstützung des Sanierungsplans an. Zuvor war eine wesentliche ihrer Forderungen erfüllt worden: Zwei Aufsichtsräte treten zurück. Für den Vorstand sollen weitere Mitglieder gesucht werden, für die Sparten Einkauf sowie Vertrieb. In den Aufsichtsrat sollen zwei Mitglieder einziehen, die die Fondsmanagerin der österreichischen Privatbank Semper Constantia - auch in Vertretung für den Maseltov-Fonds - vorgeschlagen hatte. Aus dem Aufsichtsrat scheidet zudem Kay Hafner aus, der zur vorübergehenden Führung an die Praktiker-Spitze delegiert worden war.

Hafner hatte zuvor zusammen mit Finanzvorstand Markus Schürholz eindringlich vor einer Pleite gewarnt. Dadurch könnten europaweit gut 19.000 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Das geplante Rettungspaket sei "alternativlos".

Das sah de Krassny ganz anders. Die Österreicherin verlangte "zumindest" den Rückzug aller Aufsichtsräte, bezeichnete das Sanierungskonzept zunächst als inakzeptabel und skizzierte einen Alternativplan. Unter dem Jubel der Aktionäre rief sie: "Wir lassen uns nicht erpressen!" Scharfe Kritik kam auch von Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Zahlen sind Ihre Sache wohl nicht", sagte er in Richtung des Praktiker-Vorstands. Die Ankündigung, das Unternehmen werde von 2014 an wieder schwarze Zahlen schreiben, reiche nicht.

US-Finanzinvestor verlangt Max Bahr als Pfand

Der Rettungsplan der Konzernführung sieht den US-Finanzinvestor Anchorage als rettender Geldgeber vor. Dieser verlangt aber für einen 85 Millionen schweren Kredit die gesunde Konzerntochter Max Bahr als Pfand und soll darüber hinaus mit Hilfe von Optionsanleihen Zugriff auf 15 Prozent der Praktiker-Aktien erhalten.

Nach dem Rettungsplan des Vorstands sollen unprofitable Praktiker-Märkte geschlossen werden. Außerdem setzt der Konzern auf den Ausbau der höherpreisigen Schwestermarke Max Bahr, die schwarze Zahlen schreibt. 120 der 234 Praktiker-Märkte sollen auf die Marke Max Bahr umgestellt werden, die bisher vor allem in Norddeutschland präsent ist. Beim Umzug der Konzernzentrale nach Hamburg sollen 200 Arbeitsplätze wegfallen.

Zudem sollen sich die Aktionäre mit einer Kapitalerhöhung um 60 Millionen Euro an der Rettung des Konzerns beteiligen. "Bricht nur eine wesentliche Stütze aus dem Gerüst aus, fällt auch der Rest", warnte Hafner. Finanzvorstand Schürholz erklärte, bei einer Ablehnung durch die Aktionäre müsse Praktiker die Verhandlungen über Kreditlinien abbrechen. "Praktiker wäre in diesem Fall unmittelbar von der Insolvenz bedroht. Der Wert der Aktie würde wohl gegen Null sinken."

Praktiker setzte jahrelang auf eine Billigstrategie ("20 Prozent auf alles") und rutschte wegen Missmanagement tief in die roten Zahlen. 2011 machte das Unternehmen einen Verlust von über 500 Millionen Euro. Der Konzern ist inzwischen hoch verschuldet und ringt ums Überleben. Die Aktie des Baumarktkonzerns, die zu ihren besten Zeiten bei 34,50 Euro stand, ist auf zuletzt nur noch 1,24 Euro abgestürzt. Insgesamt ist Praktiker an der Börse noch 73 Millionen Euro wert. Am Mittwoch rutschte das Papier erneut um acht Prozent ab und war damit der schwächste Wert im Kleinwerteindex SDax.

mal/dab/Reuters/dapd/dpa/

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