Preisabsprachen Wettbewerbshüter wittern Handel-Hersteller-Kartell

Werden Deutschlands Verbraucher bei Kaffee- und Schokoladepreisen ausgetrickst? Bei mehr als 20 Handelskonzernen und Lebensmittelunternehmen hat das Kartellamt Ermittlungen begonnen und Büros durchsucht. Der Verdacht: Absprachen über Mindestpreise in nicht gekannter Dimension.

Protest gegen die Macht von Supermärkten: Razzia überrascht Branchenkenner nicht
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Protest gegen die Macht von Supermärkten: Razzia überrascht Branchenkenner nicht

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Hamburg - Es war ein überraschender Besuch: Bei fast jedem Unternehmen, das im deutschen Einzelhandel etwas gilt, klopften am Donnerstagvormittag Mitarbeiter des Bundeskartellamts an. Mit insgesamt 56 Mitarbeitern und 62 Polizeibeamten knöpften sich die Kartellwächter unter anderem den Metro-Konzern Chart zeigen, Deutschlands größten Lebensmittelhändlern Edeka, Rewe und Lidl, aber auch die Drogeriekette Rossmann und den Tierfutteranbieter Fressnapf vor. Auch beim Schokoriegelhersteller Mars klingelte die Behörde.

Man habe Hinweise darauf, dass insgesamt 24 Unternehmen die Preise von Kaffee, Süßwaren und Tiernahrung illegal abgesprochen hätten, hieß es beim Kartellamt. Millionen von Verbrauchern könnten deshalb für diese Produkte zu viel gezahlt haben.

Völlig überraschend kommt die Razzia für Branchenkenner nicht. Bereits Ende 2009 hat das Bundeskartellamt gegen die Kaffeeröster Melitta, Dallmayr und Tchibo eine Geldbuße von insgesamt 160 Millionen Euro verhängt - weil die sich seit mindestens Anfang 2000 über Höhe, Umfang, Zeitraum und Zeitpunkt von Preiserhöhungen abgesprochen haben sollen. Beteiligt war auch der US-Lebensmittelkonzern Kraft Foods. Er entging der Strafe jedoch, weil er sich selbst anzeigte - und mit den Wettbewerbshütern kooperierte. Tchibo und Melitta legten dem Amt zufolge Einspruch gegen die Millionen-Bußgelder ein. Damit muss wohl das Oberlandesgericht Düsseldorf über die Strafen entscheiden.

"Wer über Kaffee spricht, redet auch über Schokolade"

Und genau das könnte jetzt auch der Grund für die weiteren Untersuchungen sein: "Wer mit dem Kartellamt über Kaffee spricht, wird wohl auch über Schokolade reden", vermutet Thomas Roeb, Handelsexperte der Fachhochschule Rhein-Sieg. Das Kartellamt bestreitet zwar einen direkten Zusammenhang und verweist auf "Erkenntnisse", die man aus diversen Vorverfahren gewonnen habe. Klar ist aber, dass die Behörde die Großen der Branche seit langem auch wegen weiterer Produkte im Blick hat.

So begannen etwa die Ermittlungen zu den Kartellen im Kaffeegeschäft gar nicht in diesem Markt: Die Ermittler hatten von einem Treffen mehrerer Süßwarenhersteller erfahren und witterten ein Schokoladenkartell. Die folgende Durchsuchung der Bremer Deutschlandzentrale machte den Lebensmittelmulti Kraft nervös - und er beichtete den Wettbewerbshütern die unerlaubten Absprachen.

Dass die Untersuchungen sich nach dem Kaffee jetzt scheinbar auf den Süßwarenbereich konzentrieren, erstaunt Branchenexperte Roeb daher nicht. "Es gibt spezielle Warengruppen, die besonders anfällig für Preisabsprachen sind." Die Rohstoffpreise schwankten stark, die Zahl der produzierenden Länder sei gering, die Zahl der Hersteller begrenzt: "All das macht den Markt überschaubar und damit kontrollierbar."

Neu ist allerdings der Verdacht, Händler und Hersteller könnten sich verständigt haben. "Die vertikale Preisabsprache ist eine gewisse Besonderheit", bestätigt Kartellamtssprecher Kay Weidner. Das Bundeskartellamt vermutet, dass die betroffenen 24 Unternehmen über die übliche unverbindliche Preisempfehlung hinaus konkrete Preisuntergrenzen festgelegt haben. Sollte sich der Verdacht als richtig herausstellen, heißt das konkret: Handel und Unternehmen haben sich darauf geeinigt, bestimmte Produkte nie unter einen Mindestpreis rutschen zu lassen - und das ist nach dem deutschen Wettbewerbsrecht nicht erlaubt.

Vereinbarungen sind auch für den Handel attraktiv

Solche Vereinbarungen sind für alle Beteiligten attraktiv. Garantieren sie doch Herstellern wie Händlern verlässliche Preise und höhere Margen. Den Handelsunternehmen bieten die Absprachen einen weiteren Vorteil - sie geben ihnen Spielraum für Eigenmarken: "Unterhalb des verabredeten Preises für Markenprodukte können die Einzelhändler in aller Ruhe ihre Eigenmarken platzieren, ohne Angst vor Markenprodukten mit ähnlichen Preisen", sagt ein Branchenkenner.

Die betroffenen Unternehmen versicherten zwar eiligst, in vollem Umfang mit den Wettbewerbshütern zu kooperieren. Tatsächlich aber herrscht in der Branche helle Aufregung - vor allem seit am 21. Dezember das Strafmaß gegen die drei Kaffeeröster bekanntgegeben worden ist. Denn damit, darin sind sich Marktkenner einig, wollten die Wettbewerbshüter ein Exempel statuieren. "Wir wollen mit der heutigen Untersuchung klarmachen, dass auch die vertikalen Absprachen Verstöße gegen das Kartellrecht darstellen", konstatierte Behördensprecher Weidner denn auch kühl.

Tatsächlich haben sich die Wettbewerbshüter in den vergangenen Jahren neu aufgestellt - und ihre Kräfte vor allem auf den Handel konzentriert. Derzeit ermittelt das Bundeskartellamt nicht nur im Kaffee- und Süßwarengeschäft, sondern auch bei den Herstellern verschiedener Wurstwaren und Mühlenbetreibern, die die Mehlpreise manipuliert haben sollen.

Hilfreiche Kronzeugenregelung

Dabei hilft den Beamten, dass es seit dem Jahr 2000 eine dem Strafrecht ähnliche Kronzeugenregelung für Preiskartelle gibt: Liefert ein beteiligtes Unternehmen Informationen, die zur Aufklärung der Absprachen beitragen, kann es mit einer geringeren Strafe oder sogar straffrei davonkommen - wie im jüngsten Fall bei Kraft Foods.

Der Erfolg der Wettbewerbshüter spiegelt sich auch in den Bußgeldern wider, die in den vergangenen Jahren rapide angestiegen sind. Hatte die Behörde im Jahr 2006 noch 2,5 Millionen Euro eingenommen, erhöhten sich die Zahlungen auf über 114 Millionen Euro im Jahr 2007. 2008 waren es 317 Millionen Euro und im vergangenen Jahr - nach der Buße gegen die Kaffeehersteller - schließlich über 400 Millionen Euro.

Das freut auch jene Unternehmen, die sich nicht an den Preisabsprachen beteiligen - denn der Schaden für sie ist beträchtlich. Laut Europäischer Union kosten illegale Absprachen pro Jahr mindestens 30 Milliarden Euro. Aber auch die Konsumenten müssen draufzahlen. Nach Berechnungen von Verbraucherschützern bezifferte sich der Schaden für sie seit dem Jahr 2000 auf 4,8 Milliarden Euro.

Mit Material von Reuters

insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
lemming51 14.01.2010
1. Wo Rauch ist.......
.......ist auch Feuer. Da in dieser unserer Bundesrepublik im Rahmen der allgemeinen Verwilderung der Sitten wg. Profit und Rendite mittlerweile Alles möglich ist, kann man getrost davon ausgehen, dass man den Kaffeeröstern etwas nachgemacht hat. Indes: es gibt ein bißchen Bußgeld und danach zieht die Karawane weiter.
kdshp 14.01.2010
2.
Zitat von sysopDas Bundeskartellamt hat die Räume mehrerer Branchenriesen durchforstet - unter anderem von Metro, Edeka und Rewe. Auch Hersteller von Markenartikeln sind von der Großrazzia betroffen. Sind Preisabsprachen bei deutschen Konzernen an der Tagesordnung?
Hallo, ja und ? Was soll den jetzt passieren die zahlen wenn ein kleines bußgeld und gut ist. Als wenn sich jetzt was an den preisen tuen würde geschweige denn das die wettberwerb machen.
malbec freund 14.01.2010
3. Preisabsprachen ?
Schweinefilet: Aldi 9,99 Lidl 9,99 mein Schlachter 5,89 (alles in KG).
The Godfather 14.01.2010
4.
Zitat von sysopDas Bundeskartellamt hat die Räume mehrerer Branchenriesen durchforstet - unter anderem von Metro, Edeka und Rewe. Auch Hersteller von Markenartikeln sind von der Großrazzia betroffen. Sind Preisabsprachen bei deutschen Konzernen an der Tagesordnung?
Ein Markenartikel sind Artikel, für die Werbung geschaltet wird. Da der Hersteller sich die WErbung vom Kunden bezahlen lässt, sind Markenartikel teurer als "NoName"-Angebote. Bei NoNames wird hingegen das Geld mehrheitlich ins Produkt gesteckt und nicht in die Werbung. Sie können daher bei gleicher Qualität sehr viel günstiger sein. Das merkt man schon daran, daß die "Markenartikel" bei Tests sehr viel häufiger durchfallen als die ach so schlechten Aldiprodukte. Klar, Produkt so billig wie möglich herstellen, ordentlich Werbung machen, so teuer wie nur möglich verkaufen (ist ja ab sofort eine (Werbe)marke. Ich kauf nicht nur wegen des Preises bei Aldi, sondern auch wegen der besseren Qualität !
Orix 14.01.2010
5.
Zitat von sysopDas Bundeskartellamt hat die Räume mehrerer Branchenriesen durchforstet - unter anderem von Metro, Edeka und Rewe. Auch Hersteller von Markenartikeln sind von der Großrazzia betroffen. Sind Preisabsprachen bei deutschen Konzernen an der Tagesordnung?
Und wie sieht es hinter den Kulissen von Stromanbietern und Preistreibern von Diesel und Benzin aus ?
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