Berliner Primark-Kunden "Niemand sonst ist so billig"

Primark ist angesagt, auch eine Berliner Filiale ist gut besucht - trotz der aktuellen Nachrichten über miserable Arbeitsbedingungen bei Zulieferern der Billigmodekette. Wie passt das zusammen?

Shopper vor einer Primark-Filiale in London: Riesige Wäschesäcke
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Shopper vor einer Primark-Filiale in London: Riesige Wäschesäcke


Berlin - Wer denkt, bei Primark würden nur Jugendliche shoppen, liegt falsch. Auch Dutzende Erwachsene, sogar Senioren, schleppen riesige Einkaufstüten durch den knallbunten Laden im Berliner Westen. Auf zwei Etagen bewegen sich geschätzt Hunderte Kunden durch die Gänge, und das an einem normalen Donnerstagmittag. Einen Artikel gibt es nicht nur zwanzig oder dreißig Mal, gleich rund 200 Hosen desselben Typs liegen gefaltet auf riesigen Tischen, Hunderte Paar Schuhe hängen an meterlangen Ständern. Über dem Gewusel hängen bonbonfarbene Banner, "Life is a festival" steht darauf, oder "Atmosphere".

Warum zieht diese Kette Zehntausende Kunden an, die gleich Dutzende Tops, Hosen und Pullis in die riesigen Wäschesäcke stopfen, die Primark am Eingang jeder Filiale verteilt? Und das, obwohl Nachrichten über eingenähte Hilferufe asiatischer Näherinnen derzeit überall zu lesen sind. Die Antwort ist einfach: der Preis. "Bei H&M kostet diese Hose zwanzig Euro, hier kostet sie fünf", rechnet eine Kundin vor. "Ist doch klar, wo ich kaufe." Als Schülerin habe sie nicht viel Geld, sagt eine andere, da könne sie sich den Einkauf in anderen Läden nicht leisten.

Und tatsächlich: Die Preise von Primark sind unglaublich. Ein Paar Sommersandalen kostet acht Euro, ein einfarbiges Top zwei Euro, eine große Tasche aus braunem Kunstleder zehn Euro. Sieben Paar Socken kosten drei Euro, ein Paar Jeans acht Euro. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortführen. Und bei den Kampfpreisen dürfte schnell klar sein, wie wenig bei den Arbeitern hängenbleibt.

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Dennis hat eine praktische Sicht auf die Dinge: "Mir ist egal, wie die Kleidung hergestellt wird. Ich schufte hart genug und will mir kaufen können, worauf ich Lust habe", sagt er. Er habe selbst bei Zalando gearbeitet, da seien die Arbeitsbedingungen für ihn in Ordnung gewesen. Es sei nicht seine Schuld, dass den Näherinnen in Ländern wie Pakistan oder Bangladesch Hungerlöhne bezahlt würden. "Bei anderen Ketten geht es den Arbeitern auch nicht besser. Deshalb macht es keinen Unterschied, wo ich hingehe", erklärt Zara, die eine prall gefüllte Primark-Tüte in der Hand hält. "Niemand sonst ist so billig."

Dabei sind sich die meisten Kunden einig: Die Qualität der Primark-Produkte sei mies. Hosen seien schon nach der ersten Wäsche zu klein, Shirts verwaschen oder kaputt. "Ich bin zum ersten Mal hier, aber komme wohl nicht wieder", sagt Patricia. "Es ist so wahnsinnig voll, und die Sachen sind nicht gut verarbeitet." Aber auch um ihr Handgelenk baumelt eine braune Papiertüte mit dem blauen Logo der Marke.

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Von Gewissensbissen ist bei den Kunden kaum etwas zu spüren. Selbst die schlechte Qualität der Produkte halten offenbar nur wenige vom Kauf bei Primark ab. Aufgrund der großen Nachfrage will die Kette Anfang Juli am Berliner Alexanderplatz ihre nächste Filiale eröffnen. Dafür wirbt sie überall in der Stadt mit riesigen Plakaten.

insgesamt 282 Beiträge
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Seite 1
raggiosolare@web.de 26.06.2014
1. traurig
diese Menschenmengen in der Schlange vor diesem Laden, anstatt für aktuelle Politikgeschehen auf die Straße zu gehen - Anlässe liefert die NSA u unsere Bundesregierung uns zu Genüge. Stattdessen versucht jeder so billig wie möglich zu raffen, egal ob dafür Menschen in der dritten Welt Leiden u sterben mussten.
cascada 26.06.2014
2. Wenig überraschend
In Hartzhausen aka Berlin ist der Erfolg solcher Geschäfte kein Kunststück. Man muß sich nur das Straßenbild in entsprechenden Bezirken anschauen, da wimmelt es nur so von 1€-Läden und Konsorten. Primark paßt da hervorragend rein und wem nicht mehr Geld gegeben ist, der ist nicht selten dazu gezwungen die Moral beiseite zu schieben.
TRicKeY 26.06.2014
3.
Einer der Kunden hat letztlich recht: Klar gibt es einige wenige Firmen die auf ethisch korrekte Herstellung achten. Aber letztendlich steckt in dem Preis der meisten 30€ T-Shirts statt mehr Bezahlung für Hersteller mehr Geld für Werbekampagnen, mehr Geld für eine Marke und mehr Marge für den Einzelhändler. In der Fabrik in Bangladesh kommt ähnlich viel an.
casio 26.06.2014
4. Marge
Vielleicht liegt es daran, das Primark die Sachen auch günstig anbietet. Wenn es Schelte geben sollte, dann gegen Marken, die ihre Produkte unter den gleichen Bedingungen herstellen lassen, für eine Hose aber 149,- EUR nehmen. Wer steckt sich denn da wieviel ein? Warum werden immer die "billigen" Marken an den Pranger gestellt. Ich würde mal von "Oben" anfangen.
a.knieling 26.06.2014
5. Primark
Alle Manager großer Anbieter von Textilien schauen sehr genau auf den Preis und rechnen mit dem Pfennig. Dabei sind es nicht etwa der Herstellungspreis, der die Ware für uns Verbraucher so sehr verteuert, wenn die Manager "anständige" Löhne durchsetzen würden - der Handel und der Fiskus sind die Preistreiber.
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