Rundschreiben der Barmenia Privatkasse warnt Versicherte vor Rot-Grün

So dreist kann Wahlkampf sein: Die Barmenia schreibt ihren Versicherten einen Brief und warnt vor der Wahl von SPD und Grünen. Diese wollen eine Bürgerversicherung einführen - mit gravierenden Folgen für das Gesundheitssystem, so das Unternehmen.
Arztpraxis: Warnung vor "Einheitssystem wie in Großbritannien"

Arztpraxis: Warnung vor "Einheitssystem wie in Großbritannien"

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Die privaten Krankenversicherer trommeln im Bundestagswahlkampf für Schwarz-Gelb. Das ist bekannt. Doch besonders stark mischt sich nun die Barmenia in den politischen Schlagabtausch ein: Eine Woche vor der Wahl verschickte das Unternehmen ein Schreiben an alle Mitglieder seiner Krankenvollversicherung. Darin warnt das Unternehmen recht unverhohlen vor der Wahl von SPD und Grünen.

Hintergrund ist die Bürgerversicherung, die beide Parteien ebenso wie die Linkspartei gerne einführen möchten. Das Modell würde mittelfristig ein Ende der privaten Krankenversicherung bedeuten. Im Schreiben der Barmenia heißt es dazu: "Mit dieser Bürgerversicherung würde das heute gut funktionierende System mit gesetzlichen Krankenkassen und privater Krankenversicherung zerschlagen."

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Dabei verweist der Barmenia-Chef Andreas Eurich auf "Einheitssysteme in Großbritannien, Spanien, den Niederlanden oder Schweden". Es drohten längere Wartezeiten für Operationen, Ausschluss und Rationierung von medizinischen Leistungen sowie Einschränkungen in der Therapiefreiheit: "Briten warten bis zu 18 Wochen auf einen Facharzttermin, die Niederländer bis zu einem Jahr auf eine Operation, und wer in Schweden eine Hüftoperation erhält oder nicht, entscheidet die Provinzverwaltung."

Fettgedruckt heißt es dann: "Die Bürger(zwangs)versicherung führt also zur echten Zwei-Klassen-Medizin!" Nur wer genug Geld habe, könne sich dann noch "den Zugang zur Spitzenmedizin erkaufen". Die Beschwörung endet mit der - wohl rhetorisch gemeinten - Frage: "Wollen Sie das?"

Ein Leser und Barmenia-Versicherter hat SPIEGEL ONLINE auf das Schreiben aufmerksam gemacht. Er schreibt, der Brief habe ihn tief erschüttert. "Ich sehe hierin den Versuch eines großen Wirtschaftsunternehmens, die Wahl zu manipulieren." Bedenklich erscheine ihm zudem, dass Mittel, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten dienen sollten, "für Wahlwerbung missbraucht werden".

Die Barmenia weist diese Vorwürfe auf Anfrage zurück. "Wir haben nicht dazu aufgerufen, FDP oder CDU zu wählen", sagte eine Sprecherin. "Aber wir werden unsere Versicherten doch fragen dürfen, ob sie wissen, was sie erwartet, wenn die Bürgerversicherung kommt." Wie viel das Rundschreiben gekostet hat, wollte sie nicht sagen. Das Geld stamme aus dem Marketingetat. "Wir haben kein Kundenjournal", sagte die Sprecherin. "Deshalb ist ein solcher Brief die einzige Möglichkeit, alle unsere Kunden zu erreichen."

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