Privatsphäre im Netz Google-Boss sorgt sich um die gläserne Generation

Von Street View bis Facebook, die Kritik an den Datensammlungen von Online-Diensten wächst. Jetzt entwirft ausgerechnet Google-Chef Schmidt eine überraschende Vision: In Zukunft werden Erwachsene das Recht haben, ihren Namen zu ändern - um sich der Jugendsünden im Netz zu entledigen.
Google-Chef Schmidt: "Wir wissen, wo genau Sie sich aufhalten"

Google-Chef Schmidt: "Wir wissen, wo genau Sie sich aufhalten"

Foto: KIMBERLY WHITE/ REUTERS

Hamburg - So hatte sich Google das sicher nicht vorgestellt: Die Ankündigung des US-Konzerns, den Straßenfotodienst Street View Ende des Jahres auch in Deutschland zu starten, wird hierzulande von vielen weniger als Verheißung denn als Drohung aufgefasst. Datenschützer fordern eine "Lex Google", Politiker profilieren sich mit Forderungen nach verlängerten Widerspruchsfristen, Bürger verweigern Google scharenweise die Zustimmung, ihr Haus im Internet zeigen zu dürfen.

Eines steht fest: Nie zuvor wurde in der deutschen Öffentlichkeit so intensiv über den Schutz persönlicher Daten diskutiert - und die Rolle von Internetkonzernen wie Google dermaßen hinterfragt.

Nun hat sich ausgerechnet Google-Chef Eric Schmidt laut einem Bericht des "Wall Street Journal" ("WSJ")  über die Risiken des Internets ausgelassen - und mit einer eigenwilligen Vision überrascht: Schmidt ist überzeugt, dass jeder Mensch eines Tages das Recht erhalten wird, mit Erreichen der Volljährigkeit seinen Namen zu wechseln. Damit könne jedermann sich seiner Jugendsünden, die auf Social-Media-Seiten wie beispielsweise Facebook dokumentiert sind, auf einen Schlag entledigen.

"Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft versteht, was passiert"

Die Idee klingt skurril und bekäme wohl auch nur geringe Aufmerksamkeit - käme sich nicht vom Boss des wohl einflussreichsten Internetunternehmens der Welt.

Nach Meinung des Google-Chefs gehen die Fragen, die sich im Rahmen des Internetsiegeszugs stellen, weit über die Rolle seines Konzerns hinaus: "Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft versteht, was passiert, wenn alles verfügbar ist, man alles wissen kann und ständig alles von jedem gespeichert wird", sagte Schmidt dem "WSJ". "Wir müssen über diese Dinge als Gesellschaft nachdenken. Denn ich rede noch nicht einmal über die ganz schlimmen Dinge wie Terrorismus." Dabei betonte der Google-Chef, dass er den Wert von Social Media nicht anzweifele. Facebook etwa lobte er in den höchsten Tönen.

Er glaube, dass es die Nutzer seien, die künftig ganz andere Anforderungen an das Internet stellen werden: "Wir versuchen herauszufinden, wie die Zukunft der Suche (Suchmaschinen wie Google, Anm. d. Red.) aussieht. Ich glaube, dass die meisten Menschen gar nicht wollen, dass Google ihre Fragen beantwortet. Sie wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als nächstes tun sollen."

"Wir wissen, wer Sie sind"

Der Google-Chef gibt ein Beispiel: Jemand spaziert eine Straße entlang. Angesichts der Informationen, die Google über ihn hat, "wissen wir ungefähr, wer Sie sind, was Sie umtreibt und wer Ihre Freunde sind. Und wir wissen, wo genau Sie sich in dem Moment aufhalten", so Schmidt zum "WSJ". "Wenn Sie Milch brauchen, und es gibt in der Nähe einen Laden, der Milch verkauft, werden wir Sie daran erinnern. Wir werden Ihnen auch sagen können, dass ein Laden in der Nähe Poster von Pferderennen hat. Und dass das Verbrechen aus dem 19. Jahrhundert, von dem Sie gerade gelesen haben, um die Ecke stattgefunden hat."

Blogger stürzten sich umgehend auf Schmidts Äußerungen und kritisierten sie, weil sie im Widerspruch zu Googles Firmenphilosophie stünden. "Googles Mission ist es, alle möglichen Informationen zu speichern und öffentlich zu machen", monierte Chris Williams vom Techblog "The Register". "Das Unternehmen profitiert massiv davon, dass die Gesellschaft die Konsequenzen nicht versteht."

Doch neben Kritik und Häme erfährt Schmidt auch Unterstützung: "Seine Äußerungen klingen zunächst ironisch, sie sind aber durchaus angebracht", meint Dylan Sharpe von "Big Brother Watch". Der Google-Chef habe absolut recht mit seinen Aussagen. "Millionen von Jugendlichen werden sich in zehn Jahren bei Bewerbungen wundern, wie viel peinliches Zeug über sie im Internet existiert, das sie nicht löschen können."

Rik Ferguson, Sicherheitsexperte beim Software-Hersteller Trend Micro, formuliert es noch drastischer: "Das Internet ist das erste Konstrukt in der Geschichte, das die Menschheit erschaffen hat, aber nicht versteht."

fdi/cte
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