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26. Januar 2014, 13:20 Uhr

Prokon-Insolvenz

Geld verlieren mit Gefühl

Von Christian Kirchner

Aufstieg und Fall des Ökokonzerns Prokon sind ein Lehrstück über die emotionalen Fallstricke der Geldanlage. Wenn es ums Investieren geht, reichen oft schon Gratis-Schnittchen und ein vermeintlich edles Anliegen, um unseren Verstand zu vernebeln.

Die vier Phasen der Trauer gibt es nicht nur bei Tod oder Jobverlust, sondern auch bei der Geldanlage. Der Beleg für diese These findet sich derzeit beim Ökounternehmen Prokon.

Im Zuge eines Insolvenzantrags stehen dort 1,4 Milliarden Euro an Anlegergeldern im Feuer. Was sich derzeit als Reaktionen in unzähligen Diskussionsforen und beim Unterstützerkreis "Freunde von Prokon" ablesen lässt, sind die ersten drei Phasen der Trauer: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen ("Unser Geld ist nicht weg, es arbeitet für uns in Windrädern."), die Eruption der Emotionen (Beschimpfung der "wahren" Schuldigen: Banken, Medien, Strommultis), das Suchen und Finden (von Gleichgesinnten und ganz banal dem eigenen Geld).

Lediglich Phase vier, die Akzeptanz des Unabänderlichen, ist derzeit noch rar gesät: Das in Prokon-Genussscheinen investierte Geld ist wahrscheinlich zum großen Teil einfach futsch.

Wie konnte es so weit kommen, dass eine operativ und kommunikativ überforderte Firma ohne testierte Bilanz und mit äußerst kreativer Buchführung Milliarden einsammelt?

Es ist mitnichten nur die Gier. Viel wichtiger: Etablierten Banken und Finanzdienstleistern ist es seit der Finanzkrise 2008 nicht gelungen, glaubwürdige Angebote für die wachsende Zahl der Anleger zu machen, die Wert auf eine moralisch-ethische Qualität ihrer Finanzgeschäfte legen und eine emotionale Identifikation mit ihrer Geldanlage suchen. Ein Selfmade-Mannwie Prokon-Chef Carsten Rodbertus, der auf Informationsabenden bis zum letzten Schnittchen am Buffet steht und ansprechbar ist, strahlt für viele Anleger mehr Glaubwürdigkeit aus als das Gerede vom Kulturwandel bei der Deutschen Bank oder die Fernsehspots über die eigene Läuterung der Commerzbank.

Medien als Hauptschuldige beschimpft

Hinzu kommt die seltsame deutsche Asymmetrie bei der Regulierung: Während der Gesetzgeber von qualifizierten Finanzberatern episch lange Risikoaufklärungen und Protokolle verlangt, wenn er Anlegern auch nur einen harmlosen Aktienfonds verkauft, kann ein Unternehmen ohne große Dokumentationspflicht oder Überprüfung Genussrechte ausgeben, die an keiner Börse gehandelt und im Pleitefall als Letztes bedient werden.

Zwar ist es für die über 70.000 Prokon-Anleger schon schlimm genug, dass ihr Geld gefährdet ist. Ähnlich schmerzhaft ist allerdings, dass die meisten von ihnen eine ökologische korrekte, bankenunabhängige Investition in Sachwerte wollten. Nun werden sie aber per Ferndiagnose von den sowieso verhassten Medien als Gierschlünde beschimpft, die auf die in Aussicht gestellten bis zu acht Prozent Rendite scharf gewesen seien. Das erklärt auch die umfassenden, oft ins tragikomische abdriftende Appelle und Rasereien von noch immer überzeugten Prokon-Unterstützern, die in Rundbriefen den Prokon-Chef schon mal zum modernen Robin Hood stilisieren. Und im Übrigen nicht müde werden, die Medien als Hauptschuldige zu beschimpfen.

Verkauft wird Nähe und ein Gemeinschaftsgefühl

Prokon ist und bleibt aber auch - womit wir zum Punkt des Lernens kommen - ein Beispiel für die Relevanz der verhaltensorientierten Finanzmarktforschung. Denn gerade im Umfeld von ethisch korrekten Geldanlagen läuft man Gefahr, die Hürden für eine Anlage unterbewusst tiefer als sonst zu hängen. "Viele Menschen meiden ja auch Glücksspiele oder sehen diese ganz rational. Bei karitativen Lotterien, etwa im Zoo, machen sie dann aber doch eine Ausnahme: Ich kann gewinnen, und wenn ich verliere, dann war es eben für den guten Zweck", sagt Behavioral-Finance-Experte Joachim Goldberg von dem auf Verhaltensanalyse spezialisierten Frankfurter Institut Cognitrend.

Prokon versteht sich hervorragend darauf, unter Anlegern ein Gemeinschaftsgefühl zu stiften - über regelmäßige Informationsabende und Windparkfeste mit Tandem-Fallschirmsprüngen und Schnittchen. "So etwas ist sehr geschickt", sagt Goldberg. Man vermittele Anlegern den Eindruck, zur Elite derjenigen zu gehören, "die das Richtige machen und dafür noch hohe Zinsen kassieren". "Und wenn Sie gut erzogen sind", so der Finanzmarktexperte, "lösen eine Einladung zu Essen und Trinken, die vom Unternehmen investierte Zeit und die Mühe in Ihnen immer auch die Reaktion aus, etwas zurückgeben zu müssen".

Die vielen Warnungen in den Medien und später gar der Insolvenzantrag führen so unter dem Strich zu einem noch stärkeren Gemeinschaftsgefühl: "Dann setzt die selektive Wahrnehmung ein, das Bestätigen der eigenen Position, indem Kritik heruntergespielt, komplett ausgeblendet oder das Engagement zur Langfristanlage ohne Renditeziel deklariert wird."

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