Mögliche Insolvenz beim Ökokonzern Was Anleger aus Prokons Pleite-Drohung lernen können

Das Ökounternehmen Prokon droht mit der Insolvenz noch im Januar, wenn die Investoren nicht vorübergehend auf ihr Geld verzichten. Eine absehbare Entwicklung, doch die Anleger waren blind für die Risiken. Ein Lehrstück über zuviel Emotion bei der Geldanlage.
Von Christian Kirchner
Fragwürdige Geschäfte mit Windenergie: Durchhalteparolen für Anleger

Fragwürdige Geschäfte mit Windenergie: Durchhalteparolen für Anleger

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Basel, 1995: Vor dem Gefängnis haben sich Dutzende Menschen versammelt, um Damara Bertges zum 40. Geburtstag mit einem Ständchen zu gratulieren. Sie haben bunte Luftballons dabei, Alpenhörner, Glocken. Und eine Menge Wut auf "die da oben". Auf Banken, die Medien, die Justiz. Denn ihr Geld und das von Zehntausenden anderen Anlegern, insgesamt rund zwei Milliarden Mark - es ist futsch.

Was aber nach Meinung der treuen Anleger nicht daran liegt, dass Damara Bertges mit ihrem "European Kings Club" ein Schneeballsystem aufgezogen habe. Nein, mit den grotesken Renditeversprechen und dem Sparen "für ein lohnendes Lebensziel" hätte es klappen können, wenn "die da oben" - Justiz, Medien, Banken - nicht reingegrätscht hätten.

Eine Ausnahme? Eine Handvoll Irrer? Mitnichten.

Geldanlage, heißt es ja immer, sei eine dröge Angelegenheit. Es gibt aber auch Menschen, die mit einer Geldanlage starke Emotionen verbinden. Sie organisieren sich, mögen das "Wir"-Gefühl und beginnen, Dinge sektengleich ideologisch zu überhöhen. Gut zu beobachten war das zur Jahrtausendwende, als sich in Internetforen Fanclubs einzelner Aktien bildeten. Auch viele Anhänger von Gold leben in einem Paralleluniversum, bei der Digitalwährung Bitcoin steht diese Entwicklung am Anfang.

Doch Emotionen haben in der Geldanlage nichts verloren. Denn irgendwann kommt die auch für viele Beziehungen typische Betriebsblindheit ins Spiel. Man ist der letzte, der merkt, dass die Dinge völlig aus dem Ruder laufen. Oder man gar betrogen wird.

Fragwürdiges Geschäftsmodell

Auf eine beängstigende Weise ist vieles davon derzeit beim Ökounternehmen Prokon zu erkennen. Das Geschäftsmodell: Prokon sammelt bei Anlegern mit Genussrechten Geld ein und baut mit dem größten Teil davon Windräder.

  • Fragwürdig ist, dass das Unternehmen derzeit nicht so viel erwirtschaftet, wie es Anlegern Zinsen zahlt. Was daran liegt, dass der Bau und Betrieb von Windrädern eben viele Jahre dauere und sich peu à peu amortisiere, sagt Prokon. Was daran liegt, dass Zinsen und Rückzahlungen alter Anleger mit dem Geld neuer bezahlt werde, sagen Kritiker. Das wäre dann ein Schneeballsystem.
  • Fragwürdig ist auch, dass sich Windräder über 25 Jahre rechnen müssen, aber bei Prokon mit kurzfristig liquidierbaren Genussrechten finanziert werden. Ein solcher Fall mangelnder Fristenkongruenz - langfristige Anlagen mit Geldern zu tätigen, die man kurzfristig zurückzahlen muss, wenn die Geldgeber Angst bekommen - ist im Kern das, was Banken wie die Hypo Real Estate   oder die IKB   aus der Kurve fliegen ließ.

Schuld sind die anderen

Und nun offenbar Prokon heftig ins Schleudern bringt. Am Freitag gab Prokon per Rundschreiben gegenüber Anlegern unumwunden zu, dass man "voraussichtlich Ende Januar gesetzlich gezwungen sei, eine Planinsolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einzuleiten (...) sollte es uns gemeinsam mit Ihnen, unseren Anlegern, nicht gelingen, die Liquiditätslage sehr schnell wieder zu stabilisieren". Daher sollten Anleger nun bloß nicht kündigen, sondern Kündigungen zurücknehmen, Geld nachschießen - oder versprechen, in den kommenden Monaten nicht an das Geld zu wollen. "Um eine Planinsolvenz zu verhindern, benötigen wir für mindestens 95% des Genussrechtskapitals die Zusage, dass uns dieses Kapital mindestens bis zum 31.10.2014 nicht entzogen wird", heißt es in den Schreiben. 

Wer diese Situation zu verantworten hat, ist für viele treue Prokon-Anleger klar: Die Medien mit ihrer Prokon-Hetze und ihrem fehlenden Sachverstand. Und die Strommultis, denen Prokon als kleine Firma ein Dorn im Auge sei. Und die Banken, von denen sich Prokon emanzipiere mit seinem Genussrechtsmodell. So steht es selbst in der brieflichen Insolvenzwarnung am Freitag: Anleger sollten nicht zulassen, dass sich "Heuschrecken und Energiekonzerne für wenig Geld ein Vorzeigeunternehmen mit im Kapitalmarkt einmaliger, fairer Philosophie unter den Nagel reißen".

Starke Emotionen haben bei Geldanlage nichts verloren

Die Vorwürfe, Prokon betreibe ein Schneeballsystem, sind mehrere Jahre alt. Prokon hat sie stets dementiert, als man noch für Presseanfragen zur Verfügung stand, inzwischen äußert man sich nicht mehr. Auch nicht auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Es gibt Warnsignale, wann man im Zweifel besser die Finger von einer Anlage lässt: Wenn regelmäßige Informationsveranstaltungen und Rundbriefe Anleger regelrecht ideologisieren. Wenn weit überdurchschnittliche Renditen versprochen und ein immenser Aufwand zur Generierung frischer Zuflüsse betrieben werden. Wenn testierte Bilanzen fehlen, wüst gegen Kritiker agitiert wird und immer die anderen schuld an Verlusten sind.

Und natürlich auch, wenn die Slogans merkwürdige Parallelen aufweisen. "Für ein lohnenswertes Lebensziel" sparten Anleger beim European Kings Club. 20 Jahre später trommelt Prokon für "eine lebenswerte Zukunft".