Ex-Pleitefirma Was wurde eigentlich aus Prokon?

Vor zwei Jahren meldete Prokon Insolvenz an. Tausende Kleinanleger fürchteten um ihre Altersvorsorge. Was ist aus dem Öko-Imperium geworden? Eine Zwischenbilanz.
Prokon in Itzehoe

Prokon in Itzehoe

Foto: Ulrich Perrey/ dpa

Das Firmengelände von Prokon liegt am Rand von Itzehoe in Schleswig-Holstein. Dunkelgraue Gebäude, teils mit Holz verkleidet, umgeben von Wiesen und Feldern. Nebenan befindet sich das Fraunhofer-Institut für Siliziumforschung, die Zufahrt zur A23 in unmittelbarer Nähe. Modern, innovativ, grün - eigentlich die perfekte Umgebung für ein regeneratives Energieunternehmen.

Dennoch werden viele den Name Prokon wohl nicht nur mit Windenergie, sondern vor allem auch mit dem Skandal im Jahr 2014 verbinden. Riskante Kapitalmarktgeschäfte, Verschwendung und ein chaotisches Management führten dazu, dass der Konzern Insolvenz anmelden musste. 1,4 Milliarden Euro, 480 Arbeitsplätze und die Altersvorsorge Tausender Kleinanleger standen auf dem Spiel - gemessen an der Zahl der Gläubiger war es eine der größten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Dass sich das Windunternehmen davon erholen würde, hielten damals wohl die wenigsten für möglich. Doch bei Prokon wird heute wieder gearbeitet. "Die Teams sind fast noch die gleichen wie vor der Insolvenz", sagt Henning von Stechow. "Der Insolvenzverwalter ist da mit sehr klarem Blick vorgegangen."

Gemeinsam mit Heiko Wuttke hat Stechow nach dem Abschluss des Insolvenzverfahrens die Leitung von Prokon übernommen. Während Ex-Firmenchef und Gründer Carsten Rodbertus mit langem Zopf und Firmenkleidung auftrat, tragen Stechow und Wuttke Hemd und Sakko, die Haare sind kurz.

Das Auftreten von Stechow spiegelt auch den Wandel innerhalb des Unternehmens wider. Fantasievolle Buchführung und alternative Finanzierungskonzepte sollen bei der neu geschaffenen Energiegenossenschaft der Vergangenheit angehören.

Durch die Umwandlung Prokons in eine Genossenschaft sind die 38.000 Anteilseigner zu Eigentümern der Windfirma geworden. Damit sind sie sowohl an den zukünftigen Gewinnen als auch an den möglichen Verlusten des Unternehmens beteiligt. Will ein Genossenschafter ausscheiden, wird der Wert seiner Anteile nach der aktuellen Bilanz berechnet.

Obwohl die Genossenschaftslösung darüber hinaus auch einen Schuldenschnitt von rund 40 Prozent beinhaltet, hat die Mehrheit der Anleger auf der Gläubigerversammlung im vergangenen Jahr dafür gestimmt. "Der Schuldenschnitt war nötig, um als Unternehmen weiter bestehen zu können. Dennoch ist es uns ein großes Anliegen, dafür zu sorgen, dass die Investoren möglichst viel von ihrem Geld zurückbekommen", sagt Wuttke.

Genussrechte gibt es nicht mehr

Um das zu erreichen, wurde das Finanzkonzept des Unternehmens komplett umgekrempelt. Ex-Firmenchef Carsten Rodbertus hatte seinerzeit mit prominent platzierten Werbespots und sechs Prozent Rendite hartnäckig um Investoren für Unternehmensbeteiligungen, sogenannte Genussrechte, geworben. Seit der Gründung im Jahr 1995 entwickelte sich Prokon so von der kleinen Garagenfirma mit gerade einmal zwei Windrädern zum riesigen Finanzkonglomerat. "Ein Finanzierungsmodell das aus heutiger Sicht betrachtet nicht zum Unternehmen passte", sagt Stechow. "Das damalige Management hat sich damit ganz einfach übernommen."

Werbesticker für Genussrechte

Werbesticker für Genussrechte

Foto: Maja Hitij/ dpa

Die neuen Geschäftsführer haben nach eigener Darstellung aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, Genussrechte gibt es bei Prokon nicht mehr. "Wir finanzieren uns heute ganz normal über Banken und einfache Kredite wie man sie in ähnlicher Form auch beim Bau eines Einfamilienhauses verwendet", sagt Stechow. "Gerade erst haben wir mit der HSH Nordbank die Finanzierungsverhandlungen für einen neuen Windpark abgeschlossen."

Wie im Insolvenzplan vorgesehen, haben die neuen Vorstände zudem eine Anleihe konzipiert und herausgegeben. Eine Anleihe hat dabei zehn Euro Nennwert und eine Verzinsung von 3,5 Prozent. Insgesamt wurden 50.000 Schuldverschreibungen herausgegeben. Als Sicherheit dienen die bereits vorhandenen Windparks.

Das Konstrukt wirkt seriös. Trotzdem ist der Kurs der Anleihe, kurz nachdem sie auf dem Markt war, auf 82 Prozent des Nennwerts eingebrochen. Die neuen Geschäftsführer weisen darauf hin, dass nicht alle ehemaligen Anleger die Anleihe gezeichnet haben, was das Angebot am Markt kurzfristig erhöht und damit den Preis gedrückt habe.

Verbraucherzentralen bleiben skeptisch

Nach Angaben von Michael Herte, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, könnte der Kurseinbruch jedoch auch ein Signal für die Vorsicht der Anleger sein. So war der Kurs der Bundesregierung gegenüber Windenergie zuletzt eher restriktiv, was die Wachstumschancen innerhalb der Branche beschränkt. Zudem sind viele der Windparks mittlerweile in die Jahre gekommen, womit künftig Kosten für die Instandhaltung anfallen. Sich unter den Voraussetzungen am Markt zu behaupten und zusätzlich noch eine große Anleihe zu bedienen, stelle eine große Herausforderung dar, sagt Herte. Diese Risiken von Unternehmensbeteiligungen müsse man sich als Verbraucher bewusst machen und verantworten können.

Auch die Verbraucherzentrale Hamburg beurteilt die neue Prokon-Anleihe skeptisch und weist auf die Abhängigkeit der erneuerbaren Energien von staatlicher Förderung hin. Eine Veränderung der Fördermaßnahmen könne zu Unrentabilität führen. Zudem ist der Markt für erneuerbare Energien stark in Bewegung, und die Konkurrenz steigt, was eine Bewertung der erzielbaren Preise, besonders im Hinblick auf die lange Laufzeit der Anleihe, schwierig mache. Trotz des Vorteils der freien Handelbarkeit über die Börse sieht die Verbraucherzentrale hier für den normalen Anleger viele Risiken.

Der neue Prokon-Vorstand blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Er will neue Genossenschaftler hinzugewinnen, um die Eigenkapitalbasis zu stärken. Der Traum vom grünen Strom ist bei Prokon also auch nach der Insolvenz keineswegs ausgeträumt. "Wir haben eine stabile Eigenkapitalbasis und planen genau wie im vergangenen Jahr mit einem kleinen Gewinn nach Steuern", sagt von Stechow. "Eine solide Grundlage haben wir geschaffen, jetzt hängt es davon ab, wie der Wind weht."

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