Protest gegen die Wall Street US-Kunden revoltieren gegen Großbanken

Mit einer Kontowechselkampagne wehren sich Amerikaner gegen verhasste Großbanken. Kunden wie die Autorin Amy Sohn ziehen ihr Geld ab und legen es bei kleinen Kommunal- und Genossenschaftsinstituten an. Der Effekt einer solchen Massenabwanderung ist jedoch umstritten.
Fotostrecke

Und tschüss: Promis ziehen Bankgelder ab

Foto: Chuck Burton/ AP

Die New Yorker Autorin Amy Sohn nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Ihre verbalen Eskapaden sind legendär: So hat sie den früheren Bürgermeister Rudy Giuliani schon mal mit Adolf Hitler verglichen, hat mit einer Kolumne über ihr Sexleben schockiert und schamlos aus der geheiligten Umkleidekabine der New York Yankees berichtet: "Es riecht nach Rasiercreme, nicht nach Schweiß."

Nur mit ihrem Geld ging sie bisher so um wie die meisten Amerikaner. Jahrelang unterhielt Sohn artig Konten bei zwei traditionellen US-Großbanken, Chase und Citibank. Obwohl die ihr immer wieder neue, fette Gebühren aufbrummten und sie mit Vertragsklauseln an sich zu binden suchten.

Die Kreditkrise, die 700-Milliarden-Dollar-Spritze der US-Regierung für die Wall Street und die Bonusskandale haben Sohn jedoch die Augen geöffnet. "Dieses Jahr wurde ich stinksauer darüber, wie die Banken Amerika betrogen haben, indem sie das Vertrauen ihrer Kunden verrieten und nur in ihrem eigenen Interesse handelten", schimpft sie.

Genossenschaftsbank

Sohn griff zum einzigen Druckmittel, das sie hat - ihrem eigenen Geld. Sie löste ihre Konten bei Chase und Citi auf und buchte alle Einlagen auf eine kleine um - die Actors Federal Credit Union (AFCU). Das Institut kümmert sich traditionell um finanzschwache Autoren und Schauspieler und ist eng mit den US-Künstlergewerkschaften verbunden.

Die Aktivisten wollen das Machtgefüge der Banken ändern

Seither ist Sohn happy. Die Zinsen seien besser, die Gebühren niedriger, die Kredite einfacher zu erhalten (selbst für Schönheitsoperationen, "schließlich reden wir hier von Schauspielern") - und Anrufe werden von "freundlichen, kenntnisreichen" Personen beantwortet, nicht von Computern, sagt Sohn. "Dies", so freut sie sich, "ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft."

Regierung von Barack Obama

Bank of America

Amy Sohn ist Teil einer neuen US-Massenbewegung, einer populistischen Grassroots-Kampagne, die aus dem Volkszorn auf die Wall Street entstand und mit denen Kunden sich gegen die ungeliebten Großbanken wehren - und indirekt auch gegen die . "Move Your Money" heißt diese Aktion, mit der seit dem Jahreswechsel Abertausende Amerikaner ihre Kontoeinlagen von Megabanken wie Citi und zu kleinen Kommunal- und Genossenschaftsbanken verschoben haben, die ohne Finanzstütze aus Washington operieren.

Ziel ist es nicht nur, den Großbanken einen Denkzettel zu verpassen. "Move Your Money" soll die Bankbilanzen spürbar nach unten drücken und das Machtgefüge ändern. "Wenn genug Leute ihr Geld in kleinere Banken stecken, wird das Finanzsystem produktiv und stabil werden", schreibt William Smigiel, der Vorstandschef der Liberty Bank for Savings, einer Bank mit fünf Filialen in Illinois, in der "Chicago Tribune".

Wie realistisch ist die Kampagne?

Arianna Huffington

Initiiert hat die Bewegung die linke Bloggerin und Aktivistin ("Huffington Post") in Zusammenarbeit mit dem progressiven Roosevelt Institute und der Analystenfirma Institutional Risk Analytics, die die Stabilität von US-Banken bewertet. Über die "Huffington Post", Facebook und Twitter propagieren sie ihre Aktion unermüdlich.

Davoser Weltwirtschaftsforums

Ein automatisches Werbemittel sind dabei auch die immer neuen Horrormeldungen über Banken, Boni und Wall-Street-Kungeleien. Etwa, dass sich drei Top-Banker am Rande des heimlich getroffen haben sollen, um neue Wege zur Einflussnahme auf die Regierung zu finden. Oder dass die größten US-Banken 90 Prozent ihrer Umsätze 2009 für Gehälter und Boni ausgaben - 24,9 Milliarden Dollar allein bei der Citibank, die einen Jahresverlust von 1,6 Milliarden Dollar angehäuft hatte. Oder dass Wachovia, die viertgrößte US-Bank, von allen Spenden für die Erdbebenopfer von Haiti eine "internationale Dienstleistungsgebühr" in Höhe von drei Prozent einbehielt.

Wie bedeutsam die Grassroots-Kampagne wirklich ist, bleibt aber fraglich. Der Erfolg der Aktion ist schwer messbar. "Move Your Money" spricht von Tausenden, die die Idee schon in die Tat umgesetzt hätten. Eine eigens eingerichtete Internetsuchmaschine, mit der die Kunden kleinere Banken in ihrer Nähe finden können, wurde in den ersten sieben Tagen von rund 340.000 Menschen genutzt und hat sich bei 80.000 Suchvorgängen pro Tag eingependelt.

Ein YouTube-Video, das mit Schwarz-Weiß-Motiven aus dem Hollywood-Klassiker "Ist das Leben nicht schön?" (1946, Jimmy Stewart spielt darin einen lieben Kommunalbanker) für die Kampagne wirbt, hat bisher mehr als 440.000 Interessenten gefunden. Ob daraus aber auch konkrete Kontenwechsel erwachsen, lässt sich kaum verlässlich nachvollziehen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Websites der Aktion wimmeln jedenfalls vor "testimonials" - Berichten begeisterter Teilnehmer, die ihre Kredite, Giro- und Spareinlagen umgeschichtet haben. "Als Individuen hatten wir kein Mitspracherecht", erklärt Don Griffey, Inhaber einer Ingenieursfirma in Florida. "Aber wir können mit unseren Dollars abstimmen." Darauf hofft auch Ken LaRoe, der Gründer der US-Ökobank First Green Bank: "Das könnte eine richtig große Sache für die Kommunalbanken werden."

Selbst Präsident Obama hat die Bedeutung der Kommunalbanken in der Krise erkannt. In seiner ersten Rede zur Lage der Nation präsentierte er einen Plan, "30 Milliarden Dollar des Geldes, das die Wall-Street-Banken zurückgezahlt haben, zu nutzen, um Kommunalbanken zu helfen, Kleinbetrieben die Kredite zu geben, die sie brauchen, um sich über Wasser zu halten".

"Ich habe für den Wechsel sogar ein Kuli-Set bekommen"

Auch die ersten Kongressabgeordneten sind auf den "Move Your Money"-Zug gesprungen. Im Herbst stehen schließlich schwierige Neuwahlen an - und die Wall-Street-Wut wird dabei eine Hauptrolle spielen.

So zog die Demokratin Jan Schakowsky alle ihre Gelder von der Bank of America ab und legte sie statt dessen bei der Devon Bank an, einer kleinen Kommunalbank in ihrer Heimatstadt Chicago. "Ich dachte mir, ich sollte diese Missbrauchsbeziehung, in der ich lange war, endlich beenden", sagte sie dem TV-Sender MSNBC. "Ich habe für den Wechsel sogar ein Kuli-Set und eine Uhr bekommen!"

Aber selbst wenn Millionen Kunden dergestalt abtrünnig würden: Experten streiten sich über den Sinn einer solchen Massenflucht. Reuters-Finanzkolumnist Felix Salmon glaubt zwar, dass der Verlust der Kleinkunden die Banken tatsächlich schmerzen wird, weil diese ihnen die meisten Gebühren (Kontoüberziehung, Geldautomaten, Säumnis) bringen. Auch Dennis Santiago, der Chef von Institutional Risk Analytics, sagt, "Move Your Money" könnte "eine strukturelle Verschiebung des Finanzsystems" bewirken.

Finanzfachfrau Martha White vom Webmagazin "Slate" hält freilich dagegen, dass individuelle Konten nur einen Bruchteil der Bankbilanzen ausmachen. So habe die Bank of America Guthaben von 1,5 Billionen Dollar - davon lägen gerade mal 83 Milliarden auf Privatkonten.

Für Autorin Amy Sohn bleibt in jedem Fall eine persönliche Genugtuung - und das Gefühl, ihr Schicksal in die eigene Hand genommen zu haben. "Als ich zu Chase ging, um mein Konto zu schließen", berichtet sie, "fragte mich der Kundenberater weder nach dem Grund - noch machte er einen Versuch, mich zu behalten."