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05. August 2010, 12:45 Uhr

Protest gegen "Stuttgart 21"

Schwaben auf den Barrikaden

Von , Stuttgart

Massendemos, Sitzblockaden, Mahnwachen: Ausgerechnet im beschaulichen Stuttgart proben Tausende Bürger den Aufstand. Sie protestieren gegen das milliardenschwere Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21" - die Politik gerät immer stärker in Bedrängnis.

Die Menschen tauchen auf wie aus dem Nichts. Sie kommen zu Dutzenden aus dem U-Bahn-Schacht, strömen aus dem Nordeingang des Hauptbahnhofs und bleiben dann einfach davor stehen. Es wird enger und enger. Einer von ihnen steigt auf einen Mauervorsprung, zählt von zehn auf null herunter.

Und dann geht er los, dieser ohrenbetäubende Lärm, der seit kurzem jeden Tag um 19 Uhr an verschiedenen Stellen in ganz Stuttgart ertönt. Trillerpfeifen schrillen, Kuhglocken werden geläutet, Senioren stimmen wildes Indianergeheul an. Eine Minute dauert der tägliche "Schwabenstreich". Wer kein Ohropax dabei hat, merkt, wie lang 60 Sekunden sein können.

Am Mittwoch sei es besonders laut gewesen, sagt der Mann auf dem Mauervorsprung. Es ist der Schauspieler Walter Sittler, der jetzt zufrieden über die Menschenmassen auf dem Platz vor sich blickt. Er verkündet, dass später noch eine Veranstaltung stattfindet, auf der ein ehemaliger Bahnhofschef und Architekten über das Gebäude diskutieren. Vielleicht seien deshalb so viele da.

In Wahrheit scheint der ursprüngliche Anlass mittlerweile fast schon egal zu sein. Seit der erste Bauzaun um den Nordflügel des Hauptbahnhofs aufgestellt wurde, kommen die Gegner der Umbaupläne alle paar Tage in Scharen zusammen. Das Projekt ist als "Stuttgart 21" bekannt geworden. Der gesamte Bahnhof soll unter die Erde gelegt werden, in eine neue, futuristische Untergrundwelt. Doch in der Stadt gibt es mittlerweile einen Aufruhr, der fast schon mit dem legendären Protest gegen die Startbahn West in Frankfurt verglichen wird.

"Die Zukunft Stuttgarts mitbestimmen"

Die Schwaben zeigen sich von ihrer autonomen Seite: Am Freitag etwa, als die Umzäunung des Nordflügels begann, standen sie plötzlich zu Hunderten da. Setzten sich und bewegten sich nicht mehr. Viele mussten von der Polizei weggetragen werden. Ein unerhörter Vorgang in der sonst so ordentlichen Stadt, die bislang vor allem für die Institution der Kehrwoche bekannt war. Zumal der Termin nicht einmal angekündigt war.

Die Schnelligkeit, mit der die Massen trotzdem per E-Mail, SMS und Internet mobilisiert werden konnten, machte erstmals die ganze Kraft dieser Bewegung klar. Einer Bewegung, die immer größer wird und das gigantische Verkehrsprojekt, das mittlerweile auf insgesamt fast sieben Milliarden Euro veranschlagt wird, noch verhindern will. Und die für die Bahn, die Stadt und auch für die Landesregierung gerade zum echten Problem wird. An dem neuen Bauzaun am Bahnhof hängen längst Fotos von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und Bahnchef Rüdiger Grube, versehen mit wenig schmeichelhaften Kommentaren.

Dabei haben Politiker und Manager das Problem geerbt. Die Idee für "Stuttgart 21" ist rund 15 Jahre alt und stammt aus einer Zeit, als Heinz Dürr noch Bahnchef und Erwin Teufel noch Ministerpräsident waren. Unter Mappus-Vorgänger Günther Oettinger (CDU) wurde aus der Idee dann ein handfester Plan. Doch Oettinger ist mittlerweile in Brüssel als EU-Kommissar unterwegs.

Und so sind es Mappus und Grube, die kürzlich die jüngste Horrormeldung verkünden mussten: Der Neubau der Schnellstrecke zwischen Wendlingen und Ulm, der ebenfalls zum Mega-Projekt gehört, wird 865 Millionen Euro teurer als geplant. 2,89 Milliarden Euro sind nun allein dafür veranschlagt. Hinzu kommen die Kosten für den Stuttgarter Bahnhofsbau selbst. Und auch die kennen nur eine Richtung: nach oben. Statt der ursprünglichen 2,6 Milliarden ist mittlerweile von 4,1 Milliarden Euro die Rede. Kostensteigerungen, die bei solchen Projekten in der Regel noch während der Bauzeit auftreten, sind da noch gar nicht mitgerechnet.

Es geht um mehr als ein Bahnhofsgebäude

Solch unerfreuliche Wasserstandsmeldungen schüren das Misstrauen der Stuttgarter, das ohnehin schon groß ist. Schließlich geht es um ein gigantisches Projekt voller Experimente, das ziemlich bedrohlich erscheint. Und für das ein ganzes Jahrzehnt angesetzt ist.

Der Kopfbahnhof soll zum unterirdischen Durchgangsbahnhof werden, mit geschwungenen Wölbungen und Bullaugen zur Oberfläche. Für das gewagte Konstrukt müssen der Nord- und der Südflügel des denkmalgeschützten Bahnhofs abgerissen, die unzähligen Gleise unter Tage gelegt werden. Die ganze Anlage wird dabei um 90 Grad gedreht.

Es geht um weitaus mehr als nur um das Gebäude selbst. Dutzende Brücken werden im Umfeld gebaut, auch 26 Tunnel und 117 Kilometer neue Schienen in der Region verlegt. Der Flughafen wird an die Strecke angebunden, auch dort soll ein neuer ICE-Halt hin. Sein Bahnhof solle "die Kraft haben, als architektonisches Statement die Zukunft Stuttgarts mit zu definieren", verteidigt Architekt Christoph Ingenhoven im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die gewaltigen Pläne. Auch Ministerpräsident Mappus versicherte kürzlich, "Stuttgart 21" sei "sachlich richtig".

Doch um Sachlichkeit geht es längst nicht mehr.

Argumente schließlich gibt es unendlich viele, und natürlich auch solche, die für das Großprojekt sprechen:

Alles überdimensioniert?

Unglücklicherweise gab es in den vergangenen Jahren auch unzählige Wissenschaftler und Fachleute, die das Projekt barsch ablehnten:

"Das ist erstens ein Arbeitspapier und zweitens zwei Jahre alt", erklärt ein "Stuttgart 21"-Sprecher. Mit dem Gutachten sei auf Probleme aufmerksam gemacht worden, um die man sich inzwischen gekümmert habe. In dem Kommunikationsbüro, das 2009 direkt gegenüber vom Bahnhof extra für das Projekt eingerichtet wurde, werden auch andere Einwände, einer nach dem anderen, zerpflückt. Bis dem Zuhörer der Kopf schwirrt.

"Man hat einfach das Gefühl, da stimmt etwas nicht"

Es gibt in dieser jahrelangen Debatte wahrscheinlich kein Argument, zu dem nicht schon ein Gegenargument gefunden worden ist. Sobald man zurückkehrt zum Bahnhof, zum Zelt der Mahnwache, in dem Tag und Nacht informiert wird, wird das beim Gegner soeben erworbene Wissen sofort vehement bestritten.

"Es ist eine unglaubliche Menge an Falschinformation unterwegs", sagt Architekt Ingenhoven. Auch wenn das stimmen mag, ändert das nichts am Eindruck, den die Streitereien der letzten Jahre hinterlassen haben und den Schauspieler Sittler mit den schlichten Worten zusammenfasst: "Man hat einfach das Gefühl, da stimmt was nicht."

Es gibt auch Leute, die das anders formulieren. Die Stimmung ist aufgeheizt. Vor dem Bahnhofsgebäude patrouillieren Polizisten, oft genug sind sie mit mächtigen Schutzanzügen und Schlagstöcken ausgestattet. Vor kurzem, als Demonstranten das Bahnhofsgebäude besetzten, wurden einige verhaftet.

Angeblich soll es sogar Morddrohungen gegen Vertreter von "Stuttgart 21" gegeben haben. "Das sind brutale Methoden", sagt Bahnhofsarchitekt Ingenhoven aufgebracht. Das Projekt habe unzählige demokratische Abstimmungsverfahren durchgestanden, sowie "Dutzende Gerichtsverfahren", sagt er. "Irgendwann muss man das auch mal akzeptieren und einfach anfangen zu bauen." So argumentieren auch die Projektvertreter: Die Verträge seien gemacht, der Ausstieg unmöglich, heißt es.

Alternativkonzept "Kopfbahnhof 21"

Schauspieler Sittler dagegen ärgert sich, "dass die Bürger in so ein Riesenprojekt nicht eingebunden wurden". Einer Emnid-Umfrage vom Dezember zufolge fordern mittlerweile 58 Prozent der Baden-Württemberger den Ausstieg.

Was die Stimmung zusätzlich immer wieder anheizt, ist die Tatsache, dass zuletzt Hintergründe ans Licht kamen, die an schwäbischen Klüngel erinnern: So sitzt der Stuttgarter Finanzbürgermeister Michael Föll im Beirat des Bauunternehmens "Wolff & Müller Holding", das mit dem Abriss des Nordflügels am Hauptbahnhof beauftragt wurde.

Es gibt also viele Gründe für den mächtigen Zoff in Stuttgart. Dabei sind die meisten Gegner gar nicht gegen die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm. Aber sie wollen den historischen Kopfbahnhof, das Bonatz-Baudenkmal, erhalten und sanieren. Zusätzlich sieht ihr Gegen-Modell "Kopfbahnhof 21" vor, die Zu- und Abfahrtstrecken auszubauen. Nach Angaben der Initiative ist das Alternativprojekt für deutlich weniger Geld zu haben als das jetzige Projekt. 2007 war von rund 1,2 Milliarden Euro die Rede.

Allerdings sind die Planungen für das Vorhaben längst nicht so weit wie für "Stuttgart 21". Und die Frage ist, ob der jetzige Protest noch zunehmen oder eher abflauen wird, wenn die Abrissarbeiten am Nordflügel erst einmal begonnen haben. Für Samstag ist die nächste Großdemonstration geplant. Zwei Tage später folgt die wöchentliche "Montagsdemonstration". Bei der letzten waren der Polizei zufolge 3500 Menschen.

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