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MTV-Serie "Skins": Schule, Saufen, Sex

Foto: REUTERS/ MTV

Protest gegen US-Skandalserie "Skins" "Zieh' dich an, Herrgott noch mal"

Kiffen statt Hausaufgaben: Mit seiner neuen Teenager-Soap "Skins" hat MTV die US-Sittenwächter auf den Plan gerufen. Sieben Werbekunden sind bereits abgesprungen, darunter GM. Doch den Unternehmen geht es weniger um Moral als um ihre Bilanzen.

Schon die erste Episode erregte die Gemüter: Halbnackte Teenager, ein milchgesichtiger Junge auf Entjungferungsmission, eine lesbische Cheerleaderin, Alkohol, Marihuana, Porno, ein Körperteil namens "Mr. Happy" und eine Frau, die sich vor dem 17-jährigen Nachbarsjungen am Fenster entblößt. "Zieh' dich an, Herrgott nochmal", grunzt ihr Mann, der mit einem Buch im Bett liegt. "Ist ja anstößig."

Eine treffliche Bemerkung.

"Skins", die neue Soap des US-Jugendsender MTV, sorgt für Wirbel - wie erwartet, wie geplant. Das Remake einer gleichnamigen britischen TV-Serie beschreibt das Leben mehrerer Teenager zwischen Schule, Saufen und Sex. Es ist eine wirklichkeitsnahe, witzige und aus europäischer Sicht recht unaufregende Präsentation jugendlicher Realitäten in 2010. Eine Art Anti-"Glee" - Kontrapunkt zur wöchentlichen Zuckerwatte der Singsang-Serie auf Fox.

Doch während das europäische Original, das seit 2007 läuft, Kritiker begeisterte und Fernsehpreise abräumte, darunter eine Goldene Rose von Montreux, wurde "Skins" in den USA zur ersten großen Medienkontroverse des Jahres. Die Moralhüter sind auf der Palme - dabei wurden bislang gerade mal zwei Folgen ausgestrahlt.

Es ist eine Kontroverse, die jedoch weniger mit Moral und Anstand zu tun hat als vielmehr mit Geld - sprich: mit knallkarten Konzernbilanzen. Denn hier geht es nicht nur um den Kultsender MTV, der wiederum zu Viacom gehört, dem viertgrößten Medienkonglomerat der Welt, und in einem immer weiter zersplitternden US-Markt um Quoten und Beachtung kämpft. Sondern auch um weithin bekannte, teils börsennotierte Unternehmen, die MTV als direkten Kanal zu jugendlichen Kunden sehen.

Trotzdem haben bisher schon sieben US-Firmen ihre Werbespots von "Skins" getilgt und wollen die Show fortan boykottieren, weil sie "Kinderpornografie" gleichkomme: General Motors, Taco Bell, Subway, Foot Locker, H&R Block, Wrigley, Schick und L'Oreal USA. Es ist ein Querschnitt der Konsumwelt: Autos, Fast Food, Sportartikel, Steuerberatung, Kaugummis, Rasierklingen und Kosmetik.

Hinter dem Boykott steckt eine Kampagne des Parents Television Council (PTC), einer moralinsauren Sittenwächtergruppe, die zuletzt 2004 weltweit von sich reden machte, als sie gegen Janet Jacksons entblößte Brust bei der Halbzeitshow des Super-Bowl-Endspiels zu Felde zog. Seither ist der Einfluss des PTC merklich geschrumpft. Seine regelmäßigen Tiraden gegen Schimpftworte und unzüchtiges Gebahren in den US-Medien sorgen meist nur noch für Schmunzeln statt Schock.

"Kraftausdrücke und sexuelle Inhalte"

Doch mit seiner konzertierten Aktion gegen "Skins" hat der PTC überraschend gepunktet. Da zeigt sich: Sieht sie ihre Bilanzen bedroht, zittert die US-Konsumgüterindustrie immer noch - und jetzt erst recht, da sie sich erst langsam aus der Rezession befreit.

MTV bleibt jedoch gelassen. Der Sender weiß, dass die Abtrünnigen zurückkommen, sobald die Quoten stimmen. Denn ähnlichen Aufruhr hatte MTV Ende 2009 schon mal losgetreten, als die kontroverse Doku-Soap "Jersey Shore" debütierte - ein Blick auf das Treiben einer Gruppe 21- bis 29-jähriger Italo-Amerikaner, die sich ihre Langeweile mit Sex, Trinken, Hanteln, Sonnenbaden und Prügeln vertreiben.

Auch da klinkten sich anfangs Werbepartner aus. Inzwischen ist "Jersey Shore" aber die erfolgreichste MTV-Serie, eine Episode erreichte fast neun Millionen Zuschauer, mehr als je zuvor in der Geschichte des Senders. In diesem Frühjahr wird die vierte Staffel gedreht - in Italien. Die Sponsoren freuen sich schon auf das Dolce Vita.

Der Wirbel um "Skins" ist also einerseits ein durchsichtiger PR-Trick von MTV, andererseits aber auch ein Flashback zu den Zeiten der Kulturkriege, die die achtziger und neunziger Jahre prägten. Dabei agieren die Konzerne wie Pawlowsche Hunde - nicht im Dienste ihrer angeblich "moralisch beleidigten" Kunden, sondern allein aus Profitinteresse.

Noch vor Ausstrahlung der ersten "Skins"-Folge schickte der PTC einen offenen Brief ans US-Justizministerium: "Skins" sei "das gefährlichste Programm für Kinder, das wir je gesehen haben". Es enthalte "Kraftausdrücke, illegalen Drogenmissbrauch, illegale Aktivitäten sowie weitverbreitete sexuelle Inhalte". Da die Schauspieler meist unter 18 seien, erfülle es den Straftatbestand der Kinderpornografie, es müsse ermittelt werden. Das Ministerium schwieg vorerst.

Quoten-Rekord für die Premiere

Dass MTV jede körperliche Entblößung, wie in den USA üblich, züchtig verdeckt und der Fantasie überlässt, das erwähnt der PTC freilich nicht. Auch unerwähnt bleibt, dass die britische Originalversion von "Skins" seit Jahren hier auf BBC America zu sehen ist - ohne dass dies der nationalen Moral bisher geschadet habe.

MTV flankierte diese Gratis-Publicity mit einer Premierenparty. Bei einem Rave in einer Lagerhalle in Manhattan feierten 8000 Jugendliche die "Skins"-Kinderstars als würdige "Jersey Shore"-Nachfolger. Selbst die "New York Times" war gekommen, plagte sich aber sichtlich ab, diese "hyper-sexualisierte Schulfete" ihren Lesern angemessen nahezubringen: "Halbnacke junge Männer wanden sich auf der Tanzfläche, und Pärchen waren eng in Knutscherei verschlungen."

Prompt wurde die erste Episode am 17. Januar mit 3,3 Millionen Zuschauern zur populärsten Drama-Premiere für MTV in der begehrten Werbe-Zielgruppe der 12- bis 34-Jährigen. MTV stellte die Folge gleich auch kostenlos ins Internet - samt den 21 Songs, die darin zu hören waren, zum praktischen Herunterladen.

Das Schlüsselwort "Kinderpornografie" verschreckte jedoch Werbekunden. Der erste, der absprang, war Burrito-Massenproduzent Taco Bell, eine Tochter des Fast-Food-Konzerns Yum! ("Pizza Hut", "Kentucky Fried Chicken"). PR-Debakel hat Taco Bell schließlich gerade genug am Hals: Eine Sammelklage beschuldigt das Unternehmen, sein "gewürztes Fleisch" sei nur "zu 36 Prozent Fleisch", der Rest seien Chemikalien und andere Stoffe. Die Zeitung "Miami New Times" veröffentlichte daraufhin eine Liste, die beide Skandale clever in Zusammenhang brachte: "Fünf Top-Gründe, warum Taco Bell gefährlicher ist als 'Skins'."

GM, das gerade erst erfolgreich an die Börse zurückgekehrt ist, erklärte, seine zwei Spots für das Elektroauto Chevrolet Volt seien "irrtümlich" in "Skins" gelandet, und setzte die Serie auf seine "Do Not Buy"-Liste. Die gleiche Ausrede bemühte H&R Block, ein landesweiter Steuerberatungsdienst: "Unser Spot lief aus Versehen", protestierte der. "Dieses Programm ist nicht markengerecht."

Comeback der Sittenwächter

Auch Subway folgte dem PTC-Boykottaufruf schnell. Hatte es doch in den letzten Jahren schon oft Probleme mit seiner TV-Werbung gehabt, zum Beispiel mit der unflätigen Fox-Comicserie "Family Guy", die der PTC so umschrieb: "Baby-Kannibalismus, Pferde-Sperma und Charaktere, die aus Schmutzwindeln essen."

Mit dem Theater um "Skins" erlebt der PTC eine unerwartete Renaissance. Die Gruppe machte zuletzt nur noch mit internen Querelen Schlagzeilen. Viele der hohen Sittenstrafen, die die US-Kommunikationsbehörde FCC einst auf Drängen des PTC gegen TV-Sender verhängte, sind längst per Gericht aufgehoben. Auf CBS - dem Sender, der einst Janet Jacksons Super-Bowl-Malheur ausstrahlte - läuft heute eine Serie mit dem unzweideutigen Titel "$#*! My Dad Says". Und der 18-jährige Disney-Star Miley Cyrus lässt in ihrem neuen Musikvideo die Hüllen fallen.

Kein Wunder also, dass der PTC sich jetzt so in seinem vorübergehenden Erfolg gegen "Skins" sonnt. Für die zweite Folge - die mit einer Sex-Szene zweier Schulmädchen beginnt - ersetzte MTV die abgesprungenen Sponsoren mit Spots von Filmstudios (Paramount, Sony, Warner Brothers, Universal Pictures) und dem Energy-Drink Red Bull, der bei Jugendlichen besonders beliebt ist und auch die Internet-Episoden auf der MTV-Website bewirbt. Die Einschaltquote fiel, da sich der Rummel gelegt hatte, auf 1,6 Millionen.

Die dritte Folge steht an diesem Montag auf dem Programm. Die Vorschau verheißt mehr Sex, mehr Drogen, mehr Nacktheit und einen Goldfisch im Trinkwasserglas.

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