Proteste bei Opel Aufstand der Autowerker

Mal wieder Rüsselsheim, mal wieder Bochum - nach den Krisen der vergangenen Jahre beginnt bei Opel erneut das große Zittern. Doch der Kampfeswille ist noch da: Auf Großdemos stimmten sich die Autobauer auf den Schlagabtausch mit GM ein.

Aus Bochum und Rüsselsheim berichten Annika Joeres und


Die Bochumer Opel-Mitarbeiter kennen das Ritual: Kommen schlechte Nachrichten aus Detroit, wird die Belegschaft in Halle 4 zusammengetrommelt, pünktlich zum Schichtwechsel um 14 Uhr. Bekannt ist hier auch das Gesicht von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der schon mehrfach vor den 6000 Arbeitern linke Sprüche klopfte. "Der Kampf geht weiter", ruft der Unionspolitiker auch an diesem Donnerstag wieder den Opelanern zu.

Rüttgers muss in sechs Monaten eine Landtagswahl gewinnen. Ein sterbendes Bochumer Werk würde sich da schlecht machen.

"Das Verhalten von General Motors ist inakzeptabel, menschenverachtend und rücksichtslos", schimpft er. Ohne eine Garantie für den Bochumer Standort werde es "kein Geld von Bund oder Land geben".

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Protest: Opelaner rebellerien gegen Mutterkonzern
Ein CDU-Ministerpräsident, der den Arbeiterführer gibt - für die Opelaner ist das fast schon Routine. Nicht nur in Bochum, auch in Rüsselsheim. Hier übernimmt Hessens CDU-Regierungschef Roland Koch diese Rolle, und er scheint den richtigen Ton zu treffen.

Etwa 10.000 Menschen haben sich vor der Bühne versammelt. Koch spricht klar und ruhig. "Die Regierung in Hessen will, dass Opel in Deutschland und Europa eine Zukunft hat." Paukenschläge, Trillerpfeifen, Applaus. "Wir haben unsere Zeit mit einem Management verschwendet, das sein Versprechen nun doch nicht einhält."

Selbst Drittklässler diskutieren über Opel

Die Stadt ist in Kampfstimmung. Kurz nach 12 Uhr, an der Grundschule Innenstadt, nur wenige hundert Meter vom Rüsselsheimer Opel-Werk entfernt. Ein paar Dutzend Schüler aus der dritten und vierten Klasse versammeln sich an einer Mauer, sie heben die Hände, zur Faust geballt, und rufen: "Opel, Opel, Opel."

Viele von ihnen haben Eltern, die bei Opel arbeiten. Und fast alle kennen jemanden, der dort einen Job hat. Francesca ist acht Jahre alt: "Ich drücke die Daumen, dass das Werk nicht schließen muss. Sonst wird mein Vater arbeitslos." Ein Junge fragt: "Weiß jemand, ob das Werk jetzt schließt?" Und dann heben sie wieder die Fäuste und brüllen: "Opel, Opel, Opel."

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Protest in Rüsselsheim: Das sagen die Opelaner

Immerhin ist die Lage einigermaßen überschaubar. Eine Standortschließung wird es nicht geben, Rüsselheim ist das Stammwerk. Um einen Jobabbau werden die Arbeiter aber auch hier nicht herum kommen. 10.000 der insgesamt 50.000 Stellen in Europa will GM streichen.

Welche Werke wegfallen - das lässt GM noch immer offen. Neben Rüsselheim und Bochum gibt es in Deutschland noch die Opel-Standorte Eisenach und Kaiserslautern. Überall bangen nun Arbeitnehmer, ihre Familien und Kommunalpolitiker um das Schicksal der Standorte.

"Jetzt schlägt die Stunde des Kampfes"

Für Bochum kündigte der Vize-Chef von General Motors, John Smith, am Mittwoch zwar eine "attraktive Lösung" an. Laut einem früheren Plan von Anfang des Jahres sollte der Revier-Standort aber geschlossen werden. Für die Stadt wäre dies eine Katastrophe. Opel ist - neben der Ruhruniversität - der größte Arbeitgeber.

Die Geduld der Belegschaft ist denn auch am Ende. "Rüttgers hat uns doch das Blaue vom Himmel versprochen", wettert Stephen Reichelt. Die gesamte Regierung habe sich bis auf die Knochen blamiert. Reichelt ist bei Opel Vertrauensmann, seit langem kämpft er für sich und seine Kollegen. "Unser jahrelanger Verzicht hat doch nichts gebracht", sagt der 33-Jährige. "Jetzt schlägt die Stunde des Kampfes."

Die Bochumer Belegschaft und die Betriebsräte sind bekannt für ihre radikale Haltung. Der letzte große Kampf war vor fünf Jahren. Damals haben sie mit einem wilden Streik die Produktion in ganz Europa lahm gelegt. Dieses Druckmittel funktioniert nun nicht mehr - General Motors hat die Abläufe neu organisiert. Nun können die Bochumer nur noch ihre eigenen Bänder still legen. Reichelt wünscht sich deshalb einen "europaweiten Aufstand der Opelaner".

Die Wut der Beschäftigten richtet sich vor allem gegen den US-Mutterkonzern. Johannes Keller arbeitet im Opel-Werk Rüsselsheim, eine Zukunft mit GM kann er sich nicht mehr vorstellen. Für Magna wäre er bereit gewesen, auf einen Teil seines Gehalts zu verzichten. Jetzt, da Opel bei GM bleiben soll, sieht es anders aus. "Nein, absolut nicht", schimpft er. "Magna habe ich vertraut", sagt auch der 32-jährige Rade Grbic. "Aber die Manager von GM sind unfähig. Sie werden unser Geld verbrennen."

Der Familienvater hat gerade erst ein Haus gekauft

Franz Engel ist einer der wenigen, die den Verbleib bei GM begrüßen. Der 60-Jährige hat 46 Jahre bei Opel gearbeitet, die meiste Zeit im Entwicklungszentrum. Seit April ist er Rentner. "Ich habe an den Erfolgsmodellen Astra und Insignia mitgearbeitet, ich weiß, wie hoch die Entwicklungskosten sind. Ein kleiner Autobauer wie Opel kann das nicht finanzieren." Die Kosten ließen sich nur im Verbund mit einem starken Partner stemmen. "Und mit General Motors hat Opel immerhin 80 Jahre lang überlebt. Man darf nicht vergessen, dass auch Magna 10.000 Stellen streichen wollte."

Trotzdem ist Engel froh, dass er persönlich nicht mehr betroffen ist. "Ich muss zum Glück nicht mehr um meinen Arbeitplatz bangen."

Besonders hart trifft es Familienväter wie Haceli Kilicer. Er ist seit knapp 20 Jahren bei Opel und hat in Rüsselsheim gerade ein Haus gekauft, das er nun abzahlen muss. "Wir müssen ausziehen, wenn ich meinen Job verliere." Die Jungen geben sich deshalb kämpferisch. "Mit der Demo zeigen wir denen, dass wir dagegen sind", sagt der 17-jährige Andreas Felch.

"Wenn sie uns zumachen wollen, dann ist das eben so"

Etwas versöhnlicher klingt der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel. "Wir leben immer noch und das wird auch so bleiben", ruft der grauhaarige Mann mit der randlosen Brille ins Mikrofon. Bochum habe im vergangenen Jahr "wasserdichte" Zukunftsverträge mit General Motors abgeschlossen, die bis 2016 die Jobs garantierten. "Diese Verträge werden auch in Zukunft Bestand haben."

Magna ist für Einenkel ohnehin nicht der große Wunschpartner gewesen - wie zum Beispiel für den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Klaus Franz in Rüsselsheim. Seitdem beide Werke immer wieder um die Produktion von Autolinien kämpfen und gegeneinander ausgespielt werden, konkurrieren auch die beiden Arbeiterführer. Und beide müssen sich immer wieder vor wütenden Mitarbeitern verantworten.

"Wir haben zuviel verzichtet", findet Thorsten Pannenborg. Der 48-Jährige wartet seit 32 Jahren die Maschinen im Bochumer Opelwerk. Löhne oder Urlaubsgeld sollten gar nicht mehr verhandelt werden, findet er. Deswegen empfindet er sogar eine kleine Freude über den geplatzten Deal mit Magna: "Die 20,6 Millionen Euro, die alleine die Bochumer Belegschaft hätte einsparen müssen, sind einfach zu viel", sagt der schnauzbärtige Mann. "Das war doch reine Verarsche."

Pannenborg hat wie viele Bochumer keine Lust mehr auf Kompromisse. "Wenn sie uns zumachen wollen, dann ist das eben so, basta."

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mr green 03.11.2009
1.
was soll man sagen?das ganze ist so irrwitzig und abstrakt, dass einem schlicht die worte fehlen...dumm gelaufen....wär fast eine lustige parodie, wenn es dabei nicht um menschen gehen würde. aber rational gesehen, handhaben wir ja zwischenzeitlich alles systemisch...von demher: naiv ist der, der sich noch über irgendetwas wundert!
Haio Forler 03.11.2009
2.
Zitat von sysopGeneral Motors will Opel jetzt doch behalten - und lässt den Deal mit Magna platzen. Wie blamiert ist die deutsche Politik nach dem Hin und her?
Kann nicht Quelle mal langsam Opel übernehmen? Oder Ravensburger? Ich kann das widerlich-langweilige Thema langsam nicht mehr hören. Macht mit Opel, was ihr wollt. Nur lasst uns langsam in Ruhe mit dem Gähnfaktor. Wer kauft schon einen Astra.
erben2 04.11.2009
3. Blamage??
Zitat von sysopGeneral Motors will Opel jetzt doch behalten - und lässt den Deal mit Magna platzen. Wie blamiert ist die deutsche Politik nach dem Hin und her?
Blamiert? Wieso? Die Herren Koch, Rüttgers und zu Gutenberg haben sich schon vorher der Lächerlichkeit preis gegeben. Herr Rüttgers flog in den USA um für die Arbeiter in Bochum zu kämpfen. Herr zu Gutenberg stand als bestangezogener Politiker Deutschlands in New York und war kurz davor den Ackemann zu machen (Victory) und Herr Koch gab uns schon vor Monaten den Schwätzer. Es geht nicht um die Blamage der deutschen Politik, dazu braucht man auch keine Opel-Krise. Es geht um Tausende Menschen, die sich von der Geschwätzigkeit, der Eitelkeit und der Unehrlichkeit der meisten Beteiligten haben veralbern lassen. Es geht um Arbeiter und Angestellte in den Fabriken, denen in deutscher Sprache das Hemd ausgezogen wurde und die jetzt zu hören bekommen, dass die Manager bei GM schuld sind. Die Krise und Wahlkampf - eine schlimme Kombination.
smokeonit 04.11.2009
4. richtig
richtige Entscheidung! nur unter GM hat Opel eine Chance zu überleben!
Philip Marlowe 04.11.2009
5. Die deutsche Politik
hat nur einmal mehr ihre Realitätsverweigerung bewiesen. Spätestens seit der de facto Verstaatlicheung von General Motors steht der Konzern nicht mehr finanziell mit dem Rücken zur Wand und der (Not-)Verkauf eines der produktivsten Unternehmensteile ist unternehmerischer Widersinn geworden. In Detroit konnte man sich beruhigt zurücklehnen und abwarten, wieviele Milliarden die Deutschen bis zur Bundestagswahl noch lockermachen. Und jetzt sagt man den Schwachsinn mit Magna und der quasi-staatlichen russischen Bank eben wieder ab. That's life...
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