Deutschlands reichste Familie Wer sind die Quandts?

Nach dem Tod von Johanna Quandt ordnet sich Deutschlands reichste Familie neu. Wer hat nun das Sagen? Wie groß ist die Macht bei BMW? Und warum verschenkte die Clan-Chefin ihre Anteile? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Sie war das Oberhaupt einer außergewöhnlich vermögenden Familie: Johanna Quandt, die am Montag im Alter von 89 Jahren gestorben ist.

Genau genommen sind die Quandts laut dem Vermögensranking des manager magazins mit geschätzt 31 Milliarden Euro die mit Abstand reichste Familie Deutschlands - vor den beiden Albrecht-Dynastien der Aldi-Gründer, den Ottos aus Hamburg, der Familie des Lidl-Gründers Dieter Schwarz.

Der Tod der Quandt-Matriarchin lenkt nun die Aufmerksamkeit auf einen Clan, an dem nicht nur der Reichtum bemerkenswert ist: Wer sind diese Quandts eigentlich? Woraus speist sich ihr immenses Vermögen - und wie geht es nach dem Tod von Johanna Quandt nun weiter?

Was gehört den Quandts eigentlich?

Zum Besitz von Mitgliedern der Quandt-Familie gehören aktuell unter anderem

  • 46,7 Prozent der Anteile an BMW,
  • der Spezialchemiekonzern Altana,
  • direkt und indirekt mehr als 40 Prozent an SGL Carbon, einem Spezialisten für Kohlefasern, vor allem für die Autoindustrie,
  • rund 20 Prozent der Anteile am Windanlagenbauer Nordex,
  • eine Beteiligung an der BHF-Bank

sowie eine Reihe weiterer Beteiligungen.

Welche Position nahm Johanna Quandt im Familienclan ein?

Johanna Quandt war die dritte Frau des 1982 gestorbenen Herbert Quandt, der wiederum gemeinsam mit Bruder Harald im Jahr 1954 das Erbe von Günther Quandt angetreten hatte. Auf dem Schaubild des Stammbaums ist dieser Zweig rechts unten zu sehen.

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Formal war Johanna Quandt daher lediglich Oberhaupt eines von vier Zweigen der Familie - allerdings des mit Abstand wichtigsten. Denn er hält aktuell die nennenswerten Unternehmensbeteiligungen. Die anderen Zweige haben sich im Laufe der Jahrzehnte von den meisten Beteiligungen getrennt oder in weniger bekannte Unternehmen investiert.

Konkret gehören die meisten Firmenanteile der Quandts vor allem den beiden Kindern Johannas: der 1962 geborenen Susanne Klatten (BMW, Altana, SGL Carbon, Nordex) und dem 1966 geborenen Stefan Quandt (BMW, BHF Bank, Delton-Holding).

Welche Macht haben die Quandts bei BMW?

Laut Geschäftsbericht 2014 kontrollieren die Quandts direkt und indirekt 46,7 Prozent der Stimmrechte bei BMW - konkret Johanna 16,7 Prozent, Stefan 18,4 Prozent und Susanne Klatten 12,6 Prozent.

Auch wenn das nicht die absolute Mehrheit der Stimmrechte darstellt, bedeutet das in der Praxis, dass die Quandts bei BMW das Sagen haben: Bei allen strategischen Entscheidungen - Fusionen, Verkäufe, Besetzung des Vorstands - haben sie das letzte Wort.

Was geschieht jetzt mit Johanna Quandts Anteilen an BMW?

Der Wirtschaftsjournalist Rüdiger Jungbluth ist einer der besten Kenner der Quandts, er ist Autor der Familienbiografie "Die Quandts". Für die im September geplante Neuauflage hat er Erstaunliches recherchiert: Johanna hat fast alle ihre Anteile bereits ihren Kindern geschenkt. Demnach hat sie 16,4 Prozent der BMW-Stammaktien in den Jahren 2003 und 2008 steuersparend an Stefan und Susanne übertragen, lediglich rund 0,3 Prozent hielt sie weiterhin. Stefan Quandt bestätigte Jungbluth im Mai 2015 diese Schenkungen.

Jungbluth kann auch erklären, warum Johanna Quandts Beteiligung an BMW bis zuletzt dennoch mit 16,7 Prozent angegeben wurde: Es handelt sich dabei um die Stimmrechte - nur bei diesen muss eine Aktiengesellschaft Veränderungen sofort und prominent veröffentlichen. Diese sind zwar zumeist, aber nicht zwingend mit dem Besitz der eigentlichen Aktien identisch.

Jungbluth zufolge unterscheiden sie sich in diesem Fall: Johanna verschenkte die Aktien, behielt aber die Stimmrechte - im Übrigen auch gar nicht heimlich. In den Jahresabschlüssen diverser beteiligter Firmen der Quandts waren die Transaktionen jeweils ordnungsgemäß angegeben.

Wie wurden die Quandts so vermögend?

Um 1700 wanderte die Familie aus den Niederlanden nach Brandenburg aus - und arbeitete in der dortigen Textilindustrie. 1883 kaufte Emil Quandt eine Textilfabrik in Pritzwalk, bei der er bis dahin angestellt war.

Sein Sohn Günther (1881-1954) legte den Grundstein für den heutigen Reichtum der Familie. Dazu trugen die Aufrüstung im Kaiserreich und der Erste Weltkrieg entscheidend bei - Quandt lieferte Uniformen an das Militär.

In der Weimarer Republik wurde aus dem Textilfabrikanten der Besitzer eines weitgefächerten Industrieimperiums - auch wegen der Kriegsfolgen: In Zeiten extrem hoher Inflation setzte Günther auf den Handel mit Aktien und Firmenbeteiligungen. So kaufte er 1922 die AFA, einen Batteriekonzern, der später nach seiner bekanntesten Marke in Varta umbenannt wurde. Der zweite große Zukauf waren die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DMW) - Quandt wird mit beiden Firmen zu einem der wichtigsten Rüstungsindustriellen.

In der Zeit der NS-Diktatur profitieren die Quandts enorm von der immensen Aufrüstung, ob der Zweite Weltkrieg sie unter dem Strich reicher machte, ist umstritten - allerdings nicht, dass es ihnen gelang, ihren Unternehmensbesitz weitgehend in die Nachkriegszeit zu retten. (siehe ausführlicher unten.)

In der Bundesrepublik besaßen die Quandts unter anderem Anteile an BMW und Daimler-Benz. Vor allem die Rettung des BMW-Konzerns 1959/1960, in deren Rahmen Günthers Sohn Herbert - Ehemann von Johanna - seinen Anteil auf knapp 50 Prozent aufstockte, erwies sich im Nachhinein als richtige Entscheidung.

Welche Rolle spielte die Familie unter der NS-Diktatur?

Erst spät ließ die Familie ihre NS-Vergangenheit wissenschaftlich untersuchen, angestoßen durch die TV-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts", die 2007 viel Aufsehen erregte.

Im Jahr 2011 legte der beauftragte Historiker Joachim Scholtyseck seine Studie vor - die Quandts hatten seine Forschung finanziert, nahmen aber keinerlei Einfluss, wie er bestätigte. Es ist eine schonungslose Studie: Die Quandts waren vielleicht keine eifernden Ideologen, aber dennoch Teil des Naziregimes, konstatiert der Historiker. Von der Aufrüstung profitierten sie ohnehin - aber sie bereicherten sich auch schamlos bei Arisierungen, initiierten diese zum Teil sogar. Sie sperrten sich nicht gegen den Einsatz von Zwangsarbeitern in ihren Fabriken, nur kurz gegen den von KZ-Häftlingen.

Ob sie ihren Reichtum durch den Zweiten Weltkrieg mehren konnten, ist zwar umstritten - schließlich verloren sie einen Teil ihrer Fabriken durch Enteignung oder Demontage. Allerdings behielten sie den Großteil des in der Bundesrepublik befindlichen Besitzes, die Währungsreform begünstigte sie, weil sie die im Krieg angehäuften Schulden entwertete. Ohnehin war Firmenbesitz in Nachkriegszeiten der beste Grundstock für hohe Vermögen.

Kurz nach dem Krieg wurden Günther und sein Sohn Herbert lediglich als "Mitläufer" oder als unbelastet eingestuft. In den Jahrzehnten danach schwiegen sie beharrlich zu ihrer Rolle in der NS-Zeit. Erst die nach dem Krieg geborenen Kinder - Johanna selbst heiratete erst 1960 durch die Ehe mit Herbert in die Familie ein - stellten sich der Vergangenheit.

insgesamt 131 Beiträge
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ernieb 06.08.2015
1. Familienunternehmer oder Oligarchen?
Frei nach Pispers: In Russland nennt man Menschen mit so viel politischem Einfluss Oligarchen, in Deutschland immer noch Familienunternehmer...
hapebo 06.08.2015
2. Zuerst Erben und dann Sterben!
Viel Erbschaftssteuer springt für den Staat nicht raus,die Vermögensteile wurden im laufe der Jahre sukzessive an die Kinder bzw. Stiftungen überschrieben,da geht ein Vermögen zum Null-Tarif an die Erben. Chapeau an die Vermögensverwalter! Daher ehret die Alten bevor sie erkalten!
einwerfer 06.08.2015
3. Am Beispiel
der Quandt-Familie läßt sich sehr schön aufzeigen, welch wundervolles Geschenk die Umwandlung der Kapitalertragssteuer in eine Abgeltungssteuer mit pauschal 27% Steuersatz war. Dies bedeutet allein für die Anteile an BMW eine jährliche Steuerersparnis von über 100 Millionen Euro, die diese arme Familie natürlich auch dringend braucht. Im Vergleich dazu ist auch die 'Mildtätigkeit' der Familie nur als Peanuts zu bezeichnen. Aber immerhin bedankt sich die Familie mit jährlichen Spenden an CDU und CSU (die an der Steuerumwandlung beteiligte SPD geht jedoch leer aus). BTW: Ihren Gigolo hat sich Frau Klatten deutlich mehr kosten lassen, als sie der CDU zwecks 'Unterstützung der Demokratie' überweist. Ein Schelm, wer böses dabei denkt !
Kaffki 06.08.2015
4. Schön ..
das Sie soo viel Vermögen haben.... hat jemand mal nachgeforscht wieviel Steuern Sie bezahlen(z.B. Erbschaftssteuer) ? ....
yvowald@freenet.de 06.08.2015
5. Kriegsgewinnler
Auch die Vorfahren der heutigen Familie Quandt waren eindeutig Kriegsgewinnler, wie aus dem Artikel ersichtlich ist. Leider wurden diese Kriegsgewinne nicht sozialisiert, so dass auch die Quandt`s quasi im Geld schwimmen. Auch die früheren und die heutigen Steuergesetze arbeiten diesen reichen Familien gleichsam "in die Taschen". Wäre unser Steuersystem einigermaßen gerecht, dürfte es eine Anhäufung von Reichtum in dieser Höhe eigentlich gar nicht geben. Wer macht unsere Steuergesetze? Natürlich werden auch die Steuergesetze an den Schreibtischen der Wirtschaftsverbände ausformuliert mit der Folge, dass Großverdienende immer am besten "bedient" werden. So eben auch die Quandt`s.
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