Regierungsbeauftragter für Erfindungen Letzte große Innovation aus Deutschland? Das Auto

Erfinderland? Diesen Ruf hat Deutschland wahrlich nicht mehr. Wie kann man das ändern? Im Auftrag der Bundesregierung soll der Unternehmer Rafael Laguna Antworten liefern.

Rafael Laguna: "Letztlich haben wir alle den Auftrag, unser Land voranzubringen"
Sinan Muslu

Rafael Laguna: "Letztlich haben wir alle den Auftrag, unser Land voranzubringen"

Ein Interview von Armin Mahler und


Zur Person
  • Hans-Joachim Rickel/BMBF/DPA
    Rafael Laguna de la Vera (55) ist Gründer und Chef des Kölner Software-Unternehmens Open-Xchange. Im Auftrag der Bundesregierung soll er in Leipzig die Bundesagentur für Sprunginnovationen aufbauen - und von dort aus die deutsche Wirtschaft mit dem versorgen, was ihr besonders fehlt: Erfindungen und Produkte, die Märkte grundlegend verändern können.

SPIEGEL: Herr Laguna, Agentur für Sprunginnovationen - der Name klingt etwas skurril. Wollte man einfach das Modewort Disruption vermeiden?

Laguna: Ich war nicht dabei, als der Name diskutiert wurde, aber so war es wohl. Inzwischen finde ich ihn ganz gut, weil er zum Nachdenken anregt. Disruptiv klingt eher zerstörerisch, und Sprunginnovationen sind etwas, was einen weiterbringt.

SPIEGEL: Was war denn die letzte Sprunginnovation, die aus Deutschland kam?

Laguna: Das Auto.

SPIEGEL: Lange her. Und eine sehr hohe - vielleicht zu hohe - Messlatte.

Laguna: Aber darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Es gibt eine Zeit vor Erfindung des Automobils und eine danach. Das Auto hat die Art, wie wir leben, grundlegend verändert. Ich wäre aber auch zufrieden, wenn wir einige Innovationen wie MP3 schaffen würden...

SPIEGEL: ...das Musikkompressionsformat, das vom Fraunhofer-Institut erfunden wurde...

Laguna: ...und ihm jede Menge Lizenzeinnahmen eingebracht hat, im besten Jahr mehr als 200 Millionen Euro. Aber die wirkliche Wertschöpfung, über Geräte wie den iPod und Dienste wie das Streaming, hat woanders stattgefunden. Wir wollen dafür sorgen, dass künftig der volkswirtschaftliche Nutzen solcher Erfindungen im Land bleibt.

SPIEGEL: Wenn Sie etwas Vergleichbares wie MP3 entdecken würden, was würden Sie dann tun?

Laguna: Ich entdecke ja nichts, sondern ich oder meine Mitarbeiter entdecken die Entdecker. HiPos, wie wir sie nennen: High Potentials. Wir gründen dann eine Tochter-GmbH der Agentur, in der wir diese Leute mit anderen zusammenbringen und sie mit genug Geld ausstatten, damit sie aus der Erfindung ein marktveränderndes Produkt entwickeln.

SPIEGEL: Sie müssen die HiPos ja nicht nur finden, sondern auch aus bestehenden Strukturen herauslösen. Warum sollten die Universitäten und Forschungsinstitute ihrer besten Leute an Sie abgeben? Das Fraunhofer-Institut zum Beispiel wäre wahrscheinlich wenig begeistert gewesen, wenn jemand damals versucht hätte, den MP3-Erfinder abzuwerben.

Laguna: Natürlich wird das nicht immer gelingen. Aber letztlich haben wir alle den Auftrag, unser Land voranzubringen. Und wenn es gelingt, eine wirkliche Sprunginnovation hinzulegen, wird am Ende auch die Institution, aus der die Erfinder kamen, davon profitieren.

SPIEGEL: Gibt es politische Vorgaben, in welchen Bereichen Sie vor allem aktiv sein sollen?

Laguna: Vorgaben gibt es nicht, aber natürlich sind die Komplexe Umwelt und Klima wichtige Themen. Wir haben im Grunde einen fast philosophischen Auftrag: Am Ende soll es allen besser gehen. Das unterscheidet uns von Finanzinvestoren. Wir müssen nicht auf den Return des Investments achten, sondern auf den volkswirtschaftlichen Nutzen. Aber was wir letztlich machen, hängt davon ab, welche Inventoren und Inventorinnen wir finden.

SPIEGEL: Wenn Sie die gefunden haben und es Ihnen dann gemeinsam gelungen ist, aus dieser Erfindung tatsächlich ein marktveränderndes Produkt zu entwickeln - wie geht's dann weiter?

Laguna: Wir werden die GmbH in den Markt entlassen, eine Finanzierung suchen und die Erfinder am Unternehmen beteiligen. Aber mich beschäftigt vor allem die Frage: Wie zünden wir dann die nächste Stufe der Rakete? Es wäre ja nicht schön, wenn die dann Richtung USA oder China gehen würde, weil es in Deutschland keine Finanzierung für die nächste Phase des Wachstums gibt.

SPIEGEL: Weshalb die meisten aussichtsreichen deutschen Start-ups derzeit schnell in ausländischen Händen landen.

Laguna: Genau. Das Problem haben wir heute schon, das hat mit der Agentur nichts zu tun. Softbank haut mit seinem Vision Fund beispielsweise eben mal 500 Millionen raus, um Anteile an Auto1 zu kaufen...

SPIEGEL: ...einem Onlinemarktplatz für Gebrauchtwagen.

Laguna: Es wäre der Worst Case, wenn das auch mit unseren Projekten passieren würde. Das müssen wir unter allen Umständen verhindern.

SPIEGEL: Aber wie? Die großen Fonds aus den USA sind mit Milliarden ausgestattet, und die Fonds der japanischen Softbank verfügen teils gar über dreistellige Milliardensummen, vorwiegend aus Saudi-Arabien.

Laguna: Alle sind sich einig, auch in der Politik, dass wir in Deutschland eine solche Later-Stage-Finanzierung schaffen müssen. Geld ist doch im Überfluss vorhanden, Versicherungen, Sparkassen, alle sitzen auf Tausenden von Milliarden, für die sie Negativzinsen bezahlen müssen. Bisher dürfen sie nur einen sehr kleinen Anteil als Risikokapital anlegen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass dieser Anteil erhöht wird. Frankreich hat es vorgemacht. Präsident Macron hat gerade einen Fünf-Milliarden-Fonds aufgelegt, den Banken und Versicherungen auffüllen müssen.

SPIEGEL: Zunächst aber müssen Sie Ideen und Innovatoren entdecken. Sind Sie schon fündig geworden?

Laguna: Mich haben junge Leute angesprochen, die eine Vision haben, wie sie den Recyclinganteil von Plastik dramatisch erhöhen und daraus ein Produkt machen können.

SPIEGEL: Klingt nach einem ehrbaren Ziel, aber wo ist die Erfindung?

Laguna: Bislang ist die Quote auch deshalb so schlecht, weil es schwierig ist, unterschiedliche Kunststoffe zu sortieren und zu trennen. Die Erfindung ist ein Konzept für neue Plastiksortiermaschinen, die auf neuartiger Bilderkennung beruhen, Stichwort künstliche Intelligenz. Das war noch vor zehn Jahren technologisch undenkbar. Natürlich ist das kein Auto oder keine Rakete, aber es würde Märkte verändern und der Umwelt helfen - wenn das Konzept trägt. Das müssen wir erst noch evaluieren.

SPIEGEL: Wir sind noch nicht wirklich überzeugt. Haben Sie weitere Beispiele?

Laguna: Ein Professor aus der Nähe von Wiesbaden hat einen neuartigen analogen Chip entwickelt: Zurück in die Zukunft, gewissermaßen. So funktionierten die ersten Rechner, bevor sie digital wurden. Nun stoßen Digitalrechner an Grenzen, etwa wenn es um die Abbildung physikalischer Prozesse geht. Nehmen sie beispielsweise die Versuche, Prozesse im menschlichen Gehirn nachzuvollziehen. Wenn es uns gelänge, neuartige analoge Chips zu entwickeln, könnte das die Geburt einer neuen Ära des Computings werden. Es wäre auch eine alternativer Weg in Richtung Quantencomputer. Dafür braucht es allerdings noch viel Mathematik. Wir bringen deshalb den Analog-Guru, den Chip-Guru und den Mathe-Guru zusammen und sagen: Let's do it.

SPIEGEL: Sie wollen mit analogen Chips das menschliche Gehirn simulieren?

Laguna: Und das auch noch mit extrem wenig Energieverbrauch. Wenn sie mit üblichen Chips neuronale Netze nachbauen, brauchen sie ein halbes Kernkraftwerk. Das menschliche Gehirn wird mit 20 Watt betrieben. Wenn wir das mit analogen Chips nachbilden können, ergeben sich Chancen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

SPIEGEL: Ist das nicht riskant, eine solche Idee so offen zu kommunizieren?

Laguna: Ach wo, die Chinesen sind doch schon lange dran. Die Idee kann man nicht schützen. Wir müssen die Leute anziehen, die sie umsetzen können, und dann Gas geben. Wir haben wirklich gute Leute hier. Die Köpfe werden den Unterschied machen.



insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
vgruda 07.10.2019
1. Ideen kann man nicht schützen sagt er
Jo, wir haben gute Leute! Lasst euch nicht vetäppeln! :)
uezegei 07.10.2019
2. nicht die letzte große Erfindung...
da gäbe es noch einige mehr .. Faxgerät, Videorekorder, mp3-Datenformat, Umwelttechnologie .. leider vielfach nicht zur Marktreife gebracht von schlafenden Firmen und schlafenden Politikern und einer verschnarchten Bevölkerung, von denen Teile auch heute noch dem Diesel hinterherweinenm einer Erfindung aus dern 1870ern Jahren, also im vorletzten (!)Jahrhundert, angeführt von einer ruchlosen "Alternative", die den besorgten Bürgern Sand in die Augen und der Wirtschaft ins Getriebe wirft.. ab in die Vergangenheit, zurück zum Agrarstaat, als blondegelockte Mädchen und flinke Windhunde durch den deutschen Eichenwald streiften. Und auch jetzt, mit den "Altparteien" der Koalition mag man keine großen Würfe erkennen .. kein Bekenntnis zum Solarstrom und zur Windenergie, bevor uns die Chinesen auch hier noch die allerletzten Markchancen und Arbeitsplätze wegschnappen. Deutschland vergreist: auch im Denken der Politikerkaste. Kein Mut meht, keine Zukunft, keine Richtung. So wird da nix.
vo2 07.10.2019
3. Ein echter Fachmann
die letzte große deutsche Erfindung: Das Auto Konrad Zuse rotiert derweil im Grab.
Nonvaio01 07.10.2019
4. laecherlich
das vorhaben klingt toll, leider haben die nicht an den ganzen papierkram gedacht und die Buerokratie die soetwas verhindert. Daran liegt das problem, nicht das es keine schlauen koepfe in D gibt. Ersteinmal muss man von der typisch deutschen einstellung "das braucht kein mensch " weg kommen, das ist schwer genug.
Nutzer ohne Namen 07.10.2019
5.
Zitat von vo2die letzte große deutsche Erfindung: Das Auto Konrad Zuse rotiert derweil im Grab.
und nicht zu vergessen Manfred von Ardenne. ohne ihne hätte es keine bildschirme für zuse gegeben.
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