Trotz Rating-Drohung Deutschland bekommt Geld zu Mini-Zins

Der schlechte Ausblick der Rating-Agentur Moody's für Deutschland lässt Anleger offenbar vorerst kalt. Bei der Versteigerung von Anleihen mit 30 Jahren Laufzeit kam die Bundesrepublik zu historisch niedrigen Zinsen an Geld.

Finanzminister Wolfgang Schäuble: Anleihenauktion geglückt
dapd

Finanzminister Wolfgang Schäuble: Anleihenauktion geglückt


Berlin - Investoren vertrauen auf lange Sicht der Stabilität der deutschen Staatsfinanzen. Diesen Schluss lässt zumindest eine Auktion von Bundesanleihen mit 30 Jahren Laufzeit zu. Denn trotz des kritischen Ausblicks der Rating-Agentur Moody's auf die Kreditwürdigkeit Deutschlands kommt die Bundesrepublik weiter sehr günstig an Geld. Bei der Auktion erhielten Investoren im Schnitt 2,17 Prozent Zinsen, wie die Bundesbank mitteilte. Damit ist die Rendite für die 30-jährigen Anleihen so niedrig wie nie. Der Bund nahm rund 2,3 Milliarden Euro ein.

In einer Welt, in der es für Anleger nur wenige sichere Optionen gebe, "werden Bundeswertpapiere weiter als sicherer Hafen angesteuert", sagte Analyst Nick Stamenkovic von RIA Capital. Moody's hatte den Ausblick für die deutsche Kreditwürdigkeit am Montag auf negativ gesenkt und dies mit den Risiken wegen der Schuldenkrise begründet. Damit droht Deutschland der Verlust der höchsten Bonitätsnote AAA. Moody's hat auch den Ausblick für den Euro-Rettungsfonds EFSF und sechs Bundesländer gesenkt.

Die EU-Kommission kritisierte die Rolle der Rating-Riesen in der Euro-Schuldenkrise. Der Markt wird von den drei großen US-Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch dominiert. EU-Justizkommissarin Viviane Reding warf den Analysten vor, mit den USA schonungsvoller umzugehen als mit europäischen Staaten. "Es ist doch interessant, dass immer dann, wenn sich die haushaltspolitische Lage in den USA verschlechtert, bestimmte Rating-Agenturen Europa ins Rampenlicht rücken", sagte sie.

Reding erklärte, Europa habe in den vergangenen drei Jahren Riesenfortschritte gemacht und sei auf dem Weg zur Haushaltskonsolidierung. Allerdings sehen viele Experten die Aussichten nicht so optimistisch. 17 europäische Ökonomen, darunter die beiden deutschen Wirtschaftsweisen Peter Bofinger und Lars Feld, warnten vor einer wirtschaftlichen Katastrophe und forderten eine schnelle Reform der Währungsunion. "Europa steuert schlafwandelnd auf eine Katastrophe von unabsehbaren Ausmaßen zu", heißt es in dem Gutachten der Wissenschaftler.

mmq/Reuters/AFP

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leidenfeuer 25.07.2012
1. Den Rate-Agenturen vertraut doch kaum noch einer.
Seitdem Rating-Agenturen vor der Finanzkrise von 2007/2008 die betrügerischen Trashpaket-Papiere aus wackeligen US-Immobilien-Krediten mit "dreifach A" extrem überbewertet hatten, verlassen sich nur noch wenige auf den Rat dieser Rate-Agenturen. Damals wollten sich trickreiche US-Banken von dubiosen Kreditgeschäften mit zahlungsunfähigen Hauskäufern befreien und noch verdienen, statt Geld zu verlieren, indem sie das wertarme Zeug an dümmere Banken u.a. in Europa verhökerten. Die Ratingagenturen haben nicht einmal jene Risiken erkannt und entsprechend gewarnt. Wie sollte man sich da auf ihre heutigen Einschätzungen verlassen?
Beon 25.07.2012
2.
Nun ja, ob jemand den Agenturen glaubt oder nicht ist mithin unerheblich. Tatsächlich gibt es einige Anlegerinstitutionen, die sich nach den Ratings der drei richten MÜSSEN. Das bedeutet, das so einiges an Spielgeld (Giralgeld) aufgrund der Rating von links nach rechts, oder andersrum bewegt werden. Das wiederum nimmt Einfluss auf die tatsächlichen (haha) Werte die börslich gehandelt werden. Ich sag mal: sich selbsterfüllende Prophezeiung. Nicht böse sein, aber die Annahme, daß die großen drei keinen Einfluss haben amüsiert mich ebenso, wie die Frage ob das IOC von einem Haufen korrupter Gierschlünde beherrscht würde. Es ist alles schlimmer als Sie denken ;-)
mont_ventoux 25.07.2012
3. Umsteuern
Seit etwa einem halben bis dreiviertel Jahr kann man beobachten, daß die Aktienmärkte nicht mehr sonderlich auf das Urteil der Rating-Agenturen reagieren. Offenbar setzt sich auch bei den Anlegern durch, daß bei der Expertise der Rating-Agenturen (a) entweder sehr viel Kaffeesatzleserei dabei ist oder (b) der Versuch einer gezielten Einflußnahme stattfindet. Zur Eurokrise: Die Krise hat bereits mehrere Stadien durchlaufen. Zunächst war es eine Staatsschuldenkrise. Im Zuge der Euroeinführung haben die Weichwährungsländer des Südens ihren Wohlstand schuldenfinanziert gesteigert, was bei den niedrigen Zinsen ja auch durchaus verlockend war. Nur hätte man sich denken können, daß das nicht ewig so weiter geht. Parallel dazu hat die Krise aber eine weitere Komponente entwickelt, die mittlerweile mehr und mehr in den Vordergrund gerückt ist: den Vertrauensverlust in Europa und seine Institutionen. Die einst verabredeten Regeln wurden in der Krise nicht eingehalten: (1) Noch keiner der Staaten (inklusive Frankreich und Deutschland), der die Defizitgrenze riss, musste mit irgendwelchen Sanktionen rechnen. (2) Die EZB fing entgegen ihrer Statuten damit an, Staatsanleihen aufzukaufen. (3) Die no Bail out-Klausel aus dem Maastricht-Vertrag wurde mit der Einrichtung von EFSF und ESM über Bord geworfen. Einzige Konstante: dem Steuerzahler, insbesondere dem deutschen, wurden ständig neue und höhere Risiken aufgebürdet. Und so soll es offenbar auch in Zukunft weitergehen. Zumindest ist weiterhin davon die Rede, die "Brandmauern" zu erhöhen und für Griechenland eine weiteres, mittlerweile alljährliches Rettungspaket zu schnüren. Solange dieser Irrsinn nicht aufhört, wird sich kein neues Vertrauen aufbauen können. Ganz im Gegenteil: Die Finanzmärkte dürfen weiter darauf spekulieren, daß der Steuerzahler immer stärker belastet wird. Wie man in diesem Zusammenhang den mehrfach widerlegten Bofinger als Experten und Top-Ökonomen bezeichnen kann, ist mir rätselhaft.
DerKritische 25.07.2012
4. ....
Zitat von sysopdapdDer schlechte Ausblick der Rating-Agentur Moody's für Deutschland lässt Anleger offenbar vorerst kalt. Bei der Versteigerung von Anleihen mit 30 Jahren Laufzeit kam die Bundesrepublik zu historisch niedrigen Zinsen an Geld. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,846378,00.html
Die Griechen könnten es nun schaffen, und Deutschlands Rating wäre nicht mehr gefährdet. Da die EZB ab heute keine griechischen Papiere mehr annimmt, also keine Euros mehr durchreicht, druckt nun die griechische Notenbank soviel Geld, wie Griechenland brauchen wird. Man lebt nun praktisch von der Druckerpresse. Rettungsschirme/pakete und ESM können wird uns nun auch sparen, die sind nämlich dadurch überflüssig geworden.
Cotti 26.07.2012
5.
Zitat von sysopdapdDer schlechte Ausblick der Rating-Agentur Moody's für Deutschland lässt Anleger offenbar vorerst kalt. Bei der Versteigerung von Anleihen mit 30 Jahren Laufzeit kam die Bundesrepublik zu historisch niedrigen Zinsen an Geld. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,846378,00.html
Wieder profitiert die BRD von der Krise und kann sich billig weiter verschulden. Darum ist man wohl auch nicht an einer schnellen Beendigung interessiert? Wer weiß schon, was in 30 Jahren ist...
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