Gegen die US-Dominanz Die Rating-Zwerge greifen an

Amerikanische Ratingagenturen haben ihren Ruf in der Krise gründlich ruiniert. Nun wollen kleinere Firmen aus aller Welt ihnen Konkurrenz machen. Eine davon ist die Berliner Agentur Scope. Aber können es die Newcomer wirklich besser?

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Berlin - Eine schöne Aussicht hat Torsten Hinrichs an seinem neuen Arbeitsplatz. Die Zentrale der seit September von ihm geführten Ratingagentur Scope liegt direkt am Berliner Tiergarten. Vom neunten Stock aus geht der Blick über Baumwipfel auf Reichstag und Kanzleramt. Wer hier hinausschaut, der kann sich auf Augenhöhe mit der Macht fühlen.

Dabei ist Scope bislang ein ziemlich kleiner Laden. Rund 70 Mitarbeiter bewerten von Berlin und London aus unter anderem die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Fonds. Marktführer Standard and Poor's (S&P) beschäftigt hingegen 6000 Menschen und deckt zusammen mit den zwei anderen großen Ratingagenturen Moody's und Fitch rund 95 Prozent des weltweiten Markts ab.

Diese "Big Three" haben ihren Ruf allerdings gründlich ruiniert. Bevor in den USA der Immobilienmarkt implodierte, hatten die Bonitätswächter reihenweise Top-Noten für hoch riskante Wertpapiere vergeben. Dabei waren sich die Mitarbeiter laut interner Protokolle ihres zweifelhaften Tuns bewusst. "Selbst wenn Kühe diesen Deal zusammenstellten, würden wir ein Rating ausgeben", schrieb ein S&P-Mitarbeiter einmal einem anderen.

Beliebter wurden die Agenturen auch in der anschließenden Euro-Krise nicht. Zeitweise verging kaum ein Tag, an dem nicht das Rating eines EU-Landes Richtung Ramschniveau gesenkt wurde. Zugleich waren die Agenturen auffällig zurückhaltend mit den USA, wo sie ihren Sitz haben. Europa brauche eine Alternative, forderten deshalb Kritiker, eine eigene Ratingagentur. Nun sitzt Hinrichs am Tiergarten und erklärt, Scope wolle diese Alternative werden: "Viele Kunden freuen sich, dass das Projekt noch mal ernsthaft in Angriff genommen wird."

Gefangen im Methodenraster

Der erste Angriff ging schief: Für ein ursprünglich von der Unternehmensberatung Roland Berger entwickeltes Agenturmodell fanden sich nicht genügend Investoren. Den neuen Anlauf wagt nun allerdings ein ausgewiesener Kenner der Materie: Hinrichs führte jahrelang das Deutschlandgeschäft von S&P. In dieser Rolle lobte er noch vor zwei Jahren die hohe "Treffgenauigkeit" der Big Three. Auch viele Mitstreiter kommen von US-Agenturen. Einer von ihnen ist Stefan Bund, der früher für Fitch arbeitete und die Vorbehalte gegen seine Branche kennt: "Es gab mal eine Zeit, da waren die Reaktionen nicht so positiv."

Können nun ausgerechnet Vertreter des alten Systems die Rating-Branche verändern? Nach Ansicht von Hinrichs ist der Stallgeruch sogar Voraussetzung, um überhaupt Kunden zu gewinnen. "Man braucht eine gewisse Reputation, um durch die Tür zu kommen." Helfen sollen die alten Kontakte auch beim Anwerben von Mitarbeitern. Die seien auch aus Unzufriedenheit wechselwillig, deutet Bund an: "Unsere Analysten waren zum Teil in einem methodischen Raster gefangen".

Das Raster von Scope soll feinmaschiger sein. Den Big Three wird vorgeworfen, sie legten weltweit Maßstäbe an, die stark von der amerikanischen Sichtweise geprägt seien. Scope will dagegen beispielsweise berücksichtigen, dass Unternehmen in Europa häufig von den Eigentümern selbst geführt werden und deshalb in Krisen eher auf deren Unterstützung zählen können. Oder dass Wertpapiere wie die deutschen Pfandbriefe gesetzlich besonders reguliert werden. Verzichten will Scope dagegen auf die besonders umstrittenen Länderratings, weil diese laut Hinrichs "keinen Mehrwert" bringen.

Auch in Brasilien oder China wächst die Konkurrenz

In Asien haben kleinere Ratingagenturen schon heute Markanteile von bis zu 90 Prozent und auch in Europa stellt nicht nur Scope das Deutungsmonopol der Big Three infrage. Um Kunden buhlen etwa die chinesische Agentur Dagong oder ARC Ratings, ein Zusammenschluss von Bonitätswächtern aus Brasilien, Indien, Malaysia, Portugal und Südafrika. Insgesamt haben in der EU bislang 26 Ratingagenturen eine Lizenz der neuen Aufsichtsbehörde Esma erhalten, darunter auch andere deutsche Unternehmen wie Creditreform oder Euler Hermes. Scope erhebt allerdings den Anspruch, als einzige Agentur europaweit Ratings für alle Anlageklassen zu erstellen.

Doch werden die Ratings durch die erhöhte Vielfalt auch besser? Oder führt diese nur dazu, dass europäische Unternehmen künftig leichter an positive Bewertungen kommen? Ein entscheidender Kritikpunkt bleibt jedenfalls auch bei Scope bestehen: Die Emittenten von Wertpapieren bezahlen selbst für ihre Ratings, was zu Interessenkonflikten führen kann. Im gescheiterten Modell von Roland Berger hätten dagegen erstmals Investoren für die Ratings zahlen sollen. Scope-Chef-Hinrichs hält dies jedoch für keine Verbesserung: "Investoren haben für die von ihnen gehaltenen Anleihen genausowenig Interesse an einem schlechten Rating wie Emittenten."

Am Ende gibt es also sowohl beim Personal als auch bei der Methodik von Scope erstaunlich viele Überschneidungen mit der US-Konkurrenz. Und genau wie diese sind auch die kleineren Agenturen nicht vor Fehlurteilen geschützt - etwa beim ZDF-"Traumschiff", das vor wenigen Wochen pleiteging.

Noch Ende 2012 bewertete Scope eine Anleihe des "Traumschiff"-Betreibers mit einer Top-Note, obwohl sie die Situation des Unternehmens insgesamt schon damals als kritisch beurteilte. Rund ein Jahr später zog Scope dann sämtliche Ratings für die MS Deutschland zurück. Ein ähnlicher Fall werde sich nicht wiederholen, versichert Hinrichs ernst. "Wir haben uns deshalb auch von Mitarbeitern getrennt."

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
jcaesar3 23.12.2014
1.
Langer Rede kurzer Sinn: Was wollen denn die Deutschen, wir haben doch schon die Amis. Das Weihnachtsgeld in Dollars schon bekommen?
chinataxi 23.12.2014
2. rating könnte man in diesem fall
mit "raten" übersetzen :) man sieht ja eindrucksvoll wie die großen "rater" S&P etc die hoffnungslos verschuldete USA immer noch AAA bewertet. Das ist als würde man einen invaliden Hartz 4 Empfänger mit 10 Mio Schulden AAA bewerten. Beide werde ihr Leben lang die Schulden nicht mehr los.
d-tr 23.12.2014
3. Zum Scheitern verurteilt
Jeder der ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert hat weiss,dass die Markteintrittsbarieren für das Ratinggeschäft nur durch regulatorische Veränderungen geknackt werden können. Somit ist diese neue Agentur von der Politk abhängig.Mal sehen wie lange der Atem ausreicht
Atheist_Crusader 23.12.2014
4.
Können die es besser machen? Möglich. Können die es schlechter machen? Unwahrscheinlich.
die_bittere_wahrheit 23.12.2014
5.
Beitrag nummer 2 ist ein Beispiel par excellence wie persoenliche Ideologie und Vorurteile mit wirtschaftlichen Fakten und nachweisbaren Volkswirtschaftlichen Daten kollidieren! Allein das gewaehlte Beispiel ist sowas von laecherlich das ich fast einen Lachkrampf bekomme! Allein die Verschuldung der USA mit der eines mit 10 Millionen Dollar verschuldeten Hartz IV Empfaenger zu vergleichen ist geradezu obszoen! Wann hat das letzte mal ein Hartz IV Empfaenger 10 Millionen Dollar pro Jahr eingenommen!?
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