Tabakindustrie im Umbruch Die letzte Zigarette brennt

Die Zigarettenindustrie ringt ums Überleben: Ihre Kundschaft - die Raucher - schrumpft weltweit zu einer Randgruppe. Nun entwickeln die Tabakmischer immer neue Nikotinprodukte, die möglichst keine Menschen töten sollen.

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Endlich können sich Raucher wieder als Revoluzzer fühlen. Sofern sie das richtige Produkt kaufen, versteht sich. "This changes everything", lautet der Slogan von "iQOS", der neuen Elektro-Tabakzigarette von Philip Morris International. Nicht nur das kleine i hat der Tabakmulti von Apple abgekupfert, sondern auch den Spruch. Apple hat ihn schon vor Jahren genutzt: für das iPhone, das unsere Welt verändert hat. Und nicht weniger als die Welt verändern soll auch das Dampfmaschinchen des weltgrößten privaten Zigarettenherstellers. So zumindest verspricht es der oberste Marlboro-Mann höchstpersönlich.

"Ich glaube, dass der Zeitpunkt kommen wird, an dem wir genügend Verbreitung dieses alternativen Produkts haben", sagte Philip-Morris-Chef André Calantzopoulos am 30. November im Interview mit der BBC, "damit wir anfangen können, zusammen mit Regierungen das Ende der Zigarette einzuläuten." Und dann fügte der gebürtige Grieche noch hinzu: "Ich hoffe, diese Zeit wird bald kommen."

Das Ende der Zigarette. Bald. Verkündet vom obersten Lobbyisten der internationalen Tabakindustrie, dem Inbegriff des Bösen für Anti-Tabak-Aktivisten. Calantzopoulos' Statements - die er punktgenau zum Verkaufsstart von iQOS in Großbritannien zum Besten gegeben hat - sind um die Welt gegangen. Wenn ausgerechnet Philip Morris der Menschheit das Rauchen austreiben sollte, wäre das tatsächlich eine Revolution. Das Ende einer Seuche.

Mehr als fünf Millionen Zigarettenkonsumenten und weitere 600.000 dem giftigen Qualm ausgesetzte Menschen sterben pro Jahr laut der Weltgesundheitsorganisation an den Folgen des Tabakonsums (Im Straßenverkehr sind es weltweit rund 1,25 Millionen Menschen) - macht alle 6,3 Sekunden einen toten Raucher und, vielleicht noch schlimmer, alle 53 Sekunden einen toten Passivraucher.

Das lässt auch die Politik nicht länger kalt: Selbst im weltgrößten Zigarettenmarkt China werden Raucher neuerdings aus öffentlichen Gebäuden verbannt. EU-weit müssen Zigarettenhersteller mit Schockbildern bedrucken. Und sie dürfen ihre tödlichen Produkte nicht mehr auf Plakaten oder im Kino bewerben (Außer in Deutschland, der Bastion der Tabaklobby).

Für die Industrie stellt sich deshalb mittelfristig die 863-Milliarden-Dollar-Frage. So hoch ist ihr jährlicher Umsatz mit etwa einer Milliarde Rauchern. Denn die Kampagnen zeigen Wirkung: Die Zahl der weltweit gerauchten Zigaretten sinkt seit einiger Zeit.

Die Zigarettenindustrie fürchtet den Kodak-Moment

E-Zigaretten, so hoffen die Hersteller, könnten die Lösung sein, die nikotinhaltige Flüssigkeiten verdampfen. Sie sind zwar nicht gesund, aber weniger schädlich schon. Denn das größte Risiko der traditionellen Zigarette geht nach Ansicht vieler Wissenschaftler nicht etwa vom Nikotin aus, sondern von den Stoffen, die bei der Tabakverbrennung entstehen.

"Wenn die Menschheit Kaffeebohnen rauchen würde, um an das Koffein zu kommen, würden auch Millionen daran sterben", sagt der Schweizer Gesundheitsforscher und Zigarettengegner Jean-Francois Etter. "Diese neuen Produkte können Tabakzigaretten überflüssig machen".

Kunden testen iQOS-E-Zigaretten
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Kunden testen iQOS-E-Zigaretten

Womöglich deutet sich da ein Umbruch an, wie der vom analogen Film zum digitalen. Kodak - ein Gigant auf dem Gebiet der Filmproduktion - verpasste den Umstieg damals und ging bankrott. Diesen Kodak-Moment fürchten die Tabakmultis, die heute teils noch Umsatzrenditen von mehr als 30 Prozent erwirtschaften. Und so sind sie alle in das Dampf-Geschäft eingestiegen.

Die Jagd nach dem Heiligen Gral zum Rauchen

Bislang sind E-Zigaretten Nischenprodukte: Der Weltmarkt ist nur etwa ein Hundertstel so groß wie der für herkömmliche Zigaretten. Viele Raucher probieren die Digital-Fluppe mal aus, steigen aber nicht um. "Ich kriege beim Dampfen keinen Flash", klagen sie immer wieder. Die Produkte der ersten Generation liefern das Nikotin nicht schnell genug in Blut und Gehirn: Eingeschworenen Rauchern fehlt der ersehnte Kick. Oft vermissen sie auch den Tabak.

Und so investierten die Konzerne Milliarden Dollar in die Suche nach dem "Heiligen Gral", wie der Branchenexperte James Bushnell von der Investmentbank Exane BNP Paribas die Zigarette der Zukunft nennt: ein Produkt, das einerseits Geschmack, sinnliches Erlebnis sowie den Nikotinkick des "Real Thing" so gut wie möglich imitiert - und das andererseits so wenige Menschen wie möglich umbringt.

Philip Morris setzt mit der iQOS auf ein Mittelding: einen Metallstift mit einem Heizelement, der auf einen Stummel mit Marlboro-Tabak aufgesetzt wird. Dabei wird der Tabak nur erwärmt, nicht aber verbrannt. Über das zigarettenfilterähnliche Mundstück des Stummels kann der Konsument dann das heiße Luft-Tabakgas-Gemisch einatmen. Zwei Milliarden Dollar hat der Konzern in die Entwicklung gesteckt. Die Hybrid-Zigarette soll das Vielfache davon wieder einspielen. Süchtig macht auch sie. Aber sie soll weniger töten.

Nutzer mit glo-E-Zigarette
REUTERS

Nutzer mit glo-E-Zigarette

Der Trick: Die iQOS erhitzt den Tabak nur auf 300 Grad Celsius anstatt auf 800 wie die herkömmliche Zigarette. Krebserregende Stoffe wie Benzpyren oder Nitrosamine entstehen so gar nicht erst. Nach Angaben des Unternehmens machen sie 90 Prozent der Giftstoffe aus; Langzeitstudien unabhängiger Institutionen gibt es bisher nicht. Zugleich, so behauptet Philip Morris in Präsentationen für Analysten, sei die Nikotinaufnahmekurve beim Konsum der E-Marlboro fast identisch mit derjenigen der echten Zigarette. Das hieße: Flash-Garantie. "Unsere Ambition ist", heißt es blumig im Geschäftsbericht, "alle heutigen erwachsenen Rauchern, die weiter rauchen wollen, zu überzeugen, so schnell wie möglich auf risikoreduzierte Produkte umzusteigen."

"Es riecht wie ein Aschenbecher"

Die Konkurrenz ist nicht so enthusiastisch. "Da ist eine Menge schwarzer Dreck im iQOS-Gerät nach dem Benutzen. Es riecht wie ein Aschenbecher", spottete Steve Stotesbury, langjähriger E-Zigarettenentwickler von Imperial Tobacco ("West"). "Lucky-Strike"-Hersteller British American Tobacco hingegen zieht nach - und hat gerade einen eigenen Tabakerhitzer namens "Glo" auf den Markt gebracht. Das Gerät wird zunächst nur im technikaffinen Japan angeboten: dem Lieblingstestmarkt vieler Konzerne.

Nun übernimmt British American Tobacco (BAT) für 50 Milliarden Dollar komplett den Konkurrenten Reynolds. Auch der "Camel"-Hersteller tüftelt an Produkten, die den Tabak erhitzen, aber nicht verbrennen. Vor einigen Monaten ist Reynolds mit der Markteinführung von "Revo" gescheitert: einer Hybrid-Zigarette, an deren Spitze ein heißes Stückchen Kohle verglimmt. Den Rauchern schmeckte "Revo" nicht. Gut möglich, dass BAT nun einen neuen Versuch mit einer leicht modifizierten Variante startet. Denn auch Philip Morris entwickelt ein ähnliches Produkt.

glo-E-Zigarette von British American Tobaccos
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glo-E-Zigarette von British American Tobaccos

Auch die Konsumenten sind geteilter Meinung. Philip Scheck etwa, Betreiber des E-Zigaretten-Testportals liquidhimmel, dessen YouTube-Videos mehr als zehn Millionen mal abgerufen wurden, sagt zu iQOS: "Der Geschmack ist für mich unterirdisch." In Japan indes hat die Hybrid-Kippe binnen Kürze fast fünf Prozent des gesamten Tabakmarktes erobert. Ein sensationeller Wert, denn viele Raucher sind ihrer Marke treu bis in den Tod.

In Deutschland wird das Produkt bisher in Berlin, München und der Region Frankfurt-Wiesbaden angeboten. Demnächst soll es bundesweit verkauft werden. Die Philip-Morris-Lobbyisten haben exzellente Vorarbeit geleistet. Obgleich ihre Tabakstummel im Verkauf ähnlich teuer sind wie herkömmliche Marlboros, bleibt für den Konzern mehr übrig. Denn der deutsche Staat besteuert die "Heets" nur wie Pfeifentabak - weil man, so heißt es, sie nicht direkt rauchen könne. Das heißt: Pro Zwanziger-Schachtel muss Philip Morris nach eigenen Angaben 2,38 Euro weniger abführen. Und: Schockfotos verfaulender Füße, bluthustender Frauen oder krebsbefallender Lungen müssen die Stummel-Verpackungen auch nicht zeigen. Wegen der Einstufung als Pfeifentabak.

Den Heiligen Gral der Zigarettenindustrie hat der Branchenführer zwar noch nicht gefunden. Und doch ist sein Produkt in vieler Munde. Denn wenn es um clevere Vermarktung und Einflussnahme geht, macht niemand Philip Morris etwas vor. Außer vielleicht Apple.



insgesamt 3 Beiträge
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max-mustermann 19.01.2017
1.
Unglaublich welche riesen Summen hier für so einen völlig überflüssigen Unsinn ausgegeben werden.
realplayer 19.01.2017
2.
Stimmt - irgendwann ist die Sucht überwunden und man ärgert sich über das viele verrauchte Geld.
3770 21.01.2017
3. Das dient nur der Profitmaximierung und der Marktbereinigung.
Wenn die normale Zigarette zugunsten dieser Nikotinluftbefeuchter abgeschafft werden soll, dient das nur der Profitmaximierung und der Marktbereinigung. Kleinere Firmen werden sich den Entwicklungsaufwand nicht leisten können und dürfen aus patentrechtlichen Gründen vermutlich auch keine alternativen Tabaksticks entwickeln. Außerdem bindet PM den Kunden damit noch stärker an seine Marke, der ja sonst auf die Idee kommen könnte, auch mal an einer Zigarette der Konkurrenz zu nuckeln. Nach zwei Wochen mit iQos kann ich nur sagen: Als Raucher halte ich davon nix. Es schmeckt nicht - da mögen andere anderer Meinung sein, bitteschön. Der lauwarme, fade Dunst erinnert an eine Wasserpfeife, und das meine ich nicht als Kompliment. Die Handhabung mit den sechs Minuten Akku-Wiederaufladen nach jeder Kippe ist umständlich. Mein Tabakhändler hat mir von anderen Kunden erzählt, die sich zwei so Dinger gekauft haben, weil ihnen die Zwangspause gestunken hat. Stichwort Gestank: Angeblich riecht es in der Wohnung weniger nach kaltem Rauch, was so nicht stimmt - es riecht anders, aber kein Stück bessser, und ich rauche ohnehin selten mehr als fünf, sechs Stück am Abend. Und der kalte Rauch am nächsten Tag ist wirklich eklig. Darum darf man die Dinger natürlich auch in keinem Restaurant und in keiner Kneipe benutzen. Das Rauchen selbst ist ziemlich gewöhnungsbedürftig, man muss an dem Ding ziehen wie ein Pferd und kann nicht erkennen, wie weit die Kippe schon abgebrannt ist, weil erst 30 Sekunden vor Ende eine kleine Lampe warnt. Für unterwegs ist das Ganze zusätzlich recht unhandlich, die Ladebox ist so groß und schwer wie ein Handy, dazu braucht man die kleine Schachtel mit den Glühstäbchen, und dann sollte man die Akkubox gut aufgeladen haben, bevor man das Haus verlässt. Ehrlich, wenn das die Zukunft des Rauchens sein soll, dann höre ich lieber auf oder steige auf Zigarren um.
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