Reform der Finanzbranche Londons Banker entgehen dem Boni-Pranger

Mehr Transparenz, mehr Kontrolle, weniger Gehaltsexzesse - die Ziele der britischen Bankenreform waren ambitioniert. Doch die Veröffentlichung der Top-Verdiener ist jetzt kein Thema mehr. Finanzmanager reagieren erleichtert, Politik und Beobachter sprechen von einer "krachenden Enttäuschung".
Londoner Bankenviertel Canary Wharf: Zwei zu null für die Banker

Londoner Bankenviertel Canary Wharf: Zwei zu null für die Banker

Foto: Toby Melville/ REUTERS

Sir David Walker hatte keine leichte Aufgabe. Als der Karrierebanker im Februar vom britischen Premier Gordon Brown beauftragt wurde, Reformvorschläge für den Bankensektor auszuarbeiten, kam sofort der Einwand, dass ein Insider wie Walker nicht die nötige Distanz besitze. Brown mache den Bock zum Gärtner, hieß es.

Nun hat Walker, ein 69-jähriger früherer Morgan-Stanley  -Aufsichtsratschef, seinen 167 Seiten starken Abschlussbericht mit Hunderten von Einzelvorschlägen vorgelegt. Und die Kritiker fühlen sich bestätigt. Von einer "krachenden Enttäuschung" sprach der "Guardian". Im Spiel Banker gegen Öffentlichkeit stehe es nun zwei zu null für die Banker.

In der Kernfrage der Banker-Entlohnung hat Walker nämlich darauf verzichtet, zu verlangen, dass jede Bank künftig ihre 20 Top-Verdiener mit Namen öffentlich benennen muss. Diese Forderung hatte unter anderem der Finanzstaatssekretär Lord Myners erhoben. Er sah dies als einzig effektiven Weg, die Gehaltsexzesse zu unterbinden und die Bonuskultur der Banker nachhaltig zu ändern. Walker hingegen argumentiert, es bringe nichts, einzelne Banker an den Pranger zu stellen.

Bonus

Stattdessen sollen die Banken künftig nur mitteilen müssen, wie viele Mitarbeiter je mehr als eine Million, mehr als 2,5 Millionen und mehr als fünf Millionen Pfund im Jahr verdienen. Es soll veröffentlicht werden, in welchen Bereichen diese Mitarbeiter arbeiten, und wie sich das Gesamtgehalt auf Festgehalt, und Pensionszahlungen verteilt. Diese Transparenzregeln sollen nicht freiwillig sein, sondern gesetzlich festgeschrieben werden. Die Brown-Regierung hat bereits angekündigt, die Walker-Empfehlungen eins zu eins umsetzen zu wollen.

"Naming and Shaming" gegen Exzesse

Die Vorschläge sind zweifellos ein Schritt zu größerer Transparenz. Im Vergleich zur bisherigen Regelung hat Walker die Zügel angezogen. Mindestens die Hälfte der Boni müssen künftig an den langfristigen Erfolg des Unternehmens geknüpft sein, die Ausschüttung soll über fünf Jahre gestreckt werden. Der Vorsitzende des Entlohnungsausschusses muss sich fortan jedes Jahr zur Wiederwahl stellen: Wenn 25 Prozent der Aktionäre seine Gehaltspolitik als exzessiv empfinden, muss er zurücktreten.

Doch unterm Strich herrscht der Eindruck vor, dass Walker nicht weit genug gegangen ist. Wozu genau soll die Information dienen, wie viel tausend Goldman-Sachs  -Banker mehr als eine Million Pfund im Jahr verdienen?

Selbst die "Financial Times" zeigte sich enttäuscht. In der "Lex"-Kolumne hieß es, Walkers Millionengrenze sei von keinem großen Nutzen. Sein Argument, das "Naming and Shaming" von Bankern bringe nichts, sei schwach. Die Regierung solle nun darauf drängen, dass die Top-Verdiener aller Banken namentlich bekannt gemacht würden. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass die Regierung von Walkers Empfehlungen abweichen wird.

In der Londoner City wurde aufgeatmet. Statt des "Wutgeheuls", das Walker prophezeit hatte, zeigten sich die Banker über seinen Bericht eher erleichtert. "Naming and Shaming" sei eine große Sorge gewesen, sagte ein Banker der "Financial Times". Aber mit der Veröffentlichung der Gehaltsbandbreiten könne man leben.

Mega-Gehälter im Schutz der Anonymität

Die größte Bedrohung ist aus Sicht der Banker damit abgewehrt. Mit dem Verlust der Anonymität wäre es schwierig geworden, so manches Mega-Gehalt zu rechtfertigen. Nun müssen sie ihr Verhalten nicht ändern. Finanzstaatssekretär Lord Myners hatte sich in einer Rede am Mittwoch bitter über die "Blechohren" der Banker beklagt. Er sei jedes Mal wieder verwundert, wenn er mit Leuten in der City rede, wie groß selbst in verstaatlichten Banken der Widerstand gegen Gehaltsdiskussionen sei, sagte er.

Royal Bank of Scotland

Am Montag erst hatte Chris Kyle, Chief Financial Officer der  , für Aufsehen gesorgt, als er sagte, er sehe nicht ein, warum die Bankenbranche eine Sonderbehandlung bekommen solle. Die Äußerung aus der Chefetage der RBS hatte Kopfschütteln hervorgerufen, weil die Bank im vergangenen Jahr den größten Verlust der britischen Unternehmensgeschichte eingefahren hatte und nur durch zig Milliarden Steuergelder gerettet werden konnte. Das Institut gehört inzwischen zu 84 Prozent dem Staat.

Die anderen Vorschläge Walkers wurden größtenteils als vernünftig begrüßt. Sie unterscheiden sich unwesentlich von seinem Zwischenbericht im Juli. Walkers Kernforderung lautet, die Aufsichtsräte zu stärken, um Risiken in Banken frühzeitig zu erkennen. In der Vergangenheit sei der CEO zu selten kritisiert worden, heißt es in dem Bericht. Wenn ein CEO keine Kritik mehr an sich heranlasse, werde er zu einem Risiko für das Unternehmen und müsse gefeuert werden.

In der Frage, wie viel Zeit Aufsichtsratsmitglieder künftig auf ein Unternehmen verwenden müssen, verwässerte Walker allerdings seine ursprünglichen Empfehlungen. Im Juli hatte er darauf bestanden, dass selbst amtierende Vorstandsvorsitzende volle 30 Tage pro Jahr für ein anderes Unternehmen einplanen müssen, wenn sie dort im Aufsichtsrat sitzen. Nach Beschwerden aus der Wirtschaft ruderte er nun zurück und räumte ein, dass dies unpraktikabel sei.

Finanzstaatssekretär Lord Myners sagte, der Reformkatalog werde wohl kaum den Volkszorn über die Banker besänftigen, aber zumindest den Schutz vor künftigen Krisen verbessern.