Regional-Airports in der Coronakrise Es geht kein Flug im Nirgendwo

Viele Regionalflughäfen werden seit Langem vom Steuerzahler gepäppelt. In der Coronakrise stehen Airports wie Rostock-Laage und Erfurt praktisch still. Doch die Politik hält an den teuren Prestigeobjekten fest.
Allgäu-Airport Memmingen: Wichtige Rolle für die regionale Wirtschaft?

Allgäu-Airport Memmingen: Wichtige Rolle für die regionale Wirtschaft?

Foto: Bernd Feil / MiS / imago images

Am Flughafen Rostock-Laage ist was los - und zwar samstags um 12.10 Uhr. Dann landet dort ein Regionalflieger der Lufthansa aus München. Um 12.50 Uhr startet er wieder, zurück nach München. Dann wird es wieder still am Regionalflughafen.

Die München-Maschine, 90 Sitzplätze, immer nur samstags, ist eine Ausnahmeerscheinung am Rostock Airport. Denn außer ihr lässt sich dort die ganze Woche über kein einziges Passagierverkehrsflugzeug mehr blicken. Die Coronakrise hat den Betrieb fast komplett zum Erliegen gebracht.

Flughafen Rostock-Laage: Ein Bild aus besseren Zeiten

Flughafen Rostock-Laage: Ein Bild aus besseren Zeiten

Foto: Jens Büttner / DPA

"Die Verunsicherung der Reisenden ist groß", sagt Geschäftsführerin Dörthe Hausmann dem SPIEGEL. Wegen der "ständigen Änderungen der Reisewarnungen" wüssten sie nicht, was sie bei ihrer Rückkehr nach Deutschland erwarte. Und die am vergangenen Donnerstag von Bund und Ländern beschlossene fünftägige Quarantänepflicht für Einreisende aus Risikogebieten sei "absolut kontraproduktiv, um die Nachfrage zu stabilisieren."

Das mag stimmen. Allerdings hielt sich die Nachfrage nach Rostock-Flügen bereits vor der Pandemie in Grenzen. 2019 verzeichnete der Flughafen nur noch 148.000 Gäste - halb so viele wie im Jahr zuvor. Schon seit Langem halten die Städte Rostock und Laage, der Kreis und das Land das dauerdefizitäre Unternehmen mit Zuschüssen in Millionenhöhe am Leben. Wegen Corona brauchte der Rostock Airport nun nochmals 750.000 Euro Sonderkapitalspritze.

Rostock ist nicht der einzige deutsche Regionalflughafen mit Passagier- und Flugzeugschwund. In Kassel-Calden sollen in den ersten sieben Septembertagen laut Flugplan insgesamt exakt fünf Verkehrsmaschinen starten und landen, in Erfurt sieben, in Friedrichshafen zehn. Und beim Paderborn-Lippstadt Airport wird offen über eine Insolvenz in Eigenverantwortung diskutiert - nachdem die Fluggastzahlen im bisherigen Jahresverlauf um 83 Prozent gesunken sind. "Viele dieser Flughäfen haben bereits vorher geschwächelt", sagt Gerald Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. "Und dann kam Corona."

"Da werden Steuergelder verbraten"

Regionalflughäfen sind berüchtigt als Subventionsgräber. "Landratspisten" nennt sie der Volksmund: weil viele von ihnen einst von prestigesüchtigen Lokalpolitikern beschlossen wurden. "Es gibt viel zu viele Regionalflughäfen in Deutschland. Die braucht kein Mensch", kritisiert Björn Bohlmann, Verkehrsexperte des Beratungshauses Horváth & Partners. "Außer Politikern, die den Wählern so demonstrieren wollen, dass sie etwas tun für die Region."

Mindestens zwei Millionen Passagiere pro Jahr brauche ein Flughafen in Normalzeiten, um wirtschaftlich zu arbeiten, sagt Wissel. "Was darunterliegt, ist hochdefizitär und ein Zuschussbetrieb. Da werden Steuergelder verbraten." Feuerwehr, Security, Gepäck, der Tower- und eventuell die Zollabfertigung - all das muss betrieben und einsatzbereit gehalten werden. 2019 verzeichneten allerdings nur vierzehn deutsche Flughäfen mehr als zwei Millionen Gäste. Nicht aber Dresden, Friedrichshafen, Karlsruhe, Paderborn, Münster. Ganz zu schweigen von Saarbrücken, Erfurt oder Rostock.

Und: 2020 sind die Besucherzahlen bislang um 56 bis 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Der Flughafen Erfurt etwa registrierte in den ersten sieben Monaten nur 15.407 Gäste. Rostocks Airport-Chefin Hausmann will oder kann keine aktuellen Passagierzahlen nennen.

"Corona wird den Luftverkehr langfristig prägen. Er wird womöglich erst wieder in fünf Jahren das Niveau vor Corona erreichen", sagt Berater Bohlmann. Für viele Regionalflughäfen könne das eine Dauerflaute bedeuten - die dann wieder mal die Steuerzahler finanzieren müssten. Bohlmann sagt: "Dieses Geld könnte man volkswirtschaftlich viel sinnvoller einsetzen: Indem man es in die Schienen- und Straßenanbindungen der jeweiligen Region investiert."

Gerade sorgt eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) für Aufruhr unter den Flughafenbetreibern. Sie untersuchte im Auftrag des Umweltverbands BUND 14 Regionalflughäfen auf deren Wirtschaftlichkeit, Bedeutung für die Verkehrsanbindung, Klimaschutz sowie die Passagierentwicklung. Ihr zufolge erwirtschafteten zwölf der 14 Airports nach dem Abzug von Subventionen "anhaltend negative Jahresergebnisse". Die Umweltschützer fordern, sieben sogenannte Zombie-Flughäfen zu schließen: Erfurt, Hahn, Kassel, Weeze, Paderborn, Rostock und Saarbrücken.

Die Branche ist entrüstet. "Ideenlos, kurzsichtig und oberflächlich" sei die Untersuchung, sagt Ralf Schmidt, Chef des Flughafens Memmingen und Präsident der "Interessengemeinschaft der regionalen Flugplätze e.V." Sie ignoriere unter anderem die "wichtige Rolle" der Regionalflughäfen für die oft mittelständische Wirtschaft, die nicht in Ballungszentren zu Hause sei. Ähnlich argumentiert der Verband Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen. Kleinere Flughafenstandorte trügen zu gleichwertigen Lebensverhältnissen für die Bevölkerung bei - und seien für international tätige Unternehmen ein wichtiger Standortfaktor.

Tatsächlich nutzen Großunternehmen vor Ort die Regionalflughäfen gern für ihre Firmenflugzeuge "Aber viele Corporate Jets könnten auch auf Flughäfen mit Sportflugplatzcharakter starten", meint Berater Bohlmann. Gerald Wissel von Airborne Consulting sagt: "Mit den Einnahmen durch die Geschäftsflugzeuge können Sie keinen Flughafen betreiben. De facto werden die Unternehmen hier durch die Steuerzahler subventioniert."

Das sieht Sebastian Dette ähnlich, der Präsident des Thüringer Landesrechnungshofes. Er bezeichnete es vergangene Woche als "überhöhte Kirchturmpolitik, dass jedes Bundesland seinen eigenen Flughafen hat". Dette stellte den Weiterbetrieb von Erfurt infrage. "Das Land kann nicht völlig am Bedarf vorbei jährlich Millionenbeträge als Liquiditätshilfe zahlen - und das mit steigender Tendenz", sagte Dette. Es müsse nach einer zusätzlichen Nutzung gesucht werden. Notfalls müsse man den Flughafen stilllegen.

Doch das wird nicht passieren. Nach Dettes Äußerungen sagte Thüringens Verkehrsminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), es gehe nicht darum, über eine Stilllegung nachzudenken, sondern über die Sicherung der Arbeitsplätze. Die CDU-Fraktion im Landtag erklärte, das Geld des Landes für den Flughafen sei "sinnvoll investiert". Und auch andere Airports wie Kassel-Calden, Saarbrücken oder Rostock können sich weiter auf Staatshilfe verlassen. "Die Politiker geben lieber Millionen an Subventionen aus, als bestimmte Wählergruppen zu verprellen", sagt Kritiker Bohlmann.

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In Rostock-Laage arbeitet Dörthe Hausmann an einem neuen Geschäftsmodell namens "Innovation Airport". Unter anderem sollen auf dem Flughafen-Vorfeld künftig autonom fahrende Vorfeld-Fahrzeuge getestet werden, erzählt sie. Auch Hausmann hat sich über die BUND-Studie geärgert. "Man muss davon wegkommen, Flughäfen anhand der Passagierzahlen zu beurteilen", meint sie. "Das sagt doch überhaupt nichts über die Innovationskraft aus."

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