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07. Oktober 2014, 18:12 Uhr

Von Quandt bis Oetker

Das sind die reichsten Deutschen

Von manager-magazin-Redakteur Christoph Neßhöver

Deutschlands Reiche werden dank Immobilienboom und Börsenrallye immer reicher, wie die neueste Rangliste des manager magazin zeigt. Die zehn vermögendsten Unternehmer und Familien im Überblick.

Platz 1: Stefan Quandt, Johanna Quandt und Susanne Klatten
31 Milliarden Euro (BMW, Altana, Delton, SGL Carbon)

Keine deutsche Familie hat ein größeres Vermögen aufgebaut als die Quandts. Den Grundstock erwirtschafteten ihre einst aus den Niederlanden nach Brandenburg gewanderten Vorfahren als Tuchweber. Nach Episoden unappetitlicher Paktiererei mit den Nationalsozialisten mehrten die Brüder Herbert und Harald in der aufstrebenden Bundesrepublik das Familienvermögen auf schwindelerregende Weise.

Vor allem von Herbert Quandts vielleicht riskantester Investition profitieren seine Kinder Stefan (48) und Susanne (52) sowie seine Witwe Johanna (88) bis heute: 1960 beteiligte sich Herbert Quandt am damals todgeweihten Autobauer BMW . Heute halten die drei Quandts zusammen 46,7 Prozent an dem Weltkonzern, aktueller Marktwert: rund 25 Milliarden Euro. In guten Jahren bewegt sich allein schon die Summe der Dividende im mittleren dreistelligen Millionenbereich.

Dazu kommen noch der Chemiekonzern Altana , Anteile an den Industriekonzernen SGL Group Carbon und Nordex (alles Susanne Klatten) sowie die Beteiligungsgesellschaft Delton von Bruder Stefan. Der hat sich kürzlich auch noch bei der BHF-Bank eingekauft.

Platz 2 - Familien Albrecht und Heister
18,3 Mrd. Euro (Aldi Süd, Einzelhandel, Immobilien)

Dass man es mit Sparen zu einem erstaunlichen Vermögen bringen kann, beweisen seit jeher die Albrechts mit ihrem Aldi-Discount-Imperium. In dem spart nicht nur der Kunde, weil fast alles so billig ist, auch der Händler spart, weil alles so schlicht daherkommt.

Aus diesem Rezept erschufen Karl und Theo Albrecht ihr Reich, das sie bereits früh in Süd (Karl) und Nord (Theo, Platz 4) trennten, um einander nicht ins Gehege zu kommen. Inzwischen sind die beiden verstorben, Theo verschied 2011, Karl im Juli 2014, und die Nachfahren müssen es alleine richten.

Bei Aldi Süd sind das vor allem die Sprösslinge von Karls Tochter Beate Heister, besonders Peter Max Heister (38), der bald an die Spitze von Firma und Familie rücken könnte. Seine Aufgabe ist etwas kommoder als die des nördlichen Familienzweigs, denn über die Jahre walteten Karl und seine Geschäftsbesorger in der Zentrale in Mülheim an der Ruhr umsichtiger als die Kollegen in Essen. So brachte es Aldi Süd nach letzter Schätzung auf 38 Milliarden Euro Umsatz, Aldi Nord nur auf vergleichsweise bescheidene 28 Milliarden.

Eines dürfte sich auf jeden Fall nicht ändern: Die jeweiligen Unternehmensanteile haben beide Stämme schon vor Urzeiten fest in Stiftungen gebunkert, das sichert die Unabhängigkeit und schont so die Nerven - und spart auch noch Steuern.

Platz 3 - Georg und Maria-Elisabeth Schaeffler
17,6 Milliarden Euro (Schaeffler, Herzogenaurach; Continental, Hannover)

Es ist erst ein paar Jahre her, da schienen Mutter und Sohn Schaeffler vermögensmäßig fast am Ende zu sein. Die Übernahme des Reifen- und Autoteilekonzerns Continental durch den viel kleineren Wälzlagerhersteller Schaeffler unmittelbar vor der Finanzkrise erwies sich wie ein Griff in ein fallendes Messer. Die Schulden drohten die Schaefflers zu überrollen. Aber sie haben sich - dank etwas Glück und viel Chuzpe - wieder berappelt.

An Conti halten die Schaefflers nun 46 Prozent, die eigene Firma durften sie komplett behalten, und weil die Geschäfte bei beiden zuletzt prächtig liefen, schnellte das Familienvermögen in Richtung der 20-Milliarden-Euro-Marke (wobei die Schulden von immer noch fast zehn Milliarden Euro natürlich bereits abgezogen sind). Georg Schaeffler (49) hält übrigens 80 Prozent, seine Mutter nur noch 20 Prozent an der gemeinsamen Holding. Für die standesgemäße Hochzeit von Maria Elisabeth Schaeffler (73) mit Ex-BDI-Präsident Jürgen Thumann (73) in Kitzbühel im Sommer hat es dennoch gereicht.

Platz 4 - Familie Theo Albrecht Jr.
16,5 Milliarden Euro (Aldi Nord, Einzelhandel, Immobilien)

Die nördlichen Aldis machten seit dem Tod von Aldi-Nord Lenker Theo Albrecht im Jahr 2011 mehr von sich reden als einer diskreten Krämerseele eigentlich lieb sein kann. Grund für die öffentliche Aufmerksamkeit war nicht etwa, dass das Kartellamt den Albrechts zugesetzt hätte (wie es manche Lieferanten seit Jahren erbitten). Auslöser war die Begeisterung des 2012 verstorbenen Aldi-Nord-Erben Berthold Albrecht für edle Kunst und alte Automobile. Ein umtriebiger Geschäftsvermittler aus Düsseldorf soll ihm und seinem Stamm überhöhte Rechnungen für diverse Lustkäufe zugestellt haben. Angeblicher Schaden: mehrere Millionen Euro.

Als das herauskam, ging Babette Albrecht (54), Bertholds Witwe, juristisch in die Vollen. Den verdächtigten Berater, der alles abstreitet, brachte das in Untersuchungshaft. Alles Weitere liegt nun bei Staatsanwälten und Richtern. Die familienfremden Sachwalter von Aldi Nord schicken sich unterdessen an, den arg in die Jahre gekommenen Markenauftritt aufzuhübschen, etwa durch mehr und frischeres Obst und Gemüse im Regal. Klingt zwar gesund, wird aber kaum reichen, um den Rückstand auf Aldi Süd irgendwann mal aufholen zu können.

Platz 5 - Dieter Schwarz
14,5 Milliarden Euro (Lidl, Kaufland, Neckarsulm)

Während bei den Albrechts und Heisters die Rabattgeschäfte zuletzt eher voranschlichen statt -stürmten, legt Dieter Schwarz (75) mit seinen Marktketten Lidl und Kaufland nach wie vor ein atemberaubendes Tempo hin - offline, und zunehmend auch online. Fast 10.000 Filialen spielten im vergangenen Geschäftsjahr 74 Milliarden Euro Umsatz ein, in nur zwei Jahren sind somit zehn Milliarden Euro hinzugekommen.

Über den Gewinn lässt Schwarz Freund und Feind seit jeher nur spekulieren. Dass es in der Führung seiner Unternehmensgruppe im Frühjahr Unruhe gab, weil der langjährige Lidl-Boss Karl-Heinz Holland sehr plötzlich abtrat, dürfte dem diskreten Schwarz zwar nicht gefallen haben. Auch hat man (erneut) den Einstieg in den US-Markt verschoben, dieses Mal bis 2018. Andererseits bietet Amerika dem Discounter noch die Wachstumsperspektiven, die daheim in Europa angesichts der Filialdichte immer rarer werden. Was sind da schon drei Jahre?

Platz 6: Familie Reimann
14 Milliarden Euro (JAB Holdings [Luxemburg], Coty [USA], Reckitt Benckiser [Großbritannien])

Auch Erben will gekonnt sein. Den verschwiegenen und äußerst öffentlichkeitsscheuen Reimanns gelingt das aufs Vortrefflichste. Das Vermögen ihrer Vorväter - Mitte des 19. Jahrhunderts hatten Karl Ludwig Reimann und Johann Adam Benckiser in Ludwigshafen eine Chemiefabrik gegründet - haben sie überaus clever gemehrt.

Dafür gibt es nichts, was sie nicht täten: Mal wird fusioniert, mal verkauft, mal an die Börse gebracht, mal eine komplett neue Branche aufgerollt - was eben gerade geboten erscheint, um die Renditen immer wieder aufs Neue zu optimieren.

So gehören den Reimanns heute elf Prozent am Konsumgütergiganten Reckitt Benckiser (Calgon, Kukident, Clearasil), aber auch stattliche Anteile am Parfümriesen Coty sowie diverse Luxusmarken wie Jimmy Choo, Bally und Belstaff.

Nicht überall läuft es rund, aber es gibt ja so viele spannende Branchen: Zuletzt hat die familieneigene JAB Holdings zum Sprung an die Spitze des weltweiten Marktes mit Kaffee angesetzt. Die vier Reimann-Familien (mit zehn Kindern) sind übrigens selbst weniger unternehmerisch tätig, aber sie haben offenbar ein gutes Händchen für die Auswahl patenter Führungskräfte.

Platz 7 - Michael, Wolfgang, Petra und Ingeburg Herz
Elf Milliarden Euro (Maxingvest, Tchibo, Beiersdorf, Hamburg)

Ein kryptisches Testament war es, was die Hamburger Händlerfamilie Herz schlussendlich auseinandertrieb. Tchibo-Gründer Max Herz starb schon anno 1965 mit 59 Jahren und hatte lediglich verfügt, dass zwei seiner "befähigsten Jungen" sein Werk fortführen sollten. Er und seine Ingeburg (94) hatten aber vier Söhne (und eine Tochter), die sie zudem im Geiste des unerbittlichen Wettbewerbs erzogen hatten, und so recht konnten sich die Jungs nie einigen, wer denn nun der Fähigste sei.

2001 kam es schließlich zum Knall, und Günter Herz (74), der nicht nur Tchibo großgemacht hatte, sondern auch bei Beiersdorf und Reemtsma groß eingestiegen war, ließ sich auszahlen und zieht mit Schwester Daniela seither eigene Kreise - durchaus erfolgreich übrigens.

Das Vermögen des Familienteils um Michael Herz (71) kreist vor allem um die traditionellen Investments Beiersdorf (51 Prozent) und Tchibo (100 Prozent). Den Tabakkonzern Reemtsma hatte man 2002 noch gemeinsam für fünf Milliarden Euro verkauft. Weil sich vor allem die Beiersdorf-Aktie in den vergangenen drei Jahren so freundlich entwickelte (plus 65 Prozent), ist dieser Teil des Herz-Vermögens zuletzt kräftig gestiegen.

Platz 8 - Familie Otto
9,5 Milliarden Euro (Otto Versand, ECE, Hamburg)

Vom einst so glorreichen deutschen Versandhandel ist nicht mehr viel übrig: Quelle ist tot, Neckermann nur noch ein Schatten seiner selbst. Allein die Otto-Gruppe schlägt sich noch wacker, was vor allem daran liegt, dass die Ottos seit jeher mit der Zeit gehen und schon früh diversifiziert haben. Mehr als 120 Unternehmen zählen sie zu ihren Besitztümern, darunter etwa den Paketdienst Hermes oder den Einkaufszentren-Betreiber ECE, die Gruppenumsätze erreichten zuletzt zwölf Milliarden Euro.

Erwehren muss sich Sippen- und Aufsichtsratschef Michael Otto (68) allerdings mehr und mehr den Internetriesen wie Amazon , weshalb die Ottos seit Langem fleißig ins Onlinegeschäft investieren, mittlerweile stammen 60 Prozent der Einzelhandelsumsätze von Otto aus dem Netz. Und es soll noch mehr werden, worum sich vor allem Michaels Sohn Benjamin (38), Enkel der 2011 verstorbenen Wirtschaftswunder-Ikone Werner Otto, kümmert. Ob der Junior mit Portalen wie "About you" den WWW-Giganten Paroli bieten kann, wird sich weisen. Gelingt es ihm, könnte es ihm aber auch seinen Weg an die Konzernspitze ebnen, die derzeit noch mit einem familienfremden Manager besetzt ist.

Platz 9 - Familie Würth
8,2 Milliarden Euro (Würth-Gruppe, Künzelsau)

Ganz Deutschland schwelgte im Juni und Juli im Fußball-WM-Rausch und fieberte mit Jogis Jungs mit. Aber Reinhold Würth (79), der knorrige Herr über (fast) alle Schrauben, die die Welt zusammenhalten, knarzte drohend, er sorge sich um die Produktivität im Land, denn nun würde ja sogar möglicherweise während der Arbeitszeit Fußball geguckt. Und all die Außendienstler, die Würths Befestigungswerkzeuge unters handwerkende Volk bringen, lassen sich eh schon so schwer kontrollieren!

Gemach: Seinen globalen Geschäften, die Würth seit eh und je aus seiner Heimat Künzelsau betreibt, haben die regelmäßigen Groß-Fußballturniere bisher nur wenig geschadet. Der Umsatz wird bald die Zehn-Milliarden-Euro-Marke nehmen, die Eigenkapitalquote liegt bei satten 42 Prozent, und das Betriebsergebnis betrug 2013 fröhliche 445 Millionen Euro. Und auch in der WM konnte Würth immerhin einen Hoffnungsschimmer erkennen: "Das einzig Gute ist, dass es der Konkurrenz ja dann genauso geht." Konkurrenz? Welche Konkurrenz?

Platz 10 - Familie Oetker
7,7 Milliarden Euro (Oetker, Bankhaus Lampe, Reederei Hamburg Süd)

Einen wahrhaft bunten Mischkonzern haben sich die Oetkers von ihrem Heimatsitz Bielefeld aus über die Jahrzehnte zusammengekocht: Von Pizza und Pudding à la Dr. Oetker über Biermarken wie Radeberger und Geldgeschäfte (Bankhaus Lampe) bis hin zur weltumspannenden Reederei Hamburg Süd sind sie vermögensmäßig ausgesprochen breit aufgestellt. Damit schaffen sie es auf Platz 10 im Ranking der 500 reichsten Deutschen

Das federt Risiken ab, hilft aber auch nicht, wenn es - wie zuletzt - in fast allen Sparten wenig Grund zum Jubeln gibt. Der Umsatz stagnierte 2013 ärgerlicherweise bei elf Milliarden Euro. Dazu lähmte auch noch ein Familienzwist die unternehmerische Schaffenskraft: Die alten Oetkers namens Richard (63) und August (70), die am Ruder sind, wollten die Jungen um Rebell Alfred (47) nicht recht ranlassen. Man ward so tief verkracht, dass sogar eine Teilung des Familienreiches erwogen wurde. Zuletzt kam aber wieder etwas Bewegung in die Reihen: Man erwarb eine chilenische Reederei und einen US-Pizza-Bäcker. Und eine Nachfolgeregelung soll auch bald endlich gefunden werden - im Konsens.

Die 100 reichsten Deutschen besitzen zusammen einen Wert von rund 400 Milliarden Euro, ein Plus von knapp 19 Prozent. Die Top 500 bringen es auf 611 Milliarden Euro, ein Plus von 15,8 Prozent. Hinter den Zahlen verbergen sich aufregende Geschichten - über kluge Investoren und Hasardeure, kauzige Patriarchen und kernige Powerfrauen. Lesen Sie alles Wissenswerte über die reichsten Deutschen im neuen manager magazin Spezial.

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