Neustart für den Telekom-Chef Alles Ziggo für Obermann

René Obermann macht jetzt in - was? Der Telekom-Chef wechselt von einem Koloss zum kleinen niederländischen Kabelbetreiber Ziggo. Ein logischer Schritt.

Noch-Telekom-Chef Obermann: Will wieder "näher am Maschinenraum" arbeiten
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Noch-Telekom-Chef Obermann: Will wieder "näher am Maschinenraum" arbeiten

Von manager-magazin.de-Redakteur


Hamburg - Carlos Slim wird aufmerksam registrieren, wie sich René Obermann in seinem neuen Job macht. Aus der Perspektive des reichsten Mannes der Welt stellt der Wechsel des 50-Jährigen von der Deutschen Telekom zu Ziggo weniger den Rückzug eines amtsmüden Top-Managers in eine obskure Nische dar als vielmehr den nächsten Angriff eines der aggressivsten Konkurrenten.

Denn Slims Firma América Móvil hat seit dem Sommer vier Milliarden Euro in den niederländischen Telekomkonzern KPN Chart zeigen investiert - mehr, als das ganze Unternehmen heute noch an der Börse wert ist. Im Heimatmarkt kämpft der einstige Monopolist vor allem mit den Kabelnetzbetreibern, die neben Fernseh- über ihre existierenden Netze auch billige Telefon- und Internetdienste anbieten - in erster Linie mit Ziggo Chart zeigen.

"Es ist gut, dass Obermann Erfahrung in Festnetz- und mobilen Diensten hat, da Ziggo ein Mobilprodukt plant, das einer seiner wichtigsten Wachstumstreiber werden könnte", begrüßt Analyst Emmanuel Carlier von der an Ziggo beteiligten Großbank ING die Personalie.

In Deutschland wird der Wechsel bisher vor allem unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Karriereplanung Obermanns betrachtet, der seit sieben Jahren an der Spitze eines der größten deutschen Konzerne steht. "Ich werde mehr Zeit für das operative Geschäft haben, als das heute als Chef eines solch großen Konzerns wie der Telekom Chart zeigen für mich möglich ist. Das war mein Ziel", schrieb Obermann am Donnerstag im internen Firmennetzwerk. Von Bonn zum neuen Firmensitz in Utrecht sei es zwar nicht weit, "aber doch ein großer Schritt - ein anderes Land, andere Herausforderungen und eine andere Arbeitsweise".

"Näher am Maschinenraum" wolle er arbeiten, hatte Obermann zuvor bereits seinen Rückzug begründet. Dass Obermann künftig nur 3000 Beschäftigte dirigiert statt (inzwischen nur noch) 230.000, wäre demnach ein Vorteil. Mehr noch dürfte ihn locken, dass die niederländische Firma mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz auf stetiges Wachstum in ihrer fünfjährigen Geschichte zurückblickt, während Obermann im jüngsten Geschäftsbericht des 58-Milliarden-Konzerns Telekom schon mit Stolz vermelden musste, dass sich "der organische Umsatzrückgang reduzierte".

Die Ziggo-Aktie stieg in nur einem Jahr um 44 Prozent

Ärger mit Aufsichtsbehörden, aufwendige Sparpakete, milliardenschwere Altlasten - all das würde der Vergangenheit angehören. An den Börsenkursen lässt sich der Kontrast besonders stark ablesen. Seit die Finanzinvestoren Warburg Pincus und Cinven den aus verschiedenen lokalen Kabelbetreibern zusammengelöteten Betrieb vor einem knappen Jahr aufs Parkett brachten, stieg der Kurs um 44 Prozent. Ähnlich stark ging es mit Kabel Deutschland Chart zeigen aufwärts, ebenso wie mit dem weltgrößten Kabelanbieter Liberty Global Chart zeigen, dessen Europazentrale in den Niederlanden sitzt, wo die Tochter UPC die Nummer zwei hinter Ziggo darstellt - dank abgegrenzter Marktgebiete nahezu ohne direkte Konkurrenz.

Während die alteingesessenen Telekomkonzerne fast ausnahmslos von Schwindsucht befallen sind, rollen die Kabelbetreiber den Markt auf. Liberty Global hat sich mit Milliarden in den Benelux-Staaten, den Alpenländern, Osteuropa und auch in Deutschland (mit den Kabelbetreibern in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen) eingekauft. Im Februar kündigte der US-Konzern mit einem 23,3-Milliarden-Dollar-Gebot für Virgin Media den ganz großen Sprung an - zum größten Breitbandanbieter der Welt. Auch Ziggo wird als Übernahmekandidat gehandelt - womit für Obermann künftig eine Prämie herausspringen könnte.

Das liegt auch an der Kostenstruktur: Mit Fernsehkabeln, die bereits weitgehend abgeschrieben unter der Erde liegen, lassen sich billig auch schnelle Verbindungen für Internet und Telefon anbieten. Deutsche Telekom und Co. dagegen müssen nach Jahren, in denen sie ihre Kunden an sinkende Preise und ihre Aktionäre an stabile Dividenden gewöhnt haben, plötzlich Milliardenbeträge in neue Technik wie Glasfaser- oder LTE-Netze investieren.

Ein Spaziergang wird Obermanns Job in Utrecht dennoch nicht. "Das Erlösmomentum hat in den vergangenen Quartalen enttäuscht", registrieren die Analysten von JP Morgan - der Bank, die Ziggos Börsengang federführend begleitete. Nach regelmäßigen Wachstumsraten von sechs bis zehn Prozent ging es in der zweiten Jahreshälfte 2012 nur noch mit einem Prozent voran.

Die JP-Morgan-Leute zeigen sich jedoch überzeugt, dass Ziggo den Trend in diesem Jahr wieder wenden werde. Das Management könne mit klaren Maßnahmen reagieren oder habe das bereits getan. Für die Zukunft aber wichtiger: "Ziggo hat noch kein Mobilfunkprodukt." Im Dezember stieg das Konsortium aus Ziggo und dem anderen großen Kabelbetreiber UPC aus der Versteigerung niederländischer Funklizenzen aus - zu teuer. Am Ball blieben dagegen Schwergewichte wie T-Mobile.

Eigentlich heißt die Vorgabe aus Bonn, die Deutsche Telekom wolle sich aus europäischen Märkten zurückziehen, in denen sie nur Mobilfunk und nicht auch Festnetz anbietet. In der vergangenen Woche weichte Europachefin Claudia Nemat diese Linie jedoch auf: Man sei offen für Kooperationen mit Festnetzanbietern in diesen Märkten.

Vielleicht ja mit René Obermanns Ziggo? Er bleibe "mit Haut und Haaren Telekomer", schrieb der Chef den Mitarbeitern am Donnerstag. Und "ganz ehrlich - ich werde meine Verbundenheit mit dem Unternehmen nie ablegen".



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Kohle&Reibach 07.03.2013
1. Warum bringen diese Manager
Zitat von sysopDPARené Obermann macht jetzt in - was? Der Telekom-Chef wechselt von einem Koloss zum kleinen niederländischen Kabelbetreiber Ziggo. Ein logischer Schritt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rene-obermann-warum-der-telekom-chef-zu-ziggo-geht-a-887524.html
nie was richtig zu Ende. Nur ihr eigenes Bankkonto ist hinterher gut saniert, ob gute oder schlechte Ergebnisse. Irgendwie sind das alles "Schauspieler".
ijf 07.03.2013
2. kohle&reibach
...Wenn man keine ahnung hat, einfach mal ... halten! Obermann kann man sicher einiges vorwerfen bezueglich der Unternehmensfuehrung der letzten Jahre, aber - wg seines Bankkontos hat er den Kärrner-Job sicher nicht gemacht! Das war nämlich in Folge eigener Unternehmerleistung in jungen Jahren schon praechtigst saniert, bevor er sich ins Irrenhaus Telekom locken liess!
Kohle&Reibach 07.03.2013
3. Ich glaube auch
Zitat von ijf...Wenn man keine ahnung hat, einfach mal ... halten! Obermann kann man sicher einiges vorwerfen bezueglich der Unternehmensfuehrung der letzten Jahre, aber - wg seines Bankkontos hat er den Kärrner-Job sicher nicht gemacht! Das war nämlich in Folge eigener Unternehmerleistung in jungen Jahren schon praechtigst saniert, bevor er sich ins Irrenhaus Telekom locken liess!
das er alles Ehrenamtlich gemacht hat.
perpetuum.mobile 07.03.2013
4.
D.h. BTW Telekomiker und nicht Telekomer...
Kohle&Reibach 07.03.2013
5. Naja Schwamm drüber
Zitat von ijf...Wenn man keine ahnung hat, einfach mal ... halten! Obermann kann man sicher einiges vorwerfen bezueglich der Unternehmensfuehrung der letzten Jahre, aber - wg seines Bankkontos hat er den Kärrner-Job sicher nicht gemacht! Das war nämlich in Folge eigener Unternehmerleistung in jungen Jahren schon praechtigst saniert, bevor er sich ins Irrenhaus Telekom locken liess!
jetzt darf der Nächste große Manager ran. :-)
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