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Fotostrecke: Die smarte Fabrik

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Energiewende Fabriken werden wetterfühlig

Die Industrie bleibt auch künftig von den Energiewende-Kosten weitgehend verschont. Dabei drücken manche Betriebe ihre Stromrechnung längst selbst. Sie passen ihre Produktion ans Wetter an - und kassieren dafür Geld. Besuch in einer smarten Fabrik.

Als junger Mann eiferte Stefan Bauer dem Erfinder Nikola Tesla nach. In seinem Keller baute er Spulen, aus denen Blitze schossen, wie einst Tesla, der von einer drahtlosen Stromversorgung träumte. Die Welt durch Technik verändern - dieser Gedanke fasziniert Bauer noch immer. Heute versucht er, mit einer alten, staubigen Fabrik im bayerischen Dorf Pocking die nächste Stufe der Energiewende zu erklimmen.

Dort drosseln die Hochöfen der RW Silicium neuerdings die Produktion, wenn der Strom in den Netzen knapp wird. Das Unternehmen entlastet so das Stromsystem und kassiert dafür Geld. Ein Modell, das bald Schule machen dürfte, in ganz Deutschland. Denn es bietet eine Lösung dafür, wie sich die Industrie auch in den kommenden Jahrzehnten im Land halten lässt - trotz steigender Strompreise.

Eine solche Lösung ist nötig, da sich die deutsche Energieversorgung rasant ändert. Bisher lieferen Atom- und Kohlekraftwerke gleichmäßig Strom, und Fabriken produzieren ebenso gleichmäßig ihre Güter. Nun steuern Solarpanels und Windräder einen immer größeren Anteil zum Strommix bei, und die Versorgung schwankt immer mehr.

Bislang reagiert die Bundesregierung darauf mit zwei Strategien. Erstens wird die energieintensive Industrie, wie Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel es gerade in Brüssel durchgesetzt hat, weitgehend von den Kosten der Energiewende befreit. Zweitens erwägt die Regierung eine Prämie für Kohle- und Gaskraftwerke, die in Zeiten großer Schwankungen als Reserve bereitstehen.

Es gibt einen besseren Weg. Fast die gesamte deutsche Industrie kann so funktionieren wie die Siliziumfabrik in Pocking. Bei Wolken und Windstille können viele Betriebe die Produktion senken, bei Stürmen und Schönwetterfronten steigern. Ein ganzer Wirtschaftssektor kann seine Produktionszyklen ans Wetter anpassen. Man kann das als industriepolitischen Wahnsinn bezeichnen - oder als Beginn einer neuen, nachhaltigeren Wirtschaftsordnung. Jedenfalls probieren immer mehr Firmen diese Lösung aus. So auch die Fabrik, in der Stefan Bauer Produktionsleiter ist.

Ein Drittel weniger Verbrauch - binnen Minuten

Mit Helm und Atemschutzmaske betritt Bauer die Fabrikhalle der RW Silicium. Nackte Mauern, Metallgeruch, dröhnende Maschinen. In der Mitte, umgeben von einer Wand aus Hitze, rumoren die Öfen. Oben wuchtet ein gepanzerter Gabelstapler Rohmetall-Brocken hinein, unten fließt flüssiges, orangeglühendes Silizium heraus. Wie Lava ergießt es sich in eine Spezialwanne.

Gut 30.000 Tonnen Silizium produziert die Fabrik im Jahr, für Solarzellen, Halbleiter, Computerchips. Bei rund 2000 Grad glühen die Öfen. Um solch eine Hitze zu erzeugen, braucht man so viel Elektrizität wie eine mittelgroße Stadt. 45 Prozent der Produktionskosten sind Stromkosten.

Für die Netze ist es eine große Entlastung, wenn ein solcher Stromschlucker bei Engpässen den Verbrauch drosselt. Für Stefan Bauer ist es auch ein persönliches Anliegen. Er ist in der Nähe von Pocking geboren, seit seiner Kindheit geht er in Bayerns Wäldern wandern. Er sagt, es mache ihn stolz, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten.

Die Siliziumfabrik senkt dazu ihren Verbrauch binnen Minuten - um bis zu ein Drittel. Den Befehl gibt eine kleine graue Box im ersten Stock der Fabrik, die mit der Schaltzentrale der Entelios AG verbunden ist, einer Firma, die sich auf die Steuerung großer Stromverbraucher spezialisiert hat. Rund hundert Firmen managt Entelios, Papierfabriken, Kläranlagen, öffentliche Gebäude, die Bierbrauerei Paulaner. Zusammen liegt ihr Verbrauch bei 650 Megawatt, was der Leistung eines mittleren Kohlekraftwerks entspricht.

Die Betreiber der Stromnetze geben Entelios im Sekundentakt durch, ob gerade zu viel oder zu wenig Elektrizität verfügbar ist. Wird der Strom knapp, funkt Entelios die grauen Boxen seiner Partnerfirmen an, mit der Bitte, den Verbrauch zu senken. Wird zu viel Strom aus Wind und Sonne eingespeist, bittet Entelios darum, den Verbrauch vorübergehend zu erhöhen. Auch die Siliziumfabrik in Pocking erreicht regelmäßig ein solcher Aufruf.

Weniger produzieren, mehr verdienen

In der Leitwarte der Fabrik sitzt Arthur Reichenbacher, ein runder Bayer mit blauer Latzhose und dickem Schnauzer, und betrachtet zahnsteinfarbene Monitore und klobige Messmaschinen. An der Wand hängt ein Oben-ohne-Kalender, aus dem Radio scheppert Phil Collins. Der Raum könnte als Exponat in einem Technikmuseum stehen, Titel: "So malten sich Menschen in den Achtzigern die Zukunft aus". Nun aber werden hier wichtige Fragen der Energiewende geklärt.

Wenn Entelios darum bittet, den Verbrauch zu senken, "schaut ma ob des mit dem Produktionsplan z'sampasst", sagt Reichenbacher. Falls nicht, kann er die Anfrage ablehnen. 24-mal hat er seit November 2013 "ja" gesagt. Entsprechend ist die Produktion der Fabrik leicht zurückgegangen, und mit ihr sind es die Einnahmen aus dem Siliziumverkauf.

Die RW Silicium stört das nicht. Denn die Netzbetreiber zahlen ihr eine Prämie dafür, dass sie die Netze entlastet, bis zu 15.000 Euro sind es derzeit im Monat. "Obwohl wir weniger produzieren, verdienen wir unterm Strich mehr Geld als vorher", sagt Produktionsleiter Bauer.

Entelios selbst sieht ein erhebliches Sparpotential. "Manche Betriebe können ihre Energiekosten mit unserer Technik um bis zu drei Prozent drücken", sagt Tom Schulz, der bei der Firma des operative Geschäft leitet. Lastverschiebung könne "den Industriestandort Deutschland stärken" - und die Versorgung revolutionieren.

"Mehrere Kraftwerke wären überflüssig"

Denn derzeit gibt es Kraftwerke, die man jedes Jahr nur in wenigen besonders verbrauchsstarken Stunden braucht, den Rest der Zeit stehen sie nutzlos herum. Durch Lastverschiebung ließe sich der Spitzenverbrauch der Bundesrepublik nun um mindestens fünf Prozent senken, schätzt der Verband der Elektroindustrie. "Mehrere Kraftwerke wären dann überflüssig", sagt Schulz. Ebenso überflüssig: ein sogenannter Kapazitätsmarkt, in dem Stromversorger für das Vorhalten von Reservekraftwerken Geld bekommen.

"Wir könnten in Deutschland rasch große Lasten verschieben", verspricht Schulz. Bei günstigen Rahmenbedingungen könnten jedes Jahr Hunderte Betriebe mit einem Verbrauch von rund einem Gigawatt hinzukommen. Das entspricht der Leistung eines mittleren Atomkraftwerks.

Doch bislang sind die Rahmenbedingungen nicht günstig. Erstens entscheiden derzeit ausgerechnet die Energiekonzerne, welche ihrer Kunden den Stromverbrauch ans Angebot anpassen dürfen - und zögern eine entsprechende Erlaubnis oft lange hinaus. Zweitens müssen Industriefirmen, die ihre Produktion bei einem Stromüberangebot über Normalmaß steigern, dem Netzbetreiber hohe Gebühren zahlen - obwohl sie ihnen eigentlich einen Gefallen tun, indem sie ihnen den überflüssigen Strom abnehmen.

Man müsse die Gesetze rasch anpassen, fordert Entelios. Doch der Elan des Bundesregierung hält sich in Grenzen. Lastmanagement sei eine von mehreren Optionen für das Energiesystem der Zukunft, sagt eine Sprecherin von Energieminister Gabriel. Entsprechende Regulierungen werde man prüfen. Ob und wann man die Gesetze ändert, ist offen.

Während die Regierung zögert, schafft die Privatwirtschaft Fakten. Die RW Silicium will den flexiblen Anteil an ihrem Stromverbrauch demnächst weiter steigern. Man könne in puncto Kosteneffizienz noch mehr herausholen, sagt Bauer. Manchmal ist eine alte, staubige Fabrik am Rande Deutschlands eben fortschrittlicher als die Regierung in Berlin.