Ritter Sport gegen Stiftung Warentest "Ungesund ist Schokolade ja in jedem Fall" 

Eine ganz harte Nuss: Der Streit zwischen der Stiftung Warentest und Ritter Sport wurde heute vor Gericht verhandelt. Strittig ist, wie die leichte Vanillenote in die Schokolade kommt.

Ritter Sport Voll-Nuss-Schokolade: "Mit gekränktem Stolz haben unsere rechtlichen Schritte nichts zu tun"
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Ritter Sport Voll-Nuss-Schokolade: "Mit gekränktem Stolz haben unsere rechtlichen Schritte nichts zu tun"

Von , München


Der Schokoladenfan war mit großen Erwartungen ins Münchner Landgericht gekommen. "Die Richter müssen heute eindeutig aufklären, ob Ritter Sport seine Kunden hinters Licht geführt hat oder nicht", sagte der Münchner, vielleicht Mitte 30. Deshalb harrten er und einige andere Zuschauer heute bereits am frühen Morgen im gut gefüllten Verhandlungsraum aus. Sie alle wollten wissen, ob die Ritter-Schokolade, anders als vom Hersteller selbst behauptet, auch chemische Aromastoffe enthält.

Grund für den Wirbel ist das letzte Heft der Stiftung Warentest: Unmittelbar vor Beginn der Adventszeit hatten die Verbraucherschützer 26 Nussschokoladen verglichen. Die Tester gingen etwa der Frage nach, inwieweit noble Markenschokoladen besser schmecken als die Produkte der Billiganbieter. Überprüft wurde zudem, ob die Kakaoprodukte künstliche Stoffe oder gar Mineralöle, Pestizide und andere Beigaben enthielten. Dabei kritisierten die Kontrolleure die Variante Voll-Nuss von Ritter scharf und verpassten ihr die Note "mangelhaft" - und das trotz aus Sicht der Tester "guten Geschmacks" und anderer positiv bewerteter Eigenschaften.

Alleiniger Grund für die miese Beurteilung ist das Zutatenverzeichnis der Schokolade. Darin heißt es, das Produkt enthalte lediglich "natürliches Aroma". Die Angabe sei jedoch irreführend, weil die Tester in dem Ritter-Produkt einen "chemisch hergestellten" Aromastoff festgestellt hätten, kritisierte die Stiftung. Zankapfel ist das so genannte Piperonal, das dem süßen Dickmacher eine leichte Vanille-Note verleiht.

Für die Produktion "ausschließlich natürliche Aromen" verwendet

Die Ritter-Verantwortlichen waren entsetzt: Man verwende für die Produktion "ausschließlich natürliche Aromen, um das Geschmacksprofil zu unterstützen", teilte die Firma umgehend nach der Test-Veröffentlichung mit. Auch der Ritter-Zulieferer versicherte, man benutze Piperonal, das "ausschließlich natürlichen Ursprungs" sei. Ritter leitete juristische Schritte ein und erwirkte Ende November eine einstweilige Verfügung beim Münchner Landgericht. Sie untersagte den Warentestern die Behauptung, das in der Ritter-Schokolade gefundene Piperonal sei chemisch hergestellt. Dagegen gingen wiederum die Warentester vor, weshalb sich die Anwälte der Kontrahenten heute in München gegenüberstanden.

Der Vorsitzende Richter dämpfte gleich zu Beginn die Erwartungen der Besucher. Auch die heutige Verhandlung werde nicht abschließend klären, wer nun im Recht sei. Dies könne, wenn überhaupt, nur ein lange dauernder Prozess. Doch ein solches Verfahren könne sowohl dem Image der Stiftung Warentest als auch dem von Ritter schaden. Der Richter riet dringend zu einem Vergleich. Der hätte vorgesehen, dass die Streithähne ein gemeinsames Gutachten in Auftrag geben, in dem die Herkunft des Aromastoffs Piperonal geklärt werden soll. Nach stundenlangen Debatten lehnten die Kontrahenten den Kompromissvorschlag jedoch ab.

Die anschließende Zeugenbefragung brachte wenig Neues. Eine bei der Stiftung mit den Schokoladentests beauftragte Lebensmittelkontrolleurin und das von den Testern ebenfalls beauftrage externe Labor bestätigten vor Gericht zwar, dass Piperonal, wie von Ritter Sport behauptet, auch auf natürlichem Weg hergestellt werden kann. Die strittige Substanz kommt unter anderem in Pflanzen wie Pfeffer oder Dill vor. Doch die Tester argumentieren, natürliches Piperonal für die Schokolade zu verwenden, sei "schlicht zu teuer". Mindestens 10.000 Euro würde ein natürlich hergestelltes Kilo Piparonal kosten, sagte der von der Stiftung beauftragte Lebensmittel-Chemiker Klaus Haase-Aschoff.

Gereizte Stimmung im Gerichtssaal

"Und wenn schon", rief dagegen ein sichtlich aufgebrachter Andreas Ronken. Der Geschäftsführer von Ritter Sport konnte sich kaum auf seinem Zuschauersitz halten. Er rechnete vor, dass fünf bis zehn Kilogramm Piperonal für die gesamte weltweite jährliche Produktion von Ritter Sport ausreichten. Und eine solche Summe sei für die Baden-Württemberger eben doch leicht zu bezahlen.

Die Stimmung im Gerichtssaal war stets gereizt. Mehrfach unterbrachen sich die Kontrahenten und warfen sich mitunter giftige Blicke zu. Kein Wunder. Für die Stiftung Warentest steht viel auf dem Spiel. Mögliche Bewertungsfehler könnten schnell das gute Image der Verbraucherschützer ankratzen. Und für den baden-württembergischen Schokohersteller geht es um jede Menge Geld. "Mit gekränktem Stolz oder der Firmenehre haben unsere rechtlichen Schritte nichts zu tun", sagte eine Ritter-Sprecherin bereits vor der Verhandlung. Vielmehr gelte es drohenden Umsatzeinbußen entgegenzuwirken. Schon jetzt gebe es "einen erheblichen Imageschaden". Und das ausgerechnet im starken Weihnachtsgeschäft.

Die Voll-Nuss-Schokolade ist einer der größten Verkaufsschlager von Ritter. Doch im Falle einer Niederlage müsste die Firma sie möglicherweise aus dem Verkehr ziehen. "Mit der Behauptung, Ritter verwende chemisches statt natürliches Aroma, beschuldigt uns Stiftung Warentest ja, unser Produkt sei falsch deklariert", so eine Ritter-Sprecherin.

Einigkeit besteht unter den Kontrahenten zumindest in einem Punkt. Die Kunden können die Ritter-Schokolade ohne jegliche gesundheitliche Bedenken verspeisen. Auch der Richter hatte zu Beginn des Verfahrens noch gescherzt, "ungesund" sei Schokolade ja in jedem Fall.

Am späten Freitag Nachmittag teilte das Gericht dann mit, dass die Beratungen in dem Fall noch andauerten und mit einer Verkündung des Urteils erst am Montag zu rechnen sei.

insgesamt 272 Beiträge
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Seite 1
cscholz 20.12.2013
1. optional
"ob die Ritter-Schokolade anders als vom Hersteller selbst behauptet, auch chemische Aromastoffe enthält.' Alle Aromastoffe sind chemisch.
townsville 20.12.2013
2.
hoffentlich gibt es Ritter Sport dann im Sonderangebot, dann Decke ich mich sofort gut damit ein. Normal denken Menschen ist es nämlich völlig EGAL, ob der Geschmack aus "natuerlich" oder "chemisch" hergestelltem Arima stammt. Das ist der IDENTISCHE Stoff und die "Natur" ist auch "chemisch".
wdiwdi 20.12.2013
3. Go, Ritter, go! (and Symrise too)
Ich hoffe, die fälligen Schadensersatzzahlungen brechen der Stiftung Warentest nach diesem Rufmord das Genick. Das sieht doch sehr danach aus, dass die Ritter- und Symrise-Leute sehr genau belegen können, wo ihr Aromastoff herkommt. Von der Stiftung hingegen wieder nur Ablenkungs-Manöver: Dass natürliches Piperonal teuer ist, wie ihr Experte aussagte, bestreitet niemand.
spon-1266839099339 20.12.2013
4. Gutes Image?
Dass ich nicht lache. Wer ein bisschen mitbekommen hat, was der Stiftung in den letzten Jahren alles an Ungereimtheiten nachgewiesen wurde, der glaubt sowieso nicht mehr an neutrale und "unabhängige" Tests. Hoffentlich holen die sich mal eine blutige Nase, und sowas läuft dann unter "Stiftung".
madra2006 20.12.2013
5. optional
Ich verstehe die Diskussion nicht. Meines Erachtens nach hat in Schokolade weder natürliches noch künstliches Aroma was verloren. Es gibt viele sehr wohlschmeckende Schokoladen, die gänzlich ohne Aromen auskommen. Der einzige Zweck von Aromen: mehr Geld in die Kassen des Herstellers, denn Aromen sind billiger als andere Zutaten. Die Aroma-Produktion ist ein Multi-Milliarden-Geschäft. Kinder wissen doch heute oftmals nicht mehr wie Erdbeeren wirklich schmecken. Essen Sie mal eine Ritter Sport Erdbeer-Schokolade und direkt danach Erdbeeren...Sie werden den Unterschied schmecken...
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