Hauptversammlung von Rocket Internet Oliver Samwer erobert Essen

Hohe Verluste, keine Dividende - alles normal, sagt Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer auf der ersten Hauptversammlung seit dem Börsengang. Die Berliner Start-up-Schmiede setzt voll auf Lieferdienste.
Rocket-Internet-CEO Oliver Samwer (r.): Krawattenmann des Jahres

Rocket-Internet-CEO Oliver Samwer (r.): Krawattenmann des Jahres

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Zu Beginn spielt Vorstandschef Oliver Samwer einen Imagefilm ab. In bunten Bildern ist darin zu sehen, wie sein Konzern das Internet-Geschäft von Malaysia bis Brasilien aufrollen will, mit Online-Händlern für Mode und Möbel, Putzkräfte-Vermittlern und Kreditplattformen. Nur über ein Unternehmen verliert der Film kein Wort: Den Essenslieferanten Delivery Hero, in den Rocket Internet   zuletzt eine halbe Milliarde Euro investierte.

Der erst wenige Monate alte Film zeigt, wie schnell es im Reich von Rocket Internet gehen kann. Die Kredit-Start-ups haben im Samwer-Kosmos längst an Priorität verloren. Der Fokus liegt jetzt ganz auf dem Online-Geschäft mit Essen. Delivery Hero, das Bestellungen für Pizza oder Sushi online abwickelt, ist heute Rocket Internets wertvollstes Investment in diesem Sektor.

Ein Dreivierteljahr nach seinem spektakulären Börsengang lud Rocket Internet am Mittwoch zur ersten ordentlichen Hauptversammlung nach Berlin. Die Aktionäre und Anlegervertreter müssen erst eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen passieren, bevor sie zum Veranstaltungssaal am Zoologischen Garten gelangen: Ein stickiger, grauer Konferenzraum, in dem genauso gut eine Versicherung tagen könnte. Samwer und seine beiden Co-Vorstände wirken mit ihren schwarzen Anzügen und blauen Krawatten ungewohnt formell.

Ralph Dommermuth, Chef des IT-Unternehmens United Internet und Rocket-Großaktionär, ist gar nicht erst erschienen, "aufgrund anderer beruflicher Verpflichtungen", wie es heißt. Er hat sein Aufsichtsratsmandat bei Rocket zur Hauptversammlung niedergelegt.

Samwer-Firmen machen nach wie vor hohe Verluste

Die Botschaft ist klar: Rocket will sich als bescheidenes Unternehmen präsentieren und endlich sein Image von der Internet-Luftnummer abstreifen. Börsenneuling Zalando  , der ebenfalls im Humus des Samwer-Imperiums spross, hatte seine Hauptversammlungspremiere vor drei Wochen noch als lässige Show im Berliner Tempodrom inszeniert. Zalando steht im Vergleich zu Rocket allerdings auch geradezu mustergültig da: Der Online-Modehändler vermeldete erstmals schwarze Jahreszahlen. Sein Aktienkurs hat seit dem Börsendebüt kontinuierlich zugelegt.

All das kann Rocket Internet nicht vorweisen. Zwar haben die wichtigen Beteiligungen ihre Umsätze 2014 gesteigert, doch alle machen nach wie vor hohe Verluste. Auch der Aktienkurs dürfte Vorstandschef Samwer Sorgen bereiten. Er ist mittlerweile unter den Ausgabepreis gerutscht.

Vor den Aktionären waren Samwer und seine Vorstandskollegen bemüht, alle Bedenken zu zerstreuen. Der Wert des Portfolios habe seit Oktober um über zwei Milliarden Euro zugenommen und liege inzwischen bei knapp fünf Milliarden Euro. Es sei außerdem völlig normal, dass ein Online-Unternehmen erst nach etlichen Jahren Gewinne einfahre - zumal, wenn es so sehr auf Wachstum getrimmt sei wie Rocket Internet.

Es gehe um die Zukunft, "um den Startbildschirm auf den Mobiltelefonen der Menschen", so Samwer. Dort sollten die Konsumenten auf der ganzen Welt künftig so viele Apps aus dem Hause Rocket installieren wie möglich.

Um dieses Wachstum zu finanzieren, sollten die Aktionäre dem Unternehmen Spielraum für umfassende Kapitalmaßnahmen verschaffen: zum einen die mögliche Emission von 67 Millionen neuen Aktien bis 2020; zum anderen die Option auf eine Wandelschuldverschreibung von bis zu zwei Milliarden Euro. Dabei handelt es sich um eine spezielle Form der Anleihe, die nach Fristablauf entweder in Aktien umgewandelt oder den Inhabern ausgezahlt wird. Mit knapp 90 Prozent fiel die Zustimmung für beides am Ende komfortabel aus. Eine Dividende zahlt Rocket seinen Aktionären in diesem Jahr hingegen nicht.

Fragen nach möglichen Börsengängen einzelner Beteiligungen wich die Rocket-Führung hartnäckig aus. "Wir analysieren unsere strategischen Optionen fortlaufend. Dazu gehört auch das Abwägen etwaiger Kapitalmaßnahmen inklusive möglicher Börsengänge", wiederholte sie mantraartig. Zuletzt war darüber spekuliert worden, ob Rocket bereits an Börsengängen seiner Zalando-Klone und seiner Essenslieferanten arbeite.

Doch gerade letzteres Vorhaben birgt Konfliktpotenzial. Rocket würde seine Lieferplattformen wohl gerne als Einheit aufs Parkett bringen. Dagegen aber sträubt sich Delivery Hero. Die Geschäftsführung des Unternehmens will lieber ohne die anderen Samwer-Firmen an die Börse.


Zusammengefasst: Auf der ersten Hauptversammlung seit dem Börsengang holte sich Rocket Internet von den Aktionären das Plazet für mögliche Kapitalerhöhungen. Eine Dividende gibt es hingegen nicht.

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