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18. Oktober 2011, 12:03 Uhr

Rohstoffspekulation

Foodwatch gibt Ackermann Mitschuld an Hungersnöten

Die Verbraucherorganisation Foodwatch attackiert die Banken: Weil die auf Agrarpreise wetten, hätten sie Mitschuld am weltweiten Hungerproblem. Ein Report zeigt, wie Spekulation durch Institute wie die Deutsche Bank die Kosten für Lebensmittel hochtreibt. Das Geldhaus weist den Vorwurf zurück.

Hamburg - Für ihre neue Kampagne hat sich Foodwatch eine Reizfigur der deutschen Wirtschaft herausgepickt - Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank. "Hände weg vom Acker, Mann!" heißt die Foodwatch-Aktion, die sich gegen die Spekulation mit Agrarrohstoffen richtet. Die Organisation von Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode stellt am Dienstag einen Bericht vor, in dem sie die Banken für ihre Rolle dabei kritisiert.

"Die Banken kassieren Gebühren und können mit ihren hochspekulativen Wetten nur gewinnen, während die Risiken andere tragen", sagt Bode. "Vor allem die Ärmsten der Armen, die mit diesen Finanzprodukten überhaupt nichts zu tun haben, aber ihr Essen nicht mehr bezahlen können." Ackermann trage als oberster Bankenlobbyist und Deutsche-Bank-Chef auch eine persönliche Verantwortung dafür, dass Menschen Hunger leiden.

Den Report "Die Hungermacher. Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren" hat der Journalist Harald Schumann im Auftrag von Foodwatch verfasst. Darin legt er mehrere Belege dafür vor, dass die Wetten an den globalen Rohstoffbörsen tatsächlich die Preise in die Höhe treiben. "Die These der Finanzindustrie, dass die Spekulation keinen Einfluss auf die Preise hat, ist nicht zu halten", sagt Schumann.

Ursprünglich seien die Wetten dafür gedacht gewesen, Händler gegen Preisschwankungen abzusichern. "Doch die Finanzindustrie hat dieses System missbraucht und ein Riesenchaos gestiftet", kritisiert Schumann. Er hat sechs Monate für den 70-seitigen Report recherchiert, die wichtigsten Studien gelesen und mit Akteuren gesprochen. Seine umfassende Analyse zeigt, wie groß der Einfluss der Spekulation auf die Rohstoffpreise mittlerweile ist.

Schumanns Fazit: "Die Preise haben mit Angebot und Nachfrage nichts mehr zu tun." Das habe sich etwa gezeigt, als Russland im Mai 2011 sein Exportverbot für Getreide aufhob. Obwohl dadurch auf einen Schlag 15 Millionen Tonnen Weizen auf den Weltmarkt strömten, immerhin knapp zehn Prozent des gesamten Exports, sank der Weizenpreis fast gar nicht. Stark reagierten die Märkte dagegen, als in der zweiten Juniwoche der Streit über die Griechenland-Krise eskalierte und die Anleger eine neue Finanzkrise befürchteten. Da wurde Weizen an der Leitbörse in Chicago plötzlich um 20 Prozent billiger.

Deutsche Bank weist Vorwürfe zurück

Auf Nachfrage weist ein Sprecher der Deutschen Bank die Foodwatch-Vorwürfe zurück: "Wir handeln nicht mit physischen Agrarrohstoffen." Das stimmt, allerdings bietet die Bank Indexfonds an, die die Preise der realen Güter nachbilden. Der Banksprecher beharrt darauf, dass diese Preise sich durchaus nach Angebot und Nachfrage richten. Weil die Nachfrage vor allem aus Schwellenländern wachse, stiegen auch die Preise. Die Terminkontrakte an den Rohstoffbörsen hätten dagegen "keinen Einfluss darauf, wie teuer Weizen, Reis und Mais sind".

Das sieht Schumann anders. Wie groß der Anteil der Spekulation an den Rohstoffpreisen allerdings konkret ist, kann aber auch er nicht beziffern. "Studien von deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern nennen aber Werte von 15 bis 50 Prozent." Auf Kosten der Ärmsten, die über 80 Prozent ihres Lebensunterhalts für Nahrungsmittel ausgeben, würden Anleger Profite machen. 2011 lagen die Preise für Weizen, Mais und Reis im weltweiten Durchschnitt um 150 Prozent über jenen im Jahr 2000.

Auf Basis des Schumann-Reports hat Foodwatch zwei Forderungen formuliert, die Thilo Bode in einem offenen Brief an Ackermann übermittelt: Die Bankenlobby solle sich effektiver staatlicher Regulierung nicht länger widersetzen, um den schädlichen Einfluss der Agrarspekulation zu verhindern.

Und zweitens: Die Deutsche Bank solle mit gutem Beispiel vorangehen, und "in den Produkten und Fonds auf jeglichen börslichen und außerbörslichen Handel mit Nahrungsmittelrohstoffen verzichten".

cte

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