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RWE-Chef Schmitz über den Kohleausstieg "Irgendwann reicht es, mir jedenfalls"

Rolf Martin Schmitz kritisiert die Lastenverteilung zwischen Ost und West beim Kohleausstieg und erklärt, warum seine Zeit als Chef des Energieversorgers RWE bald zu Ende sein könnte.
aus DER SPIEGEL 5/2020
Energiemanager Schmitz: Den Osten "verschont"

Energiemanager Schmitz: Den Osten "verschont"

Foto: Dominik Butzmann

Der milliardenschwere Kohlekompromiss sollte gesellschaftlichen Streit schlichten, tatsächlich sorgt er für neue Zwietracht. Auch der Chef des Energiekonzerns RWE, Rolf Martin Schmitz kritisiert, dass der Osten "noch lange Jahre verschont" bleibe, während "wir im Westen in den nächsten Jahren ein Kraftwerk nach dem nächsten schließen müssen". Er habe dem Deal nur zugestimmt, um endlich Frieden zu haben. 

Schmitz sagte dem SPIEGEL, er sei zu Beginn der Gespräche davon ausgegangen, dass es eine gerechte Verteilung der Lasten zwischen den Braunkohlestandorten im Osten und im Westen der Republik geben würde. "In den Verhandlungen mussten wir erkennen, dass dies nicht der Fall ist.“ Dass RWE dem Kompromiss trotzdem zustimmte, begründet der Energiemanager mit dem Wunsch, den Kohlekonflikt nach jahrelangen Diskussionen gesellschaftlich befrieden zu wollen: "Irgendwann einmal reicht es, mir jedenfalls“, sagte er dem SPIEGEL. Die durch Ausgleichszahlungen nicht gedeckten Schäden für sein Unternehmen bezifferte der RWE-Chef mit 900 Millionen Euro.

Tatsächlich plant Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine Entschädigung in Höhe von bis zu 1,75 Milliarden Euro für den ostdeutschen Energiekonzern Leag, ohne dass dieser nennenswert früher aus der Kohleverstromung aussteigt. Das legen vertrauliche Unterlagen aus dem Jahre 2016 nahe , die dem SPIEGEL vorliegen.

Im SPIEGEL-Gespräch gibt der 62-jährige Schmitz, der seit Oktober 2016 RWE-Vorstandsvorsitzender ist, einen Einblick in die Verhandlungen und erklärt, warum seinem Unternehmen Milliarden für den Kohleausstieg zustehen.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

SPIEGEL: Herr Schmitz, es gibt Konkurrenten, die bezeichnen Sie als Zocker. Können Sie das nachvollziehen?

Schmitz: Als Zocker? Nein, das kann ich gar nicht nachvollziehen, da ich nie wette oder sonst so etwas mache. Ich habe keine Ahnung, was die meinen.

SPIEGEL: Na ja, so schwer ist es nun auch nicht. Sie haben beharrlich viele Jahre lang gewartet, bis der Steuerzahler jetzt rund 2,6 Milliarden Euro für ein paar altersschwache Braunkohlekraftwerke zahlt. Das war hoch gepokert.

Schmitz: Man kann das auch anders sehen. Durch den Ausstieg aus der Kohle haben wir bei RWE Schäden von rund 3,5 Milliarden Euro. Die Gewinne, die wir in den nächsten Jahren gemacht hätten, sind da nicht einmal drin. Das bedeutet, dass das Unternehmen 900 Millionen Euro der Ausstiegskosten selbst bezahlen muss. Wenn Sie das zocken nennen, dann bin ich wohl ein ganz mieser Zocker.

SPIEGEL: Jetzt schmälern Sie Ihre Leistung. Sie erhalten Steuergelder, weil Sie ein paar Jahre früher aus der Braunkohle aussteigen – ein Energieträger, der wegen seines hohen CO2-Ausstoßes ohnehin bald unrentabel geworden wäre.

Schmitz: Ja, ich kenne diese Kritik. Sie stimmt nur nicht. Ich kann Ihnen das vorrechnen. Wir müssen zwei Milliarden Euro zusätzliche Rückstellungen für die Tagebaue bilden und 350 Millionen Euro für Personalabbau. Wir müssen 650 Millionen Euro in den Umbau unserer Anlagen investieren, weil Kraftwerke aus der Versorgungskette fallen und die verbleibenden Anlagen noch sicher Strom produzieren sollen. Zudem müssen wir 500 Millionen abschreiben. Das alles fällt an, weil wir früher aus der Kohle aussteigen, und es wird eben nicht vollständig ersetzt.

SPIEGEL: Sie reden über die Stilllegung von Kraftwerken, die teilweise vor mehr als 40 Jahren gebaut wurden, die vor vielen Jahren abgeschrieben wurden und bei denen ihre Techniker jeden Tag beten, dass keine größeren Bauteile ausfallen, weil sie nicht mehr repariert werden könnten. Können Sie verstehen, dass viele Klimaaktivisten glauben, man hätte die Steuergelder sinnvoller ausgeben können?

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