Ex-Audi Chef Stadler vor Gericht »Hätten die Entwickler nur die Hosen runtergelassen«

Vor zweieinhalb Jahren wurde Ex-Audi-Chef Rupert Stadler verhaftet. Nun redet er vor Gericht zum ersten Mal öffentlich zu den Vorwürfen – und kritisiert seine früheren Mitarbeiter.
Aus München berichtet Martin Hesse
Selbstbewusst und eloquent: Stadler vor Gericht

Selbstbewusst und eloquent: Stadler vor Gericht

Foto: CHRISTOF STACHE / AFP

Rupert Stadler ist früh dran an diesem besonderen Tag. Schon um 7.45 Uhr bahnt sich der ehemalige Audi-Chef den Weg durch die bei Minusgraden wartenden Journalisten ins Gerichtsgebäude am Hochsicherheitsgefängnis München Stadelheim. Seit September läuft hier das erste Strafverfahren zum Dieselskandal, Stadler ist der erste Topmanager auf der Anklagebank.

Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover unter dem blauen Anzug – und plaudert vor Eröffnung der Verhandlung aufgeräumt mit seinen Verteidigern. Es fröstelt ihn offenbar ein bisschen in dem Corona-bedingt gut belüfteten Gerichtssaal. Die Digitalkameras klackern.

Dann ergreift der einst mächtige und noch immer sprachgewandte Manager erstmals seit seiner Verhaftung am 18. Juni 2018 öffentlich das Wort. »Mein Name ist Rupert Stadler. Ich bin geboren am 17. März 1963 in Titting in Bayern. Ich bin seit über 30 Jahren verheiratet und habe drei Kinder.« Langsam, sehr deutlich und mit rollendem »R« führt Stadler in den folgenden Stunden durch seinen Werdegang bei Audi, wo er seit 1990 vom Vertriebsmitarbeiter zum Vorstandsassistenten von VW-Patriarch Ferdinand Piëch und schließlich 2007 zum Audi-Chef aufstieg.

Doch das ist nur das Präludium. Stadlers Thema ist heute das enorm komplexe Innenleben eines Autokonzerns wie VW und die bis auf die Minute durchgetaktete Arbeitswelt eines Vorstandschefs. All das soll wohl dazu dienen zu erklären, warum Stadler angeblich bis zum Herbst 2015 nicht von den Dieselmanipulationen wusste, und warum er später, nachdem der Skandal auf Druck der US-Behörden bei VW aufgeflogen war, nicht anders oder besser habe aufklären können, als er es getan habe.

Die Aufarbeitung des Skandals sei stark von der Konzernmutter und der von ihr beauftragten US-Kanzlei Jones Day gesteuert worden. Audi selbst sei von Jones Day nur unbefriedigend mit Informationen versorgt worden. Gleichwohl habe er, Stadler, mit der Einrichtung der Diesel-Kommission bei Audi alles getan, um die technischen Hintergründe der von den US-Behörden vorgeworfenen Manipulation der Abgaswerte aufzuarbeiten und mit dem in Deutschland zuständigen Kraftfahrtbundesamt zu kooperieren.

»Ich bin immer bereit, als Unternehmenschef Verantwortung zu übernehmen«, sagt Stadler. Aber nur dort, wo sie ihm persönlich zugeordnet werden könne.

Ein halbes Glas Rotwein auf der Hose

Bei sich sieht der Ex-Chef aber lediglich eine Art politische Verantwortung, die wahre Schuld sucht er bei seinen früheren Mitarbeitern. Er habe inzwischen zur Kenntnis nehmen müssen, dass unter seiner Verantwortung als Vorstandschef Mitarbeiter nicht nur Fehler begangen, sondern auch strafrechtlich relevantes Verhalten an den Tag gelegt hätten. Gerade in der Motorenentwicklung fehle es an Unrechtsbewusstsein.

Damit greift Stadler den Mitangeklagten Motorenentwickler Giovanni P. frontal an. Er wirft ihm vor, mit Blick auf eine Reise in die USA gelogen zu haben, bei der Audi-Manager und -Entwickler zu den Vorwürfen der amerikanischen Behörden Carb und EPA Stellung hatten nehmen sollen. Die Staatsanwaltschaft wirft Stadler vor, er habe vor einem Treffen mit den US-Behördenvertretern am 19. November 2015 in Ann Arbor veranlasst, dass Teile einer Präsentation gelöscht beziehungsweise vor den US-Behörden nicht gezeigt wurden. Er habe außerdem dafür gesorgt, dass Giovanni P. an dem Behördengespräch nicht teilnimmt, damit er dort nichts Belastendes sagen könne.

Stadler weist all das zurück. »Ich habe keine Präsentation in Ann Arbor gehalten, ich habe weder direkt noch indirekt Einfluss auf den Inhalt der Präsentation genommen und auch nicht auf die Zusammensetzung der Teilnehmer an der Präsentation.« Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft seien falsch.

Er könne sich auch deswegen so gut daran erinnern, weil Giovanni P. bei einem Essen am Vorabend des Carb-Gesprächs neben ihm gesessen und ein halbes Glas Rotwein auf seiner Hose verschüttet habe, streut Stadler ein. Der Motorenentwickler, den er vorher gar nicht gekannt habe, habe während dieses Essens die Gelegenheit zum Gespräch mit ihm nicht genutzt.

Stadlers Kopf glüht am Ende rot

Und auch für die über Jahre verschleppte Aufklärung des Betrugs bei Audi sieht Stadler die Schuld bei seinen damaligen Untergebenen. »Hätten die verantwortlichen Entwickler – wie bei VW Pkw der Fall – bereits im Herbst 2015 für die USA und Europa die Hosen runtergelassen, wären viele Probleme der von ihnen verursachten Salamitaktik beherrschbar gewesen«, sagt Stadler.

Am Ende teilt Stadler dann auch gegen die Staatsanwaltschaft aus, wie es schon seine Verteidiger zu Beginn des Prozesses getan hatten. Er sei bestürzt darüber, wie die Staatsanwaltschaft München II und die Generalstaatsanwaltschaft mit ihm »in diesem Verfahren umgegangen sind und noch immer umgehen«. Die Ermittler hätten sich auf die offensichtlich unwahren Aussagen von Giovanni P gestützt. Die Staatsanwaltschaft habe bei einer Vernehmung einmal erklärt, dass ein Vorstandschef kein Recht auf Sonderbehandlung habe. »Das ist richtig. Aber die Staatsanwaltschaft hat nicht das Recht, mich bewusst schlechter als andere Verfahrensbeteiligte zu behandeln.« Er erwarte keine politische und ihn »als Galionsfigur missbrauchende Behandlung«.

Am Ende glüht Stadlers Kopf rot, aber er wirkt zufrieden. Fragen der Staatsanwaltschaft und der Verteidiger der anderen Beschuldigten will er erst später im Prozess beantworten. So bleiben seine Behauptungen an diesem Tag so stehen.

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