Lebensmittelbetrug in Russland Einmal Milch mit Ammoniak, bitte!

Käse mit falschen Fetten, Kolibakterien im Kaviar und radioaktiv verschmutztes Mineralwasser - Russlands Lebensmittelbranche wird von Skandalen erschüttert. Das größte Problem: verfilzte Behörden. Von Benjamin Bidder


Russland geht die Milch aus
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Russland geht die Milch aus

An Tankwaggons, ihrer Fracht und Beschaffenheit, entzünden sich selten hitzige Debatten. Ganz anders derzeit in Russland: Dort stehen Kesselwagen im Zentrum eines Lebensmittelskandals. Die Wagen werden massenhaft für den Transport von Palmöl eingesetzt. Der Rohstoff ist in der Nahrungsmittelindustrie beliebt, als billiger Ersatz für Milch und tierische Fette.

Palmölimporte nach Russland sind sprunghaft gestiegen, plus 20 Prozent in einem Jahr. Das Land produziert zu wenig Milch. Die von Russland gegen EU-Lebensmittel verhängten Sanktionen haben das Problem noch verstärkt. Viele Lebensmittelhersteller setzen daher nun auf Palmöl. In den Geschäften in Moskau und anderswo liegen deshalb Butter und Käse aus, die auf der Verpackung Milchkühe zeigen, aber zum großen Teil aus Palmöl hergestellt sind.

Tests belegen, das von 26 Buttermarken elf zu einem erheblichen Teil aus pflanzlichen Fetten bestehen, vier weitere sogar zu 100 Prozent. Verkauft wird auch ein "Feta"-Gemisch, in dem sich nicht einmal Spuren von Milch nachweisen ließen. Aber das ist nur die eine Seite des Skandals.

Die andere hat die Parlamentsabgeordnete Marija Koschewnikowa öffentlich gemacht. Nach ihren Informationen wird das Palmöl wegen der gestiegenen Nachfrage in den gleichen Tankwaggons transportiert, die kurz zuvor noch "Teer, Heizöl und anderes in die andere Richtung gebracht haben".

Die Gründe dafür haben allerdings nur am Rande mit den von Russland verhängten Sanktionen gegen EU-Lebensmittel zu tun. Die Importverbote verursachen zwar Engpässe. Diese verstärken allerdings nur bereits seit Langem verschleppte Missstände.

Der Einbruch des Ölpreises hat Russlands Wirtschaft in die Rezession gestürzt. Weil auch der Rubel massiv an Wert verloren hat, ist die Kaufkraft der großen Mehrheit der Russen gesunken. Die Lebensmittelproduzenten stehen deshalb noch stärker als früher unter Druck, Kosten zu senken. Viele sparen dabei an der Qualität.

Viele Käsesorten sind aus den Regalen verschwunden
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Viele Käsesorten sind aus den Regalen verschwunden

Davon betroffen sind auch zahlreiche Produkte, die nichts zu tun haben mit weggebrochenen EU-Einfuhren. Russischer Kaviar zum Beispiel: Von 23 getesteten Marken erfüllten 13 nicht die Hygieneanforderungen. Bei jedem fünften Kaviar wurden Kolibakterien gefunden, die Durchfall hervorrufen können. Beim Mineralwasser entpuppten sich von zehn Sorten zwei als leidlich aufbereitetes Altwasser, zwei andere überschritten die zulässige Norm für Radioaktivität.

Den Beamten Druck machen

Aufgedeckt hat das keine staatliche Stelle, sondern eine Privatinitiative. Die Organisation nennt sich Roscontrol, sie hat sich vor drei Jahren gegründet und finanziert sich nach eigenen Angaben durch Spenden. Roscontrol will Nahrungspanschern auf die Finger klopfen, die Öffentlichkeit informieren - und Druck machen auf die Politik, endlich strenger zu kontrollieren.

Antibiotika in der Nationalspeise
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Antibiotika in der Nationalspeise

Roscontrol hat Antibiotika in der bei Russen beliebten sauren Sahne (Smetana) nachgewiesen und bei mehreren Milchproduzenten Ammoniak. Der bislang größte Erfolg gelang den Verbraucherschützern im Juli. Sie testeten gemeinsam mit der Nachrichtenseite "Fontanka" russischen Hüttenkäse: Einige Sorten fingen sogar Feuer. Die Empörung war in Russland so groß, dass sogar die notorisch behäbigen Behörden schnell reagierten: Der Käse wurde aus den Geschäften verbannt.

In den vergangenen Jahren seien "alle Kontrollschranken zwischen dem Produzenten und dem Regal im Laden zerstört worden", sagt Irina Tichmjanowa. Sie ist Sprecherin von Roscontrol. Im Jahr 2010 hatte Dmitrij Medwedew, damals Präsident, sich dafür stark gemacht, bürokratische Hürden für Geschäftsleute zu senken.

Firmen in Russland stöhnen tatsächlich oft über massive Auflagen von Aufsichtsbehörden. Neben den Kontrollen der Gesundheitsbehörden berüchtigt war auch die Brandschutzinspektion. Bekannt sind Fälle, in denen Kontrolleure Unternehmen gezielt zusetzten, um die Eigentümer zu einem Verkauf zu bewegen. Ex-Präsident Medwedews Slogan lautete daher damals, Beamte müssten endlich "aufhören, die Geschäftswelt zu piesacken".

Zertifikate für 20 Euro

Doch statt zu streng sind die Kontrollen nun zu lax. Wer Brot oder Milchprodukte herstellen und verkaufen will, braucht lediglich ein Unbedenklichkeitszertifikat eines Labors vorzulegen - in Russland stellen rund 9000 Firmen solche Dokumente aus. Laut Schätzungen eines russischen Unternehmerverbands sind bis zu 80 Prozent davon Briefkastenfirmen, die also in Wahrheit keinerlei Tests durchführen. Nach Recherchen des Moskauer Wirtschaftsblatts "RBC" verhökern sie die Zertifikate für 500 bis 1500 Rubel, umgerechnet sind das gerade einmal 8 bis 20 Euro.

Die Regierung hat bereits 2014 einen "Kreuzzug" gegen Betrügerlabors angekündigt. Passiert ist allerdings wenig. Die zuständige Aufsichtsbehörde hat weniger als hundert Mitarbeiter und kämpft mit internen Problemen. Sie hat Schulden. Im April wurde zudem ein stellvertretender Leiter der Behörde verhaftet, er soll ein Labor zu Unrecht geschlossen haben. Vor zwei Jahren war schon einmal gegen ihn ermittelt worden, er habe Betrieben Geld abgepresst. Das Verfahren wurde damals eingestellt, allerdings wegen Verjährung.

Tests der privaten Initiative Roscontrol
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Tests der privaten Initiative Roscontrol

Besser aufgestellt ist die staatliche Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor, sie verfügt über rund 100.000 Mitarbeiter. Sie wurde in der Vergangenheit allerdings immer nur dann aktiv, wenn es politisch opportun war. Als es zu außenpolitischen Verstimmungen zwischen Russland und Moldau kam, stoppte Rospotrebnadsor die Einfuhr von Wein aus Moldau, angeblich wegen gefährlicher Schwermetalle. Mineralwasser aus Georgien kam ebenfalls auf die schwarze Liste, angeblich wegen "fehlender Importpapiere". Nach einem Regierungswechsel in Tiflis wurde das Verbot 2013 wieder aufgehoben.

Die Behörde rät zu Omas Hausmittelchen

Und dass Fleisch, Früchte und Gemüse aus der Türkei "nicht Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen entsprechen", fiel der Behörde auch erst am 26. November des vergangenen Jahres auf, just zwei Tage nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei.

Aktuell dürfen die staatlichen Verbraucherschützer aber ohnehin die Lebensmittelhersteller nur noch einmal alle drei Jahre überprüfen. Und Behördenchefin Anna Popowa kann die Aufregung sowieso nicht recht nachvollziehen. Das Problem habe es schließlich immer gegeben, Produktpanschereien seien ein "antikes Thema". Schon ihre Großmutter habe gewusst, was dagegen zu tun sei. Um Verkäufer zu überführen, die auf dem Markt ihrer Milch Stärke, Gips oder anderes beimischten, habe die Großmutter einfach Jod in die Flaschen geträufelt. Gute Milch werde dann braun, gepanschte blau.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Umbodsmadur 29.07.2016
1. Russland und Spanien
soso, "die Kaufkraft der großen Mehrheit der Russen [ist] gesunken. Die Lebensmittelproduzenten stehen deshalb noch stärker als früher unter Druck, Kosten zu senken". Das kommt mir bekannt vor, hier in Spanien ist das auch so. Und auch hier werden durch Korruption nicht zugelassene Chemikalien auf den Markt gebracht, https://es.wikipedia.org/wiki/Carlos_Fabra_Carreras Spanien ist europaeischer Marktfuehrer mit Paprika. Und zwischen Spanien und Deutschland ist kein Embargo. Nur zur Information.
kevinschmied704 29.07.2016
2. da frag ich mich
wenn das so ist, warum werden dann bei uns die Lebensmittel nicht billiger? wir müssen dann ja eine extreme Überproduktion haben, mehr als schon zuvor. Preis Manipulation? hallo reale Marktwirtschaft? was los, funktionierst du nicht, weil der Geldadel, keine Verluste einfahren möchte? ;) ach is das nicht schön am Hebel zu sitzen.... ? ;)
Hackwar 29.07.2016
3. @kevinschmied704
Noch billiger? Sind Sie schon mal in einem Supermarkt ausserhalb von Deutschland gewesen? Lebensmittel in Deutschland sind bereits jetzt unfassbar billig. So billig, dass man damit eigentlich schon keine Qualität mehr produzieren kann. In anderen Ländern kostet das selbe Essen mal eben das doppelte gegenüber deutschen Preisen. (Niederlande, Frankreich, etc.) http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/preise-in-europa-deutsche-leben-guenstiger-als-die-meisten-nachbarn-a-1040064.html
schlutzmitlustig 29.07.2016
4.
Zitat von kevinschmied704wenn das so ist, warum werden dann bei uns die Lebensmittel nicht billiger? wir müssen dann ja eine extreme Überproduktion haben, mehr als schon zuvor. Preis Manipulation? hallo reale Marktwirtschaft? was los, funktionierst du nicht, weil der Geldadel, keine Verluste einfahren möchte? ;) ach is das nicht schön am Hebel zu sitzen.... ? ;)
Noch billiger? Gerade Milchprodukte könnten eine ganze Ecke teurer verkauft werden, sollten sie eigentlich auch. Denn so muss die EU bzw der Staat den Milchbauern, und nicht nur ihnen, mit Subventionen unter die Arme greifen, da sie sonst nicht mehr von den Erlösen leben könnten. Und ja, es gibt eine Überproduktion, aber um die Preise nicht noch stärker verfallen zu lassen werden "überflüssige" Nahrungsmittel vernichtet. So sieht die traurige Realität aus. Der "Geldadel" hat da eher nichts mit zu tun. Aber hauptsache billig. MfG
willibaldus 29.07.2016
5. Nein, die Bauern dürfen nicht pleite gehen.
Zitat von kevinschmied704wenn das so ist, warum werden dann bei uns die Lebensmittel nicht billiger? wir müssen dann ja eine extreme Überproduktion haben, mehr als schon zuvor. Preis Manipulation? hallo reale Marktwirtschaft? was los, funktionierst du nicht, weil der Geldadel, keine Verluste einfahren möchte? ;) ach is das nicht schön am Hebel zu sitzen.... ? ;)
Das ist so gewollt. Trotzdem werden die Betriebe jedes Jahr weniger. Die Landwirtschaft in EU land ist kein Markt. Es wird viel zu viel produziert, durch Subvention auch zu billig und man macht damit in anderen Regionen der Welt die Landwirtschaft kaputt, weil die mit den Dumpingpreisen aus Europa nicht mithalten können.
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