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Rosneft: Der Aufstieg von Putins Tankstelle

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Russland Kreml-Konzern Rosneft greift nach Oligarchen-Imperium

Moskaus Geschäftswelt blickt auf einen sonderbaren Prozess: Ein staatlicher Ölkonzern will von einem Oligarchen drei Milliarden Dollar Schadensersatz. Die Strippen zieht ein Putin-Vertrauter.

Vor einigen Jahren, als die Zeiten noch besser waren für den Moskauer Oligarchen Wladimir Jewtuschenkow, gab der Milliardär einem russischen TV-Sender ein freimütiges Interview. Es ging um die Spielregeln für Russlands Kaste der Superreichen, das kleine Einmaleins der Oligarchen. Das war 2012, das Wirtschaftsmagazin "Forbes" taxierte Jewtuschenkows Vermögen damals noch auf üppige sechs Milliarden Dollar.

Der Milliardär sagte damals: Ruhig schlafen könnten jene Milliardäre, deren politisches Gewicht dem Umfang ihrer Firmenimperien entspreche. Überstiegen aber "die Abmessungen des Geschäfts das Maß des politischen Einflusses, ist es sehr schwer, das eigene Business zu behalten", sagte der Milliardär dem Sender TV Rain.

Jewtuschenkow dachte damals an den Fall des 2003 verhafteten Ölmagnaten Michail Chodorkowski. Inzwischen befindet er sich allerdings selbst in einer ähnlichen Situation. Jewtuschenkow sitzt zwar nicht in Haft. So wie einst Chodorkowski ist aber auch Jewtuschenkows Mischkonzern AFK Sistema ins Visier von Angreifern geraten, mit deren politischem Einfluss der Milliardär nicht mithalten kann.

Russlands mächtigster Konzern

Der Ölkonzern Rosneft   - mehrheitlich in Besitz des russischen Staates und geführt vom Putin-Vertrauten Igor Setschin - greift nach Jewtuschenkows einst stolzem Imperium. Rosneft hat Sistema auf drei Milliarden Dollar Schadensersatz verklagt. Unternehmensbeteiligungen Jewtuschenkows wurden eingefroren. Jewtuschenkows Vermögen ist laut "Forbes" derweil auf weniger als zwei Milliarden Dollar zusammengeschnurrt.

Rosneft ist das einflussreichste Unternehmen in Russland. Nach der Zerschlagung von Chodorkowskis Jukos-Konzern wurden dessen Trümmer Rosneft zugeschlagen. Seitdem hat Rosneft die eigene Ölförderung auf zuletzt 189 Millionen Tonnen pro Jahr verdreifacht. Das Unternehmen allein verfügt über rund sechs Prozent der weltweiten Ölreserven.

Die Namen im Aufsichtsrat von Rosneft lesen sich wie ein Who's who der internationalen Energiebranche. Dort sitzen unter anderem Ex-BP-Chef Bob Dudley, Ex-Exxon-Manager Donald Humphreys sowie der deutsche Putin-Vertraute Matthias Warnig vom Ostseepipeline-Konsortium Nord Stream.

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Rosneft-Aufseher: Unter den Augen eines Deutschen

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Alle Rosneft-Fäden laufen allerdings zusammen bei Igor Setschin, 56. Er war lange stellvertretender Leiter der einflussreichen Präsidialverwaltung des Kreml. Setschin gehört zum innersten Kreis um Präsident Putin: Beide kennen sich seit gemeinsamen Tagen in der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg Anfang der Neunzigerjahre. Setschin war Putins Büroleiter. Er gilt auch als Organisator der Zerschlagung von Chodorkowskis Jukos-Konzern.

Ein zweiter Fall Chodorkowski?

Wiederholt sich die Geschichte nun am Beispiel von Wladimir Jewtuschenkow, dem bedrängten Oligarchen? Das Verfahren Rosneft gegen Sistema ist gespickt mit Merkwürdigkeiten. Rosnefts Klage (Betreff: "Über die Eintreibung von Verlusten") wurde im Mai eingereicht. Die Hintergründe reichen allerdings zurück bis ins Jahr 2014.

Jewtuschenkow war damals schon einmal ins Visier der Justiz geraten. Er war da noch Eigentümer von Baschneft, eines ehemals staatlichen Ölkonzerns, den er 2009 von der Provinzregierung in Baschkortostan gekauft hatte, für zwei Milliarden Dollar.

Bei dem Geschäft soll es Unregelmäßigkeiten geben haben. Ein Richter stellte Jewtuschenkow unter Hausarrest. Die Probleme des Milliardärs endeten erst, nachdem er sich bereit erklärt hatte, die Milliardenfirma Baschneft dem russischen Staat zu überschreiben.

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Rosneft: Der Aufstieg von Putins Tankstelle

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In Moskau wurde schon damals gemunkelt, hinter der Attacke habe womöglich Setschin gestanden. Rosneft dementierte vehement: Baschneft? Kein Interesse! "Damit befassen wir uns nicht", so ein Konzernsprecher.

Eine taktische Lüge? 2016 wurde Baschneft erneut verkauft. Den Zuschlag für fünf Milliarden Dollar bekam Rosneft - obwohl die Regierung in Moskau den Staatskonzern ursprünglich von dem Verkauf ausschließen wollte. Jewtuschenkows Probleme schienen gelöst. Putin selbst verkündete, die Ermittlungen gegen den Oligarchen hätten nichts ergeben. Jewtuschenkow wurde auch wieder zu Treffen mit dem Präsidenten eingeladen.

Dann kam die Rosneft-Klage: Der Ölkonzern wirft Jewtuschenkow nun vor, Baschneft ausgeplündert zu haben - und damit auch den späteren Käufer Rosneft. Dabei geht es um Restrukturierungen bei Baschneft zwischen 2013 und 2014: Sistema trennte damals tatsächlich mehrere nicht zum Geschäftskern gehörende Firmen ab, ein Chemiewerk etwa. An den Börsen kam das gut an: Die Minderheitsaktionäre waren zufrieden, der Baschneft-Gewinn wuchs. Der Kurs der Baschneft-Aktie kletterte, der Börsenwert der Firma hatte sich seit dem Kauf von Baschneft durch Sistema insgesamt verachtfacht.

Moskau verändert die Spielregeln

Jetzt wird über die Restrukturierung von damals gestritten. Rosneft stellt sich auf den Standpunkt, davon erst nach dem Erwerb von Baschneft erfahren zu haben. Dabei hatte nicht nur die Moskauer Wirtschaftspresse groß berichtet, als das Manöver 2014 abgeschlossen war - sondern auch die britische "Financial Times". Baschneft stand damals unter besonderer Beobachtung: Der Ölkonzern stellte sich für einen möglichen Börsengang an der Londoner LSE neu auf.

Davon will Rosneft nichts gewusst haben. Der Staatskonzern hat im Mai Klage gegen Jewtuschenkows Sistema eingereicht. Weil ein Moskauer Gericht den Fall ablehnte, wurde eilig ein zweites Verfahren in der Provinz Baschkortostan eingeleitet, zwei Flugstunden östlich der Hauptstadt.

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Der Fall ist auch deshalb von Bedeutung, weil er zeigt, wie sich die Spielregeln für Russlands Reiche verändern. Michail Chodorkowski geriet ins Visier des Kreml, weil er politische Ambitionen hatte. Er finanzierte die Opposition. Jewtuschenkow hat das nie getan.

Die Vorzeichen für den Sistema-Konzern des Oligarchen sind schlecht: Im Zuge einer Beweislastumkehr fordert das Gericht nun vom Beklagten den Beweis, dass Rosneft keine Milliardenverluste durch die Restrukturierung von Baschneft erlitten habe.

Sistema hat das Gericht gebeten, mit der Bezifferung möglicher Schäden eine global tätige Wirtschaftskanzlei wie KPMG oder PWC betrauen. Das Gericht hat den Antrag abgeschmettert - so wie alle anderen Anträge der Sistema-Anwälte zuvor.

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