Angebliche Arbeiten an Nord Stream 1 Gazprom drosselt Gaslieferungen durch Ostseepipeline um 40 Prozent

Grund soll eine verzögerte Reparatur sein: Russland will die Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 deutlich reduzieren. Der Betreiber Gazprom macht Siemens für die Probleme verantwortlich.
Empfangsstation der Pipeline Nord Stream 1 in Lubmin: Angeblich fehlen Teile

Empfangsstation der Pipeline Nord Stream 1 in Lubmin: Angeblich fehlen Teile

Foto:

Stefan Sauer / dpa

Russland drosselt nach Angaben des Energiekonzerns Gazprom die Gaslieferungen über die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland um gut 40 Prozent. Es könne nur noch eine Durchleitung von 100 Millionen Kubikmetern Gas am Tag anstelle der üblichen 167 Millionen Kubikmeter sichergestellt werden, teilte der Konzern mit.

Grund seien Verzögerungen bei Reparaturarbeiten. Ein Gasverdichteraggregat sei nicht rechtzeitig aus der Reparatur zurückgekommen. Laut dem Unternehmen fehlen derzeit Kompressoren von Siemens am Startpunkt der Pipeline.

»Die Daumenschrauben werden immer enger angezogen, um die Preise und den Druck auf die hiesige Politik hochzuhalten«

Georg Zachmann, Bruegel

Aus der Erklärung von Gazprom ging nicht eindeutig hervor, ob die Siemens AG gemeint ist oder ob es sich um Siemens Energy handelt. Siemens Energy wurde vor einigen Jahren ausgegliedert.

Siemens Energy teilte am Abend mit, eine Gasturbine für einen Verdichter zur Druckerhöhung des Erdgases in der Ostseepipeline werde derzeit in Kanada überholt. »Aus technischen Gründen kann die Überholung dieser aeroderivativen Gasturbinen nur in Montreal durchgeführt werden«, hieß es in der Presseerklärung. »Aufgrund der von Kanada verhängten Sanktionen ist es für Siemens Energy derzeit nicht möglich, überholte Gasturbinen an den Kunden zu liefern. Vor diesem Hintergrund hatten wir die kanadische und deutsche Regierung informiert und arbeiten an einer tragfähigen Lösung.«

Die angekündigten Minderlieferungen durch Nord Stream 1 würden sich pro Woche auf gut 450 Millionen Kubikmeter belaufen. Das entspricht rund sechs Prozent der gesamten EU-Erdgasimporte der vergangenen Woche von knapp 7,5 Milliarden Kubikmetern, wie aus einer Analyse des Brüsseler Thinktanks Bruegel hervorgeht.

»Was hier geschieht, deutet auf ein politisches Spiel des Kreml hin: Die Daumenschrauben werden immer enger angezogen, um die Preise und den Druck auf die hiesige Politik hochzuhalten«, sagte der Bruegel-Energieexperte Georg Zachmann dem SPIEGEL. »Wenn es hier um ein rein technisches Problem geht, können die Russen das Gas stattdessen durch die Transgas-Pipeline über die Ukraine nach Mitteleuropa leiten. Da gibt es noch ausreichend freie Kapazitäten.«

Braucht Europa überhaupt so viel russisches Gas?

Fraglich ist, ob der europäische Markt derzeit überhaupt so viel Erdgas aus Nord Stream 1 benötigt.

»Die Gasflüsse durch diese Pipeline sind schon in den letzten Tagen gesunken; am Montag waren es nur 112 Millionen Kubikmeter«, sagte Tom Marzec-Manser, Chef-Gasstratege des Londoner Analysehauses ICIS. »Dies könnte daran liegen, dass die Nachfrage nach Gazprom-Gas so niedrig ist, weil die Kundenbasis so geschrumpft ist.« Der russische Staatsmonopolist hatte im Streit um die Rubel-Zahlungen einer Reihe von Abnehmern die Belieferung aufgekündigt.

Bundesnetzagentur warnte vor weniger Lieferungen aufgrund von Wartung

Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hatte am Montag über bevorstehende Wartungen an Nord Stream 1 berichtet. »Im Sommer wird NorthStream 1 (gemeint ist die Ostseepipeline Nord Stream 1, Anm. d. Red.) gewartet, da wird es wohl keine Einspeicherung geben«, twitterte Müller als Reaktion auf einen SPIEGEL-Artikel über die noch immer hohen Gasimporte der EU-Staaten aus Russland.

Ziel der Europäer ist es, ihre Gasspeicher vor dem Winter auf mindestens 80 oder – wie etwa in Deutschland – gar 90 Prozent aufzufüllen. Derzeit sind die EU-Reservoirs im Schnitt zu gut 52 Prozent gefüllt, hierzulande sind es mittlerweile etwa 55 Prozent. Die gedrosselten Lieferungen durch Nord Stream 1 dürften es erschweren, die Speicherziele zu erreichen. Unmöglich ist es aber nicht.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Am europäischen Großhandels-Referenzmarkt TTF verteuerte sich eine Megawattstunde zur Lieferung im Juli bis 15.15 Uhr nachmittags um gut zehn Prozent auf 92,29 Euro. Damit ist der Preis aber noch weit weg von seinen Rekordständen Anfang März, als die Megawattstunde zeitweise 300 Euro kostete.

Die russischen Erdgaslieferungen nach Europa sind seit Inkrafttreten der europäischen Sanktionen gegen Moskau wegen der militärischen Intervention in der Ukraine deutlich gesunken. Gazprom unterbrach zudem die Belieferung mehrerer europäischer Kunden, weil diese sich weigerten, für das Gas in Rubel zu bezahlen.

Für Deutschland ist Nord Stream 1 die Hauptversorgungsleitung mit russischem Gas. Die 2011 in Betrieb genommene Pipeline verläuft vom russischen Wyborg nordwestlich von Sankt Petersburg bis nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Durch die Pipeline wurden 2021 nach Angaben der Betreibergesellschaft 59,2 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland nach Europa exportiert.

Maßgeblich vorangetrieben wurde das Projekt auf deutscher Seite vom bis 2005 regierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), auf russischer Seite von Präsident Wladimir Putin. Nord Stream 1 ist die einzige Pipeline, die direkt, also ohne Transitländer, von Russland nach Deutschland führt. Ein Abzweig führt nach Tschechien.

Über die Jamal-Europa-Pipeline, die durch Polen führt, exportiert Gazprom bereits seit Wochen kein Gas mehr in Richtung Westen. Reduziert ist auch die Durchleitung von russischem Gas durch die Ukraine, die deutlich unter Plan liegt. Bereits durch die bisherigen Einschränkungen hatten sich die Energiepreise erhöht, weil insgesamt weniger Gas von Russland nach Europa fließt.

sol/che/AFP/Reuters