Sanktionen Das steckt hinter der deutsch-russischen Handelsflaute

Seit die EU Sanktionen gegen Russland verhängt hat, ist der Handel mit Deutschland um fast die Hälfte eingebrochen. Doch sind daran tatsächlich die Strafmaßnahmen schuld? Die Zahlen deuten auch auf andere Gründe hin.

Moskau
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Von und (Grafiken)


Vertreter der deutschen Wirtschaft plädieren seit Längerem für ein Ende der gegen Russland verhängten Sanktionen, die Strafen würden den deutsch-russischen Handel schwer belasten. Bis zu einer halben Million Arbeitsplätze seien in Deutschland durch Russlandsanktionen in Gefahr, heißt es.

Auch für Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ist die Sache klar: Die Sanktionen sollen bis Ende dieses Jahres fallen. Der Konflikt um die Krim und die Ostukraine ist zwar ungelöst. In Zeiten von Trump und Brexit könne sich Europa "nicht gleichzeitig mit den USA, Russland und Großbritannien anlegen", findet Seehofer.

Aber: Haben die Russlandsanktionen der deutschen Wirtschaft tatsächlich so massiv geschadet?

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In der Tat hat Russlands Außenhandel mit den Ländern der Europäischen Union gelitten. Besonders stark betroffen sind deutsche Firmen. 2013 lieferten sie noch Waren im Wert von fast 38 Milliarden Dollar nach Russland. 2015 waren es nur noch 19 Milliarden, ein Minus von 49,9 Prozent. Vergleichbare Daten für das Jahr 2016 liegen bislang noch nicht vor.

Nur: Sind es tatsächlich die Sanktionen, die den deutsch-russischen Handel abgewürgt haben?

So einfach ist das nicht, das zeigt der Blick auf die Auswertung von Russlands Handelsbeziehungen zu anderen Nationen, die SPIEGEL ONLINE gemeinsam mit STATISTA angefertigt hat. Auch die Ausfuhren Weißrusslands nach Russland sind um 42,9 Prozent zurückgegangen. Weißrussland hat aber gar keine Sanktionen gegen Moskau erlassen. Im Gegenteil: Das Nachbarland ist Teil der von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion.

Ein ähnliches Bild zeigt sich mit Blick auf China, inzwischen Russlands wichtigster Außenhandelspartner. Zwar liegt das Minus bei Chinas Exporten nach Russland deutlich niedriger als im Falle Deutschlands, beträgt aber immerhin 33,8 Prozent.

Der Grund: Während sich die westlichen Sanktionen vor allem gegen einige große Staatskonzerne und Rüstungsfirmen richten, hat Russlands Wirtschaft mit weiteren Problemen zu kämpfen. Da ist zum einen der massive Einbruch des Ölpreises. Im Herbst 2014 brach der Preis pro Barrel von mehr als 100 Dollar ein auf 50 Dollar. Öl- und Gasexporte stellen die wichtigsten Exportgüter Russlands dar. Der Absturz beim Öl führte dazu, dass Russlands Einnahmen aus Energieexporten drastisch sanken. Mit einer gewissen Verzögerung sanken dann auch die Einnahmen aus dem Gasexport, weil die Preise für russisches Erdgas oft an die Entwicklung am Ölmarkt gekoppelt sind.

Während Russland noch 2013 mehr als 500 Milliarden Dollar mit Energie-Exporten verdient hatte, waren es 2015 nur noch 343,9 Milliarden Dollar. Salopp gesprochen blieb Russland und den Russen damit auch deutlich weniger Geld, um Produkte aus dem Ausland zu kaufen, etwa Waren aus Deutschland.

Neben Sanktionen und Ölpreis-Verfall beeinflusst ein dritter Faktor den Einbruch beim russischen Außenhandel: die strukturelle Krise der russischen Wirtschaft. Wachstumsraten von sechs bis sieben Prozent wie kurz nach Wladimir Putins Amtsantritt im Jahr 2000 hat Russland schon lange nicht mehr erreicht. Bereits 2013 - also lange vor Ausbruch der Ukrainekrise und Verhängung der Sanktionen - fiel das russische Wachstum auf nur noch 1,3 Prozent.

Die russische Wachstumsschwäche ist ein Problem für deutsche Maschinenbauer. Sie haben in der Vergangenheit stark von russischen Investitionen in neue Produktionsanlagen profitiert, also von Russlands wirtschaftlicher Aufholjagd. Die ist allerdings bereits seit Längerem vorbei: Schon 2013 lagen die Nettoanlageinvestitionen in Russland bei - 0,2 Prozent - und damit erstmals seit Jahren im negativen Bereich.

Mehr zum Thema: Agrarboom in Russland - Sanktionen? Super!

Nachdem der Westen wegen der Ukrainekrise gegen Russland vorgegangen war, rief Moskau Peking zum neuen strategischen Wunschpartner aus. Chinesische Produzenten sollten die Lücken füllen, die vor allem deutsche Produzenten hinterließen. Das Kalkül ist bislang nur teilweise aufgegangen. China hat seinen Anteil an Russlands Importen zwar gesteigert. China nimmt Deutschland allerdings schon seit mehr als 15 Jahren kontinuierlich Marktanteile in Russland ab.

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insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
grbxx 22.02.2017
1. Wir sollten die Öl- und Gasimporte stoppen
Früher oder später ist es sowieso soweit, und Russland kann das nur mit neuen Produkten ersetzen. Diese setzen freies Denken, funktionierendes Recht und einen freien Markt voraus.
p11 22.02.2017
2. Interessanter Beitrag! Weiter so!
Das ist endlich mal Journalismus wie ich ihn mir wünsche. Kritisch wird hinterfragt, was von der Politik erzählt wird. Dann hat jemand nachgeforscht und berichtet mit Fakten über eine doch etwas anders wirkende Sachlage, als uns von einigen Damen und Herren erzählt wird. Bitte, bitte! Mehr davon! Nachplappern, was die Politker sagen machen doch schon die anderen ;-)
wopress1104 22.02.2017
3. Hat Obama / Merkel gut gemacht
Die Sanktionen wurden doch aus Anregung von Obama/Merkel verhängt ohne an die Auswirkungen zu denken. Die Sanktionen bewirken nämlich rein gar nichts, sonder geben Russland ehr einen Anreiz zur weiteren Entwicklung. Schaden tun die letztendlich uns.
mordellus 22.02.2017
4. Ein Märchen
Komisch warum ist in Deutschland immer noch die Meinung stark verbreitet, dass Russland für die deutsche Wirtschaft so wichtig ist. Die Zahlen sagen etwas anderes. Deutschland exportiert nach Russland nicht viel mehr als nach Polen. 2015 sogar viel mehr, - noch ein Märchen über Russland.
1lauto 22.02.2017
5. mehr Weißwurstsenf
Exportieren! Den guten Händelm... z.B.. http://de.rbth.com/lifestyle/2014/03/15/haxn_mit_wodka_28521 Oder fällt der auch unters Embargo? Dual use ist denkbar! Der Artikel ist ansonsten zu loben, bietet er doch Information und erfreulich wenig Agitation
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