Trotz hoher Inflation Russische Zentralbank erwägt Zinssenkung

Zentralbankchefin Nabiullina könnte der durch die Sanktionen angeschlagenen russischen Konjunktur durch eine weitere Zinssenkung helfen. Sie mahnt aber auch einen umfassenden Strukturwandel der Wirtschaft an.
Bürogebäude in Moskau

Bürogebäude in Moskau

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Alexander Zemlianichenko / AP

Hohe Zinsen können dabei helfen, die Folgen der Inflation aufzufangen. Obwohl diese Mitte April bei 17,62 Prozent liegt, hat Zentralbankchefin Elvira Nabiullina eine erneute Senkung der im Zuge des Rubel-Verfalls hochgesetzten Zinsen in Aussicht gestellt.

»Wir werden die Möglichkeit einer weiteren Senkung in den kommenden Sitzungen in Betracht ziehen«, sagte Nabiullina vor dem Parlament. Die nächste Entscheidung steht am 29. April an. Höhere Zinsen können die Nachfrage nach Krediten für Konsum und Investitionen und damit den Preisauftrieb dämpfen. Sinkende Zinsen wiederum können der Konjunktur auf die Sprünge helfen.

Nachdem die Zinsen infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zunächst von 9,5 auf 20,0 Prozent angehoben worden waren, wurden sie inzwischen bereits auf 17 Prozent zurückgenommen. Durch die Heraufsetzung hatte Nabiullina einen weiteren Absturz der Landeswährung verhindert .

Doch durch Zinspolitik allein dürfte die russische Wirtschaft nicht mit den westlichen Sanktionen infolge des Einmarschs fertig werden können. Nabiullina sieht die heimische Wirtschaft vielmehr vor einem Strukturwandel.

Problem für den Bankensektor: Menschen räumten in Panik Konten leer

»Probleme können selbst bei einer Produktion mit hohem Lokalisierungsgrad auftreten«, warnte sie. So stelle Russland etwa sein eigenes Papier her, verwende dabei aber ausländische Bleichmittel. Auch würden im Ausland hergestellte Verpackungsmaterialien für in Russland produzierte Lebensmittel dringend benötigt.

Die Umstellung gehe nicht von heute auf morgen. »Das alles braucht Zeit«, sagte die Währungshüterin. Zuvor hatte sie allerdings auch gemahnt: »Der Zeitraum, in dem die Wirtschaft von den Reserven leben kann, ist endlich.«

Nabiullina kündigte nun eine Prüfung der Devisenkontrollen an. Es müsse eine Situation vermieden werden, bei der der Rubelkurs auf dem Schattenmarkt vom offiziellen Niveau abweiche.

Russland will auch die vom Westen verhängte Blockade russischer Gold- und Devisenreserven nicht hinnehmen. Dagegen seien rechtliche Schritte geplant, hatte die Zentralbank bereits am Wochenende angekündigt. Durch die ausländischen Sanktionen wurden etwa 300 der insgesamt rund 640 Milliarden Dollar großen Gold- und Devisenreserven eingefroren.

Russische Privatkunden hatten im März Devisen im Wert von 9,8 Milliarden Dollar von ihren Konten abgehoben. »Der Bankensektor war mit einem erheblichen Abfluss von Geldern der Bevölkerung konfrontiert«, sagte der für Bankenregulierung zuständige Notenbankdirektor Alexander Danilow. »Menschen haben in Panik Geld von ihren Konten genommen.«

Zugleich sind seit Kriegsbeginn am 24. Februar fast alle Preise gestiegen – ob für Gemüse, Zucker oder Smartphones. Die Inflationsrate ist auf dem höchsten Stand seit rund 20 Jahren.

Der Kampf gegen die Geldentwertung bleibe die wichtigste Aufgabe, sagte Nabiullina. Sie geht davon aus, dass die Zielmarke der russischen Zentralbank von vier Prozent erst 2024 wieder erreicht werden dürfte.

apr/Reuters
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