Bei Gaslieferstopp Verband warnt vor Wirtschaftseinbruch um 12,7 Prozent

Würde ein vollständiges sofortiges Ende russischer Gaslieferungen Deutschland härter treffen als gedacht? Darauf deutet eine Studie im Auftrag einer Wirtschaftsvereinigung hin, die besonders zwei Branchen unter Druck sieht.
Aufschrift auf dem Straßendeckel über einer Gasleitung in einem Wohngebiet

Aufschrift auf dem Straßendeckel über einer Gasleitung in einem Wohngebiet

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Wie schwer würde ein vollständiger Stopp russischer Gaslieferungen Deutschland treffen? Darüber gehen die Meinungen auch bei vielen Wirtschaftsexperten deutlich auseinander. Das hat unter anderem damit zu tun, dass schwer zu kalkulieren ist, wie schnell sich Firmen an einen Gasmangel anpassen könnten oder ob im Gegenteil ganze Branchen stillstehen und Belegschaften in die Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit geschickt würden.

Eine Untersuchung im Auftrag der bayerischen Wirtschaft rechnet nun für den Fall einer vollständigen und abrupten Unterbrechung der Lieferung mit einem düsteren Szenario. Sollte im zweiten Halbjahr – also von Juli an – kein russisches Gas mehr zur Verfügung stehen, könnte Deutschlands Wirtschaftsleistung um 12,7 Prozent einbrechen (die vollständige Untersuchung finden Sie hier ).

Das geht aus Berechnungen von Prognos hervor. Das Institut hat die Berechnungen im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) vorgenommen. Deutschland würde »in eine tiefe Rezession gleiten«, sagte Prognos-Chefvolkswirt Michael Böhmer. »Insgesamt wären rechnerisch etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze von den Folgen betroffen«, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw.

Glasindustrie wäre am stärksten betroffen

Böhmer sagte, die Industrie stehe für 36 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland. Ohne russisches Gas hätte sie nur noch die Hälfte des Energieträgers zur Verfügung. Zur Stromerzeugung könnte sie teilweise auf andere Energien ausweichen. Aber für die Chemieindustrie sei Gas ebenso unverzichtbar wie für die Glasindustrie oder die Walzwerke der Stahlindustrie.

Ohne Lack, Glas oder Stahl wiederum kämen die Autoindustrie und viele andere Branchen in Bedrängnis. In der Autoindustrie und in der Lebensmittelbranche wäre der Schaden am größten. Ein großer Teil der fehlenden Produkte könnte zwar durch Einkäufe im Ausland ersetzt werden, aber »es pflanzt sich am Ende auf die gesamte Volkswirtschaft fort«, sagte Böhmer.

Am härtesten getroffen wäre in dem Szenario demzufolge die Glasindustrie mit einem Produktionsrückgang von fast 50 Prozent, gefolgt von der Roheisenverarbeitung (minus 34 Prozent). Die für Deutschland so wichtige Autoproduktion würde laut Prognos um 17 Prozent schrumpfen.

200 Milliarden Euro verlorene Wertschöpfung?

Die Studie untersuchte die Folgen eines plötzlichen russischen Gaslieferstopps von 1. Juli bis Ende Dezember. Im Gegensatz zu einigen früheren Studien habe Prognos einzelne Produktionsprozesse und deren Bedeutung für andere Branchen in den Blick genommen, betonte Böhmer. Mit starken Anstrengungen könnte ein Viertel des Gasverbrauchs ersetzt oder eingespart werden. Dazu gehöre zum Beispiel auch, Wohnungen etwas weniger zu heizen. Aber die Industrie müsse schon ab Juli mit einer Deckungslücke von 50 Prozent rechnen. »In Summe droht damit ein Wertschöpfungsverlust von 193 Milliarden Euro« in einem halben Jahr, sagte Brossardt und mahnte zur Vorbereitung: »Putin kann uns jederzeit den Gashahn abdrehen.«

Zur Stromerzeugung könne Gas kurzfristig durch Öl und Kohle ersetzt werden. Die letzten drei deutschen Atomkraftwerke steuerten etwa sechs Prozent zur Stromerzeugung bei, ihre Laufzeit könnte verlängert werden. Langfristig bremse der ambitionierte Ausbau aller erneuerbaren Energien die Strompreise und befreie von einseitigen Abhängigkeiten im Energiesektor, sagte Brossardt.

Andere Ökonomen mit deutlich moderateren Prognosen

In der Vergangenheit waren andere Untersuchungen zu dem Schluss gekommen, dass ein Lieferstopp eher moderate Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit hätte. So bezifferte ein Team um den Ökonomen Rüdiger Bachmann die Verluste auf einen Wert von 0,2 bis 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute schätzte die Folgen für die Jahre 2022 und 2023 zusammengenommen auf etwa 6,5 Prozent. Der Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Tom Krebs wiederum gab eine Schätzung zwischen 3,2 bis 8 Prozent des BIP ab.

beb/dpa
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